Jonas Bloquet: „Schweigen ist keine Option“

Artikel veröffentlicht am 6. März 2017
Artikel veröffentlicht am 6. März 2017

Jonas Bloquet ist erst 24 Jahre alt, aber er hat bereits mit einigen der bekanntesten europäischen Regisseure zusammengearbeitet. Außerdem war er für einen der angesehnsten französischen Filmpreise nominiert. Wir haben uns mit dem belgischen Schauspieler getroffen, um mehr über seine Reise zur Verleihung der diesjährigen Césars zu erfahren.

Jonas Bloquet sieht nicht wie ein Star aus, wenn man ihn in dem hippen Pariser Café ganz in der Nähe des Place Vendôme sitzen sieht, wo er an seinem Orangensaft nippt. Mit seinen Bartstoppeln und dem etwas zerzausten, sandfarbenen Haar, würde man ihn eher für einen Studenten als für einen Schauspieler halten. Noch weniger für einen Schauspieler, der für einen César (den französischen Oscar) nominiert ist. Aber andererseits schaffen die wenigsten Schauspieler den Durchbruch wegen einer Anzeige am schwarzen Brett eines belgischen Tennisclubs.

„Sie suchten nach einem Typen zwischen 15 und 17, der die Hauptrolle in diesem Film spielen sollte [Elève libre; AdR]“, sagt Jonas. „Sie wollten jemanden, der noch komplett unbekannt war.“ Die Schauspielerei hatte der damals 14-Jährige überhaupt nicht auf dem Schirm. Er bereitete sich auf das baccalaureat scientifique - das Abitur mit Schwerpunkt Naturwissenschaften - vor und wollte Ingenieur werden. Seine Mutter überzeugte ihn schließlich, beim Casting mitzumachen.

„Ich habe also meine Profilfotos da hingeschickt. Erst haben sie abgesagt, weil ich zu jung war, aber ein paar Monate später riefen sie an und luden mich zum Vorsprechen ein. Ich überstand die erste Runde des Castings, dann die zweite und plötzlich hatte ich meine erste Rolle. Das hat tatsächlich etwas in mir geweckt.“

Seitdem ging Jonas’ Karriere steil nach oben. Er spielte in englischsprachigen Filmen wie The Family von Luc Besson und Three Days to Kill von McG mit. Im letzten Jahr übernahm er die Rolle des impotenten Sohns von Isabelle Huppert in Elle - dem aktuellen Film des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven.

Jeder wäre verständlicherweise völlig von den Socken, bei der Aussicht, mit so berühmten Filmemachern arbeiten zu können - da ist Jonas keine Ausnahme. „Anfangs ist es immer ziemlich stressig“, gibt er zu. „Man weiß nie, wie dieses erste Treffen laufen wird. Aber dann merkt man schnell, dass die auch nur zwei Arme und Beine und einen Kopf haben. Genau wie man selbst. Und dann redet man mit ihnen, wie mit jedem anderen auch. Abgesehen davon finde ich, dass Filmleute eher offen für Austausch und Diskussion sind und gerne neue Leute treffen.“

Für Jonas ging es beim Dreh von Elle darum, Leute aus ihrer Komfortzone zu holen: nicht nur, weil die Handlung recht düster ist (es geht um eine vergewaltigte Frau, die beschließt, sich an ihrem Peiniger zu rächen), sondern auch, weil es Paul Verhoevens erster Film auf Französisch ist.

„[Paul] sprach nur Französisch am Set“, erzählt Jonas. „Das ganze Team bestand aus Franzosen und er wollte kein Englisch sprechen. Ihm war es wichtig, dass das ganze Team eine Symbiose bildet und dazu gehörte auch, dass alle Französisch sprachen.“ Darauf zu pochen, eine Fremdsprache zu sprechen, kann Jonas gut verstehen, da er selbst schon bei englischsprachigen Filmen mitgewirkt hat. Erstaunlicherweise spreche er sogar lieber in einer anderen Sprache, sagt Jonas, da ihm das mehr Freiheit ermögliche.

Bloquet bewundert Besson

„Englisch hat etwas sehr Melodisches“, sinniert er. „Man kann viel einfacher auf Englisch als auf Französisch singen. Wenn ich an einem Casting auf Englisch teilnehme, habe ich kein Problem damit, richtig aus mir herauszugehen. Es ist so viel einfacher, nicht auf Intonation oder ähnliches zu achten, sondern sich einfach auf die Rolle zu konzentrieren.“

Er schreibt dem englischsprachigen Kino ein ganzes Gefühl zu: „Ich habe den Eindruck, dass das englischsprachige Kino viel mehr Risiken eingeht. In Frankreich bleiben die Sachen eher realistisch - aber ich mag das Abstrakte des Theaters, und das sieht man in englischsprachigen Filmen viel häufiger.“

Allerdings gibt es da einen französischen Regisseur, den Jonas sehr bewundert. „Ich finde die Arbeit von Luc Besson ganz großartig. Das französische Kino hat ihm so viel zu verdanken - als Kunstform und als Geschäftsmodell. Luc Besson trägt dazu bei, das französische Kino in die ganze Welt zu bringen und das finde ich fantastisch. Er gibt dem französischen Kino neuen Schwung. Ich bin ein großer Fan seiner frühen Filme, wie Léon - der Profi oder Das Fünfte Element. Darum habe ich so sehr dafür gekämpft, bei Valerian mitmachen zu können.“

Bessons neuester Film, Valerian - die Stadt der Tausend Planeten, hat eine französische Science-Fiction-Comicreihe zur Vorlage. Mit einem Budget von 197 Millionen Euro ist es mit Abstand der teuerste französische Film, der jemals gedreht wurde. Jonas bekam durch den Film die Chance, ein völlig neues Register seiner Schauspielkunst auszuprobieren. „Ich habe vier Tage lang in einem Motion-Capture-Anzug gedreht, mit Sensoren an allen erdenklichen Körperstellen und auf 20 Zentimeter hohen Stelzen, um mich größer wirken zu lassen. Das war eine unglaubliche Erfahrung; das passiert nicht alle Tage in Frankreich.“

Trotz so vieler prominenter Rollen in so kurzer Zeit, war der junge Schauspieler doch erstaunt, als er hörte, dass er für den Preis des besten Nachwuchskünstlers bei den diesjährigen Césars-Verleihungen nominiert war. Tatsächlich war seine Reaktion eher verhalten, als sein Manager anrief, um ihm mitzuteilen, dass er in der engeren Auswahl sei: „Erst habe ich nur 'Oh, cool' gesagt. Aber mit der Zeit kommen immer mehr Leute, die dir sagen 'Du musst gewinnen, du musst einfach gewinnen'. Und langsam fängst du an, es trotz deiner Zweifel selbst zu glauben.“

Schweigen ist keine Option

„Am Tag der Nominierung war ich dermaßen angespannt. Anderthalb Stunden lang haben mir Freunde und Familie Nachrichten geschickt und gefragt, ob es geklappt hat. Aber ganz ehrlich: Ich war schon mit der Nominierung glücklich.“

Durch den neuen US-amerikanischen Präsidenten, der sich gegen die „liberale Elite“ stellt, für die Hollywood steht, wundert es nicht, dass viele Dankesreden bei Preisverleihungen in diesem Jahr weitaus politischer waren als normalerweise. „Es gibt immer Leute, die über Politik reden. Das französischsprachige Kino ist sehr durch soziale Themen geprägt. Unsere Filme beschäftigen sich eingehend mit der Gesellschaft. Und wenn wir dann mitten bei einer solchen Preisverleihung sind und so viele Menschen zuschauen, müssen wir einfach unsere Meinung kundtun. Wenn man einen Film dreht, zeigt man auch eine Kultur, sogar eine ganze Nation. Und man bringt eine Botschaft rüber, die die Menschen zum Nachdenken anregt. Deshalb ist Schweigen keine Option.“

Nachdem er den Rest seines Glases geleert hat, sagt Jonas, er sei trotzdem optimistisch, was Frankreichs politische Zukunft angeht: „Ich glaube nicht, dass 2017 das Jahr von Marine Le Pen werden wird. Ich mache mir Sorgen darüber, was in fünf oder zehn Jahren sein wird. Aber im Moment, nach dem Schock der Wahl von Donald Trump, glaube ich, dass viele Franzosen ihre Kräfte zusammenlegen werden, um eine Präsidentschaft von Le Pen zu verhindern.“