Jobeinsteiger in Krisenzeiten: Vitamin B und Hotel Mama in Südeuropa

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2009
2009 sein Studium abzuschließen müsste eigentlich gefeiert werden, anstatt dessen wird es zum Albtraum. Die andauernde Wirtschaftskrise und steigende Jugendarbeitslosigkeit machen jungen Europäern den Einstieg in die Arbeitswelt schwer. Junge Griechen fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen und Portugiesen setzen auf ‚Hotel Mama‘.
Iraklis, Carina und Anna berichten von ihren Anlaufschwierigkeiten.

Iraklis Lampadariou: „Griechenland vernachlässigt seine Jugend“

In Griechenland existiert kein ausgeprägter politischer Wille, die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt zu ändern. Die vielen jungen Arbeitslosen kümmern eigentlich niemanden und dementsprechend gibt es auch keine Lösungsvorschläge. Private Initiativen stoßen auf taube Ohren, da das System keine Unterstützer findet.

In Griechenland garantiert ein Hochschulabschluss für gar nichts, wenn man dazu nicht die richtigen Verbindungen in die hellenischen Chefetagen hat.

In einer derart feindlichen Umgebung können sich die Schüler nach neun Jahren Pflichtunterricht entweder für ein Hochschulstudium entscheiden und weitere sechs Jahre ihre Bücher wälzen, oder aber sie nehmen den direkten Weg in die Arbeitswelt. Diese bietet ihnen fast keine Rechte, stattdessen aber Unterbezahlung, keine Versicherung und ungenügende Gesundheitsfürsorge. In Griechenland garantiert ein Hochschulabschluss für gar nichts, wenn man dazu nicht die richtigen Verbindungen in die hellenischen Chefetagen hat - das berühmte Vitamin B! Die lange Liste der Defizite lässt sich noch beliebig fortführen, so etwa durch schlechte Arbeitsbedingungen und eine passive Haltung zu gesellschaftlichen Problemen.

Während meines Studiums habe ich ehrenamtlich für die ‘Europe Direct Komotini’ gearbeitet, ein Zentrum, das aktuelle Informationen zu europäischen Themen anbietet. Als Mitglied des paneuropäischen Netzwerks ‘Europe Direct’ ist es mit 400 Zentren in ganz Europa vertreten. In meiner Studienstadt gibt es dieses Zentrum nur dank der Unterstützung der Vertretung der EU-Kommission in Griechenland sowie des EU-Strukturfonds für die Regionen Makedonien und Thrakien. Durch die Arbeit in verschiedenen Bereichen habe ich mehr über Information, ehrenamtliche Arbeit und zwischenmenschliche Kontakte in Europa gelernt und wurde schließlich angeworben, mehr Stunden zu arbeiten. Die meisten Hochschulabsolventen finden nicht so leicht einen Job oder ein Praktikum. Junge Leute sollten die Möglichkeiten für die EU zu arbeiten nicht unbeachtet lassen. Aber auch die Politiker sollten uns an diese Möglichkeiten heranführen.

Carina Gonçalves: « In Portugal bleibt man am besten Nesthocker »

In Portugal gab es einen erheblichen Mangel an Krankenschwestern, vor allem mit Hochschulabschluss, und es war üblich, spanische Krankenschwestern zu beschäftigen. Das war einer der Hauptgründe, warum ich meine erste Stelle auf der Notfallstation eines öffentlichen Krankenhauses bekam.

Das Studentendasein war auf jeden Fall bereichernd. Aber auch Angestellte zu sein war besser als ich erwartet hatte. Ich kann endlich in dem Beruf arbeiten, den ich vier Jahre lang studiert hatte. Zudem habe ich nun endlich die finanzielle Unabhängigkeit, von der ich so lange geträumt habe. Allerdings bleibt man in Portugal erstmal Nesthocker: Zu Hause zu bleiben erschien mir als die beste Idee. Denn es ist unmöglich jetzt schon ein Haus zu kaufen oder zu mieten. Aber ich spare.

Manche meiner Kollegen haben noch immer unsichere Verträge. Deshalb will ich mich nicht beschweren.

Bei der Arbeit trage ich große Verantwortung und habe gelernt mit der Bürokratie umzugehen. Ein Vertrag über sechs Monate führte zu einem Vertrag über ein Jahr und dieser schließlich zu einem festen, unbefristeten Vertrag. Ich arbeite in einem öffentlichen Krankenhaus, aber ich habe nicht dieselben Vorteile, die die anderen Angestellten im öffentlichen Dienst haben, weil ich statt einem Tarifvertrag einen individuellen Arbeitsvertrag habe. In manchen Schichten verdiene ich weniger als 75% pro Stunde im Vergleich zu anderen Angestellten im öffentlichen Dienst. Doch manche meiner Kollegen haben noch immer unsichere Verträge. Deshalb will ich mich nicht beschweren.

Heutzutage ist es nicht mehr so einfach, eine Stelle als Krankenschwester zu finden wie es zu Anfangszeiten war. Das Bild der überlaufenen Privatschulen zur Schwesternausbildung der letzten Jahre passt nicht zu den zukünftigen Jobchancen in Portugal. Deshalb sind viele in diesem Bereich arbeitslos. Gemäß dem statistischen Bundesamt von Portugal waren 2009 7,7% aller Krankenschwestern mit Hochschulabschluss im Alter von 25-34 Jahren arbeitslos. Verglichen mit einer Arbeitslosenquote von insgesamt 5.9% unter den Hochschulabsolventen, ist der Wert im Bereich der Krankenpflege ziemlich ernüchternd. Im Jahr 2004 betrug die Arbeitslosenquote der 25-34-Jährigen mit Hochschulabschluss noch 6,7%. Insgesamt waren nur 4,4% der Portugiesen ohne Arbeit. Damals bedeutete der Abschluss an einer Hochschule noch einen sicheren Arbeitsplatz. Heute jedoch müssen junge Leute härter für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

Anna Borelli: « Das Schweigen nach den Vorstellungsgesprächen ist furchtbar »

Ich komme aus Neapel in Süditalien, dort habe ich auch mein Englisch- und Russischstudium abgeschlossen. Nach dem Studium hatte ich keinen festen Job und habe auch nicht damit gerechnet, in absehbarer Zeit einen zu bekommen. Also zog ich nach Mailand, wo mein Freund eine Stelle gefunden hatte. Das war 2007, und ich bin heute immer noch auf der Suche.

Einen Tag länger und ich wäre unkündbar gewesen.

Als ich ankam, habe ich sofort einen guten Job gefunden - Datenerfassung in einer Bank. Der erste Vertrag war nur für einen Monat, deswegen habe ich ihn angenommen. Ich habe schließlich kein Fremdsprachenstudium abgeschlossen, um als Assistentin in der Verwaltung tätig zu sein. Dann wurde mein Vertrag zwei Jahre verlängert, bis August 2009 - einen Tag länger und ich wäre unkündbar gewesen. Es gibt ein Gesetz in Italien, dass es dem Arbeitgeber erlaubt, eine Person wiederholt befristet zu beschäftigen, solange das Beschäftigungsverhältnis zwischen den einzelnen Verträgen mindestens 20 Tage ruht. Ich weiß nicht, ob mein Arbeitgeber diese Gesetzeslage für sich ausnutzen wird, ich habe seither nichts von ihm gehört.

In der Zwischenzeit habe ich mich arbeitslos gemeldet, weil es nicht unbedingt leicht ist, sofort wieder Arbeit zu finden. Ich werde zwar oft von Vermittlungsagenturen angerufen, die mir Vorstellungsgespräche anbieten, aber die Ungewissheit nach den Gesprächen ist einfach grauenhaft. Man wartet nur darauf, dass das Telefon klingelt. Aber es gibt auch keine Alternative, außer sich, wie in meinem Fall, mit freiwilligen, unbezahlten Projekten zu beschäftigen und zum Beispiel zu übersetzen oder Literaturkritiken zu schreiben. Aber ich denke jetzt ernsthaft darüber nach, die Zeit zu nutzen und noch einen Master zu machen (vorausgesetzt ich bestehe den Auswahlprozess!). Trotz allem bin ich einigermaßen optimistisch. Dank des Bankjobs konnte ich etwas Geld ansparen und bin nicht darauf angewiesen, jedes Stellenangebot anzunehmen.