Joly, Hulot oder das Rennen um den Thron mit den Pariser « Öko-Geeks »

Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2011
Eva Joly, Kontrahentin von Nicolas Hulot für die Vorwahlen für die Präsidentschaft mit der grünen Partei Europe Ecologie-Les Verts findet, dass „Paris modern und zukunftsgerichtet – daher auch die Bedeutung der grünen Wählerschaft.“ Doch weit entfernt von der Politik der urnen monopolisieren eine Hand voll öko-Geeks die Organisation der Partei.
Und sie haben vor allen anderen verstanden, dass das Netz Schlüssel der Präsidentschaftskampagne werden könnte.

In seinem Element im Park Buttes-ChaumontMan nehme ein junges Mitglied der italienischen Partito Democratico auf den Arm, indem man ihn fragt, wie alt der Programmierer von Eva Jolys Webseite sei: „19! lautet die Antwort“. Elliot Lepers – grüne Hose und breites Grinsen – erfreut sich der Sonnenstrahlen im Pariser Park Buttes-Chaumont, wo er ein Picknick zu Ehren der französischen Grünen-Kandidaten Eva Joly organisiert. Es sind glückliche Familien und dutzende Studenten gekommen. Letztere haben sich zum ersten Mal als Mitglieder einer Partei eingetragen. „Ich studiere Dekoration, aber ich wollte mich auch politisch weiterbilden. Nach zwei aktiven Monaten in der Partei bin ich bereits stellvertretender Sekretär im 13. [Pariser] Arrondissement geworden. Und ich habe mich außerdem um die Webseite der Regionalwahlen gekümmert. Und aktuell um die Webseite von Eva.“ Falsche Bescheidenheit ist hier fehl am Platz, denn die Öko-Geeks wie Elliot haben die französischen Grünen ordentlich umgekrempelt: Ungefähr 300 junge Leute haben ihre technischen Kenntnisse kostenlos zur Verfügung gestellt. Sie kennen sich aus mit Grafikdesign oder sind Künstler des Programmierens. Während der Kampagne sollen sie auch bezahlt werden: „Wir sind eine kleine Partei, die 2007 nicht über die 5% Hürde gekommen ist, wir versuchen mit wenig Mitteln auszukommen.“

Eva Joly beobachtet Elliot – nicht ohne Stolz – und dankt anschließend den 'écolo- geeks', „die wirklich tolle Filme nach den ganz normalen Helden aus meinen Büchern gedreht haben.“ Genau diese sind ihre mediale Ressource im Kampf um Wählerstimmen mit Nicolas Hulot, dem ehemaligen Fernsehmoderator der TF1-Sendung Ushuaïa, Gründer der gleichnamigen Stiftung und Initiator des so genannten 'Pacte écologique', den die Kandidaten von 2007 – Sarkozy inklusive – unterschrieben haben. Hulot muss die Aktivisten „einen nach dem anderen“ überzeugen, denn, so erklärt er, „jedermann versteht meinen Werdegang nicht, doch 90% unter ihnen wechseln ihre Meinung, nachdem sie mich gehört haben.“

Hulot contra Joly oder Ushuaïa gegen Elf

Insgesamt haben sich ca. eintausend neue Parteimitglieder in den Kampf um die Vorwahlen gestürzt. Es sind besonders junge Menschen, die „zum ersten Mal Politik in einer offenen, nicht so strikten und geselligen Partei machen können“, erklärt Tamara, eine 30-jährige Forscherin. Sie hat noch bei keinem Rendezvous zu den Vorwahlen gefehlt: „Es ist faszinierend Teil einer neuen Kreation zu sein, zu sehen, wie sie langsam aber sicher Form annimmt. Ich habe in verschiedenen Meetings sogar ehemalige Gaullisten gesehen, die von Rechts-Mitte enttäuscht waren und heute von ökologischen Ansätzen überzeugt sind.“

Grüner werden: « Notwendigkeit nicht Mode! »

60% der Grünen-Anhänger hoffen momentan auf Hulot als ihren Kandidaten für die PräsidentschaftswahlenIn Deutschland haben die Grünen kürzlich mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg ihren ersten Ministerpräsidenten gestellt. In Frankreich hat es immer Höhen und Tiefen gegeben. „Sie haben 1989 und 1992 hier gute Resultate eingefahren und selbst die [rechtspopulistische] Front National eingeholt“, erinnert sich der Soziologe Erwan Lecoeur, Autor des Buches Des écologistes en politique (Ökologen in der Politik; A.d.R.). „Die grüne Wählerschaft in Paris ist nicht 'bourgois', es handelt sich eher um Bohémiens, die in den Vierteln im Nord-Osten der Hauptstadt wohnen, studiert haben und überdurchschnittlich gut verdienen.“ Historisch mag diese These gelten, aber die Dinge haben sich geändert. „Seit 2009, zu dem Moment als sich Europe Ecologie-Les Verts (EELV) mit einem glaubwürdigen Team vorstellte (Eva Joly, Daniel Cohn-Bendit, José Bové; A.d.R.), haben sich auch traditionelle Linkswähler, Wahlenthalter oder Arbeitslose angeschlossen.“

Im Mai fanden in der Bellevilloise, einem schicken Club im 20. Pariser Arrondissement, die ersten Generalversammlungen zur Atomenergie statt: eine ideale Vitrine für die Kandidaten gegenüber dem harten Kern der französischen Grünen. „Einer der Pfeiler hier ist Guy Philippon, ein 84-jähriger Aktivist, der aktuell die Veranstaltung 'dîner biologique' (Bio-Dinner) für Eva Joly ausrichtet“, erklärt Patrick Farbiaz, Sekretär des 20. Arrondissements, nach einem beißenden Kommentar zur gar nicht so grünen Shampoo-Werbung der Marke Ushuaïa von Nicolas Hulot. „Die Grünen fahren hier 30% der Stimmen ein und wir haben ca. 200 Mitglieder; historisch gesehen kommen sie aus dem Kleinbürgertum.“ Warum Grün soviel Erfolg in Paris verzeichnet? „Ganz einfach, niemand widersetzt sich ökologischen Themen, da es nur wenige Autos gibt. Manchmal ist es sogar schwierig, eine Benzinpumpe zu finden. Es fehlt an Grünflächen in Paris, daher werden Stadtgärten, Bio-Anbau und AMAPs gefördert. All diese Sachen sind in Paris eine Notwendigkeit, nicht nur ein Modephänomen.

Zweischneidige Vorwahlen

Die ursprüngliche Norwegerin hat sich einen Namen als Magistratin in der so genannten Elf-Affäre gemachtDie Vorwahlen kündigen sich als heikel an. „Dany le rouge“ (Daniel Cohn-Bendit) hat dieses Mal nicht am Parteikongress Anfang Juni teilgenommen. Der Politiker ist gegen die Teilnahme der Grünen an der französischen Präsidentschaftswahl 2012. „Die Grünen kapieren nicht, dass man auf manche Wahlen einfach verzichten sollte“, sagt Erwan Lecoeur. Ihm zufolge werde sowieso jeder in der Vorrunde PS (Sozialisten) und UMP (Konservative) wählen, um der fragwürdigen Marine Le Pen [Tochter des Front National-Gründers Jean-Marie Le Pen, der es 2002 gegen Chirac in die Endrunde geschafft hatte; A.d.R.] den Weg zu versperren. Die Grünen riskieren also erneut, die in die Kampagne investierten Kosten nicht zurückerstattet zu bekommen. Einzig die Parteien, die die 5-Prozent-Hürde knacken, erhalten die Investition vom Staat zurück.

Die Grünen riskieren außerdem eine interne Spaltung aufgrund der zwei Hauptkandidaten. Und das, trotz des Talents der jungen Parteisekretärin Cécile Duflot, die in ihrer Rolle als nicht parteiische Schiedsrichterin versucht alle bei der Stange zu halten. Die ehemalige Antikorruptionsrichterin Eva Joly verkörpert Seriosität und hat es geschafft, den politischen Diskurs auch auf soziale Themen zu lenken, was ihr die Unterstützung langjähriger Aktivisten einbrachte. Nicolas Hulot könnte, einmal in der Arena, allerdings viele Franzosen auf seine Seite ziehen, die ihn 20 Jahre lang als Moderator im Fernsehen verfolgt haben und vorher nicht grün gewählt haben. „Ich glaube, seine Wandlung war ehrlich und ungestellt“, erklärt Adrien Saumier, 28 Jahre alt, ein Öko-Geek, der dem Picknick einen Video-Chat mit seinem Kandidaten vorgezogen hat. „Ich habe seine Sendung nie gesehen, aber ich denke seine Beliebtheit könnte der Partei gut tun. Mit ihm könnten wir die Wähler aus der Mitte zu uns lotsen und ohne Probleme 2012 bis zu 6% erreichen.“ 

Die Kandidatur von Hulot und Joly wird so oder so den Anfang eines Erweiterungsprozesses einer politischen Gruppe darstellen, die keine Hemmungen hat sich als „ausschließlich ökologisch“ zu definieren. Sie werden sich weder als Mitte links oder rechts einstufen, sondern ihr Erfolg bestünde einzig und allein auf den Wahlergebnissen einer in den 1980ern geborenen Generation: „Als wir aufwuchsen ging es um die Klimakonferenz in Rio de Janeiro [1992]“, erklärt Adrien, „und wir sind die ersten, die begriffen haben, dass das Internet in den nächsten Jahren im Zentrum der Politik stehen würde.“ Auch Elliot stimmt in den Reigen ein: „Insgesamt fallen das Interesse für das Internet und die Ökologie zusammen.“ „Und während sich Mitte-rechts in den letzten 20 Jahren grunderneuert hat, sind die Grünen im Linksspektrum heute die Einzigen, die neue Ansätze bieten“, fügt Tamara hinzu. In Paris ist 'grün' sein scheinbar also doch keine ausschließlich 'kleinbürgerliche' Sache mehr…

Fotos: Elliot Lepers, petite fille, Eva Joly © Greta Gandini ; Nicolas Hulot © Nicola Accardo