Job, Miete, Alltag: London im Selbstversuch

Artikel veröffentlicht am 14. September 2009
Artikel veröffentlicht am 14. September 2009
Was kann man mit der freien Zeit in den Semesterferien nur anfangen? Ich wollte den Sprung ins kalte Wasser wagen. Mit einem Koffer, ein bisschen Geld und einer Fahrkarte nach London machte ich mich auf den Weg - ohne Rückfahrticket. Mein Plan: arbeiten, das Stadtleben genießen und mein Schulenglisch aufpolieren.

All denen zum Trotz, die schon vor meiner Abreise schwarz sahen, sei gesagt, dass ich in drei Tagen sowohl eine Wohnung als auch eine Arbeit gefunden habe. Um ein Zimmer zu ergattern, habe ich mich zunächst an eine Agentur gewandt, die mir für 50 Pfund verschiedene Lösungen präsentierte. Meinen Job habe ich noch am gleichen Tag gefunden, dank italienischer Beziehungen, die sich einmal mehr als nützlicher erwiesen haben als mein Lebenslauf. Ein Zimmer in Bethnal Green, einem beliebten Viertel inmitten von Grünanlagen im jungen und lebendigen East London, und ein Arbeitsplatz im Zentrum: So lautete meine Bilanz nach drei Tagen in der britischen Hauptstadt.

Der harte Arbeitsalltag einer italienischen Kellnerin

Ein bisschen entspricht mein Fall schon dem Klischee vom Italiener im Ausland, denn ich fand meine Anstellung als Kellnerin in einem italienischen Restaurant. Hier gab es genug Arbeit trotz der Krise, doch Restaurantbesitzer sind Abenteurern gegenüber im Allgemeinen eher abgeneigt, da sie wissen, dass sie sich in absehbarer Zeit nach neuem Personal umsehen müssen. Es wird oft verlangt, dass man als Kellnerin abends arbeitet, was die Möglichkeiten auszugehen erheblich einschränkt. Nach einem harten Arbeitstag freut man sich nach Mitternacht nur noch darauf, ins Bett fallen zu können. Die Arbeit als Kellnerin ist sehr anstrengend und dabei nur wenig zufriedenstellend. Die Bezahlung liegt etwa bei 5 Pfund pro Stunde, das Trinkgeld nicht mit eingerechnet. Oft muss man sechs Schichten in der Woche arbeiten, von denen einige auch auf das Wochenende fallen. So stellt sich wohl niemand seinen Urlaub vor! Wenn man aber eine solche Entscheidung trifft, sollte man motiviert und sich darüber im Klaren sein, dass man eventuell nach drei Wochen eher kleinlaut nach Hause zurückkehrt.

Auf dem Weg zur Arbeitserlaubnis

Um legal in England arbeiten zu können, braucht man eine National Insurance Number. Für europäische Staatsbürger ist das Prozedere aber simpel: Zuerst ruft man eine kostenlose Servicenummer an, um einen Termin im Jobcentreplus der städtischen Behörde zu vereinbaren. Die National Insurance kann man auch dann beantragen, wenn man noch keine Arbeit hat. Aber in diesem Fall ist ein Besuch im Jobcenter Pflicht, um schnell eine Anstellung zu finden. Hat man das Gespräch hinter sich gebracht, bekommt man nach einigen Wochen seine National Insurance Number per Post zugeschickt.

Für Nicht-EU-Staatsbürger ist der Weg zur Arbeitserlaubnis jedoch etwas steiniger. Einmal hatte ich in dem Restaurant, in dem ich arbeitete, das Vergnügen, auf die UK Border Police, den englischen Grenzschutz, zu stoßen. Die Identität aller Angestellten wurde durch eine Kontrolle der Ausweise und eine minutiöse Befragung überprüft. Der junge Brasilianer, einer meiner Kollegen, hatte kein Visum und wurde am nächsten Tag mit dem Flugzeug nach Rio de Janeiro zurückgeschickt. Wie in einem Actionfilm kontrollierten die Polizisten die Identität des albanischen Kochs durch seine Fingerabdrücke, mithilfe derer sie seine Daten und alles, was er in den letzten zehn Jahren getan hatte, ermitteln konnten.

Wie teuer ist London wirklich?

©Mirka23/flickrDas Vorurteil, dass London unbezahlbar sei, ist auf jeden Fall entkräftet: Momentan ist London gar nicht mehr so teuer wie noch vor wenigen Jahren. Aufgrund der wirtschaftlichen Rezession sind sowohl der Einkauf im Supermarkt als auch Freizeitangebote nicht mehr so kostspielig wie noch vor einem Jahr. Im Moment ist ein Pfund ungefähr 1,16 Euro wert, sodass der Unterschied zur europäischen Währung nicht mehr allzu groß ist. Ein Bier kostet durchschnittlich 3,40 Pfund (etwa 4 Euro; A.d.R.) und eine Packung Pasta weniger als ein Pfund. Wenn man also ein bisschen aufpasst, kann man ohne große Einschränkungen auch mit einem Einkommen von 1.000 Euro im Monat gut leben.

Der einzige Bereich, auf den die Wirtschaftskrise keinen Einfluss hat, ist das öffentliche Transportwesen. Auch mit der berühmten und absolut unentbehrlichen Oyster Card kostet die Wochenfahrkarte der Metro für die Zonen 1 bis 2 ein Vermögen: 25,80 Pfund wöchentlich (etwa 30 Euro; A.d.R.)! Aber auch hier gibt es ein Schlupfloch: Nicht alle Londoner wissen, dass es auch eine Fahrkarte ausschließlich für Busse gibt, die “nur” 15,80 Pfund pro Woche kostet und die Nutzung aller Londoner Busse ermöglicht.

360 Pfund monatlich für eine Bleibe in London

Die Mieten in London sind ziemlich hoch, aber trotzdem nicht unbezahlbar. Für ein Einzelzimmer in Zone 2 zahle ich beispielsweise 90 Pfund die Woche. Das Zimmer ist ziemlich geräumig, aber auch da habe ich großes Glück gehabt. Zu diesem Preis bekommt man normalerweise so nahe am Zentrum nicht einmal eine Abstellkammer! Trotzdem solltet ihr nicht die Hoffnung verlieren, denn vielleicht ist euch Fortuna genauso hold wie mir. Noch ein kleiner Tipp: Ein Anfangsbudget von 1.000 Euro ist in jedem Fall ratsam, denn für gewöhnlich muss man, um ein Zimmer mieten zu können, eine Kaution hinterlegen und die Miete einen Monat im Voraus bezahlen.

Die notwendigen Investitionen für Kost und Logis sind aber nicht das einzige Problem: Angesichts des schier unerschöpflichen Feizeitangebots der englischen Hauptstadt muss man Prioritäten setzen. Es lässt sich hier für jeden Geschmack etwas finden. Somit ist es auch ziemlich einfach, bei einem Abend mit Freunden, einem Shoppingnachmittag oder einem kleinen Ausflug sein gesamtes Geld auf den Kopf zu hauen. Aber gerade wegen des vielfältigen Angebots ist London eine wirklich faszinierende, aufregende Stadt und sich allein in einer europäischen Metropole durchzuschlagen, ist der beste Kick für das eigene Selbstvertrauen - und zeigt den ewigen Schwarzsehern, dass man der eigenen Abenteuerlust ruhig einmal nachgeben sollte.