Josef Penninger – mit Haut und Haaren Wissenschaftler

Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2006

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Der österreichische Biologe Josef Penninger, 41, ist ein internationaler Star in der Wissenschaft. Beim Brunch spricht er über sein Verständnis von Wissenschaft: Talent, Ausdauer und finanzielle Unabhängigkeit

20 Uhr 30, Café Schwarzenberg, Wien. Für das Interview hat Josef Penninger eines der Wiener Kaffeehäuser aus der Zeit der Österreich-Ungarischen Monarchie ausgewählt, die den altmodischen Charme des 19. Jahrhunderts sorgfältig kultivieren. Ich bin kein Frühaufsteher und schon gar nicht an einem Montag, aber der Biologe, der ein wenig zerzaust und mit einem Lächeln im Gesicht zum Interview kommt, hat Energie für zwei. War es diese Energie, die ihn aus einem winzigen österreichischen Dorf an die Spitze des berühmten Institute of Molecular Biology in Austria (IMBA) geführt hat? „Eher eine Folge von Zufällen“, entgegnet er lächelnd. „Ich bin fortgegangen, um Landarzt zu werden. Als kleiner Junge wusste ich noch gar nicht, dass Wissenschafter ein Beruf ist.“ Er studiert in Innsbruck Medizin und schließt mit einer Dissertation in Immunbiologie ab. Dann trifft er an einer Bushaltestelle in Paris eine Kanadierin und beschließt, sein Glück in Übersee zu versuchen. „Nach drei Jahren wollte ich nach Europa zurückkehren, aber mir wurde mehrfach gesagt, mein Forschungsgebiet sei hier nicht von Interesse“, erinnert sich Penninger.

Letztlich bleibt er 13 Jahre in Toronto, heiratet, wird Professor für Immunologie und Professor für Medizinische Biophysik an der University of Toronto und Vater dreier Kinder. Er arbeitet an einem Krebsforschungsinstitut in Ontario und entdeckt unter anderem das Gen, das für die Bildung fast aller Knochenkrankheiten zuständig ist. Damit ebnete er den Weg für vielfältige pharmazeutische Anwendungen. Die Preise und Auszeichnungen, die er daraufhin bekommt, reichen vom E. Rauwls Preis im Jahr 1999 für seine jahrelange Krebsforschung bis zur Aufnahme in die von der Zeitschrift Esquire herausgegebene Liste der zehn angesehensten Forscher der Welt im Jahr 2002. Die europäischen Forschungsinstitute beißen sich auf die Finger.

Freie Fahrt für die Immunbiologie

Dann kommt das Angebot der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das er nicht ablehnen kann: er soll ein eigenes Institut aufbauen, von A bis Z. Penninger will in Wien die gleichen Forschungsbedingungen schaffen, die er in Kanada kennen gelernt hat. „Wir sprechen uns mit Vornamen an, es gibt weder dumme Hierarchien, noch aufgebauschte Titel“, erklärt er. Im europäischen Hochschulsystem, das immer noch in antiquiertem Hierarchiedenken verhaftet ist, fehlen diese Offenheit und Freiheit. „Die Jungen sind es, die Innovationen vorantreiben. Es ist ihr Verdienst, nicht das veralteter Professoren“, gerät er in Rage. Sein Forschungsstil ist effizient: nach kaum zweieinhalb Jahren mischt das IMBA in der Liga der ganz großen mit. Seinem Forscherteam ist die Aufklärung der molekularen Mechanik bei Infektionen mit dem SARS-Virus und anderen Lungenkrankheiten zu verdanken.

Labor für europäische Talente

Der Biologe lässt sich bereitwillig auf das Spiel mit den Medien ein und nimmt seine Rolle als Sprachrohr der Wissenschaft ernst: „Das so genannte ‘breite Publikum’ möchte gerne in die Wissenschaft hineinschnuppern, und gute Wissenschaft ist nicht schwer zu verstehen, weil sie einfach und einleuchtend ist. Es ist wie in der Oper: wenn die Musiker schlecht sind, werden sie mit Tomaten beworfen. Die richtige Vermittlung von Wissenschaft muss es dem Publikum ermöglichen, die schlechten Wissenschaftler auszupfeifen“.

Politiker sind Penningers beliebteste Zielscheibe. Er möchte sie überzeugen, mehr Geld in die naturwisschenschaftliche Forschung zu investieren. Würde man seinen Vorschlag in Brüssel gründlich lesen, könne die Wissenschaft sogar ein Pfeiler der europäischen Integration werden, so die Überzeugung des Wissenschaftlers. Er fordert großzügigere Subventionen, dabei müsse aber zwischen öffentlicher und privater Forschung unterschieden werden. „Die Nanotechnologie, die Biotechnologie … solche Definitionen sind lächerlich. Man muss einfach in begabte Leute investieren und sie arbeiten lassen. In welchem Land auch immer“. Seine Empfehlung an die Politik lautet daher auch, die Fördergelder aus dem gemeinsamen Fonds der 25 EU-Mitglieder an die besten Forscher und die besten Projekte zu vergeben, ganz egal aus welchem Land sie stammen. „Und wenn die Hälfte des Geldes nach Großbritannien geht, weil die besten Forscher nun einmal dort arbeiten, halb so schlimm!“ legt er nach.

Oasen der Wissenschaft

Europa könne durch ein weniger auf Konsens ausgerichtetes und dafür wettbewerbsfähigeres System das Potential seiner Forscher viel besser und umfassender nutzen. „Die Forschung ist eine große Wüste mit einigen Wasseradern. Die richtige Strategie wäre, Leute zu engagieren, die diese Wasseradern aufspüren und ihnen die Mittel zur Verfügung zu stellen, die Oasen zu entdecken. Wenn die kleinen Institute und die amerikanischen Industrieriesen dieselbe Wasserader ansteuern, wer wird wohl der schnellere sein?“

In seinem Arbeitsalltag geht Penninger der EU-Maschinerie so gut es geht aus dem Weg. „Wir freuen uns jedes Mal, wenn wir mit Kollegen aus der EU zusammen arbeiten. Aber ein Projekt zu koordinieren…. Nein danke. Das ist ein Alptraum an Verwaltungsaufwand“ beklagt er. Trotzdem ist der Wissenschaftler ein überzeugter Europäer. „Was in den letzten Jahrzehnten passiert ist, ist atemberaubend. Als Kind lebte ich in der Nähe der tschechischen Grenze und wir haben nie einen Fuß zu den Nachbarn gesetzt. Seitdem sind die Grenzen aufgehoben worden, wir haben eine einheitliche Währung…. Man wächst zusammen!“ Er erkennt auch die Vorteile der europäischen Programme wie Erasmus an: „Es ist sehr wichtig, dass die Kinder begreifen, dass ihr Land nicht der Nabel der Welt ist und dass es überall Idioten und nette Leute gibt – egal welche Sprache sie sprechen oder welcher Religion sie angehören. Die wissenschaftliche Forschung hat die geographischen Grenzen schon seit ewigen Zeiten überwunden.“ Und er fasst lachend zusammen: „Im Grunde hegen wir doch alle dieses altruistische Gefühl, unserem Nächsten eines Tages helfen zu können. Zumindest kann man es versuchen“.