Jobsuche: Hartes Brot für Einwanderer in Brüssel

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2010
Diskriminierung bei Einstellungsgesprächen ist tägliche Realität in der Region Brüssel-Hauptstadt. In Zeiten wirtschaftlicher Flaute hat die ethnische Vielfalt keinen besonderen Stellenwert für Unternehmen.

Immigranten sind die ersten Opfer am Arbeitsmarkt. In einer typisch kosmopolitischen Stadt wie Brüssel sollte dieses Problem eigentlich nebensächlich sein. Denn Brüssel empfängt sowohl Einwanderer aus den EU-Ländern, so vor allem Italiener, Franzosen und Niederländer, als auch marokkanische und türkische Einwanderer, die jeweils 7 und 12 % der belgischen Immigration ausmachen. Doch Michaël Privot, zuständig für das Europäische Netzwerk gegen Rassismus (Enar), meint dazu kritisch: ''Arbeitgeber tendieren dazu Belgiern, auch bei gleichwertigen Abschlüssen und Fähigkeiten, den Vortritt zu geben.'' Die Arbeitslosenrate europäischer Einwanderer ist bereits 2,5 Mal höher als der Durschnitt in Belgien. Für Immigranten, die aus Nicht-EU-Ländern stammen, ist sie sogar vier Mal so hoch. 2002 wurde diesbezüglich von den Sozialpartnern und der Regierung ein Sozialabkommen für Arbeit unterzeichnet. Seitdem sollten die Anstellungen die Vielfältigkeit der Einwohner reflektieren. Doch die Realität sieht anders aus. Bereits im November 2008 hatte die OCDE Belgien ein mangelhaft beschert, da das Benelux-Land die höchste Arbeitslosenquote für nicht-europäische weibliche Einwanderer hatte.

Spiegel der Vielfalt

Journée pour un travail décent, BruxellesIm Zuge einer dynamischeren Integration und um die Diskriminierung von Arbeitssuchenden zu lindern, treten viele Spezialisten für die Einführung einer Ausländerquote in den Unternehmen ein. Für François Haenecour, Jurist der Bewegung gegen Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie (MRAX, Mouvement contre le racisme, l'antisémitisme et la xénophobie) sind diese Maßnahmen aber nicht ausreichend: ''Man muss die gesellschaftliche Mentalität ändern. Unsere heutige Zeit ist deutlich von Werte- und Orientierungsverlust gekennzeichnet. Minderheiten sind von Tag zu Tag sichtbarer, werden verurteilt an jeglichem modernen Unwesen schuld zu sein. Sie 'nähmen' Arbeit 'weg', profitierten von Beihilfen... Diese Vorurteile haben sich seit den Anschlägen vom 11. September noch verstärkt.''

Myriam Gérard, Generalsekretärin des Dachverbands der Christlichen Gewerkschaften (CSC, Conféderation des syndicats chrétiens) in Brüssel, kämpft auch gegen diese Stereotypen. Mit einer Gewerkschaftsrate von 70% haben die Arbeitergenossenschaften ein großes Gewicht auf diesem Gebiet. Ausbildungen werden in Firmen organisiert, um gegen den Ausschluss von Migranten zu kämpfen: ''Man hört immer, dass das Faulpelze sind. Dennoch, in den Reinigungsfirmen werden die Wartelisten immer länger.''

Hürde der Zweisprachigkeit

Nicht selten bewerben sich eher minderqualifizierte Einwanderer in den Sektoren, die ohnehin schon prekär sind, so zum Beispiel als Hilfsarbeiter oder Koch. Die Region, eine ehemalige Industriehochburg, bietet nicht genug Arbeitsplätze an, die die Arbeitslosenrate schlecht qualifizierter Einwohner reduzieren könnte. Ganz im Gegenteil. Durch die nationalen und internationalen öffentlichen Ämter, die sich in der Hauptstadt niederlassen, ist der tertiäre Sektor beträchtlich angewachsen und betrifft nunmehr 47% der Angebote. Allerdings sind diejenigen, die in diesen elitären Sphären kreisen und von der Internationalisierung Brüssels Vorteile ziehen, rar gesät.

Auf der anderen Seite hat es auch ein Großteil der 20-35 Jährigen schlechter Qualifizierten schwerer als die Elterngeneration. ''Dies ist eine verlorene Generation, die zum Ausschluss verurteilt ist. Man bräuchte einen Marshallplan für die Ausbildung',' empört sich Michaël Privot. Ein Großteil der Immigranten, die eine französischsprachige Ausbildung hinter sich haben, weisen trotzdem noch Sprachdefizite auf. Das ist ein deutlicher Nachteil in dieser Hauptstadtregion, die mit Französisch und Niederländisch offiziell zweisprachig und wo für die meisten Jobs auch das englische von Vorteil ist. ''Sprachkenntnisse sind sehr wichtig, da viele Bereiche des Arbeitsmarktes in den Händen der Flamen sind“, unterstreicht Myriam Gérard.

Doch auch mit dem Job hört die Diskriminierung nicht unbedingt auf. ''Seit acht Jahren arbeite ich für meine Firma'', sagt ein marokkanischer Angestellter eines Dienstleistungsunternehmens. ''Ich habe fast drei Jahre gekämpft, um diese Stelle zu bekommen. Und jetzt ist es schwer für mich die Karriereleiter hinaufzuklettern.''