Job Cohen: Seelenklempner für die Niederlande

Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2010
Der ehemalige moderate und beliebte Bürgermeister von Amsterdam, Job Cohen, hat die Arbeiterpartei zu neuem Leben erweckt und führt in den Umfragen vor den Wahlen am 9. Juni 2010. Ist er der Wunderdoktor für die geschundene holländische Seele und kann er das angeschlagene Image des Landes in der Welt wieder zurecht rücken? Porträtt eines künftigen Staatsmannes.

Am 9. Juni werden die holländischen Wähler zu den wichtigsten Parlamentswahlen seit Jahren an die Urnen gerufen. Zwar wurde auch die Niederlande im letzten Jahr nicht von der Wirtschaftskrise verschont, die echten Probleme des Patienten sind aber eher seelischer Natur. Seit Jahren bestimmen die Sorgen um die holländische Identität und die Rolle des Landes in der Welt das öffentliche Leben. Denn die berühmte Offenheit, Toleranz und die internationale Ausrichtung des Landes schwinden.

Engstirnigkeit nach fünf Regierungen in zehn Jahren

AmsterdamDie letzte Dekade war für die holländische Politik die turbulenteste Periode seit dem Zweiten Weltkrieg. Politisch und religiös begründete Morde und die Sorgen rund um die Integration von Muslimen und Einwanderern aus Osteuropa haben ein allgemeines Klima der Angst und eine unberechenbare Wählerschaft entstehen lassen. Die holländischen Bürger haben den traditionellen Parteien in Scharen den Rücken gekehrt und sich den populistischeren Bewegungen des linken und rechten Spektrums zugewandt. Ein Beispiel dafür ist Geert Wilders' anti-islamische "Partei für die Freiheit" (Partij voor de Vrijheid, PVV), die neuerdings Zuwachs registriert.

Und Wahlen waren oft so vorhersehbar wie ein Pferderennen. Mit nicht weniger als fünf Regierungen in zehn Jahren hätte sogar Italien den Niederlanden noch etwas zum Thema “stabile Regierung” beibringen können. Zugleich begannen die Holländer, ihren Blick verstärkt nach Innen zu richten. Anti-europäische Gefühle sind gewachsen. Wir erinnern uns daran, dass die holländischen Wähler die europäische Verfassung 2005 in einer Volksabstimmung abgelehnt haben. Eine „Brüssel soll uns unser Geld wiedergeben“-Einstellung hat seit Jahren die meisten Diskussionen innerhalb der EU beherrscht. Nimmt man dazu die weit verbreitete Skepsis an der holländischen Beteiligung am Afghanistan-Krieg und die wachsende Überzeugung, das Land sei bei der Hilfe für die Armen der Welt viel zu großzügig, dann bleibt nur eine Schlussfolgerung: Das offene, tolerante und der Welt zugewandte Holland ist Geschichte.

Im März - nur wenige Wochen nachdem die Mitte-Links-Regierung wegen der Entscheidung über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes zerbrochen war - präsentierte die Partij van de Arbeid (Arbeiterpartei, PvdA) den beliebten Job Cohen als ihren Anführer für die Parlamentswahlen im Juni. Er hat sein Amt als Bürgermeister von Amsterdam ("Der beste Job, den ich jemals hatte") aufgegeben und versucht nun, seine Partei zum Sieg zu führen und der nächste Ministerpräsident Hollands zu werden. Letzten Umfragen zufolge gibt es eine reelle Chance, dass genau das passieren wird.

Cohen vs Wilders

Cohens Beliebtheit rührt in erster Linie aus der Zeit, als er Hollands Hauptstadt verwaltete. Seit der Ermordung des FilmemachersTheo van Gogh durch einen radikalen Muslim im November 2004 leidet die Stadt unter wachsenden Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Es war - nach seinen Worten - seine Aufgabe, "die Dinge zusammen zu halten. Das einzige "wir und sie", das es gibt, sind Bürger, die in Frieden leben wollen und solche, die das nicht wollen." Seine väterliche Art, mit den kulturellen Unterschieden in Amsterdam umzugehen, war weithin - auch international - anerkannt. 2005 nannte ihn das Time Magazin einen "Hass-Vernichter" und stellte ihn als einen der "Europäischen Helden" des Jahres vor.

Hier bei der Gay Pride 2008

Cohens gemäßigte Ansichten werden von Geert Wilders auf der äußersten Rechten massiv kritisiert. Er wirft ihm vor, den Einwanderern gegenüber zu nachgiebig zu sein, nennt ihn einen "Multi-Kulti-Poussierer" und "so ziemlich das Letzte, was Holland jetzt braucht." Die Liberalen - bei weitem Cohens stärkste Gegenspieler bei den Wahlen - kritisieren vor allem seine mangelnde Wirtschaftserfahrung in einer Zeit, in der wirtschaftliche Themen die politische Tagesordnung in besonderem Maße bestimmen. Das ist richtig. Aber in erster Linie muss ein Ministerpräsident jemand sein, der für Vertrauen und Einigkeit sorgt. Mit seiner Fähigkeit zu vermitteln, sollte Cohen in der Lage sein, die Sozialisten und die Liberalen für eine neue Ära positiver Politik in einer sogenannten „violetten Koalition“ zu einen.

Es hat Jahre gedauert, Hollands Ansehen im Ausland zu beschädigen. Es könnte genau so lange dauern, es wiederherzustellen. Die Aufgabe von Hollands nächstem Ministerpräsidenten wird darin bestehen, das Selbstvertrauen des Landes zu stabilisieren und das Klima der Angst zu beenden. Das ist keine einfache Aufgabe. Die Holländer müssen wieder zu dem zurück, was ihr Land zur Blüte gebracht hat: Nach außen sehen, in internationalem Maßstab agieren und sich der Welt öffnen. Mr. Cohen scheint der richtige Mann zur richtigen Zeit zu sein, der all das Wirklichkeit werden lassen kann. Dabei wird es ganz sicher um mehr gehen, als "die Dinge zusammen zu halten." Das Motto seines Facebook-Fanclubs? "Yes We Cohen".

Profil

Mr. Cohen, Kind einer intellektuellen jüdischen Familie, widmet den größten Teil seines Lebens akademischen Themen und dem öffentlichen Dienst.

Von Beruf Anwalt diente er von 1998 bis 2000 als Justizminister und brachte in dieser Zeit ein umstrittenes Gesetz über striktere Einwanderungsbestimmungen durch.

Als Bürgermeister von Amsterdam bekommt er das Image einer ruhigen Führungskraft, die versucht, soziale Unterschiede zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen zu überbrücken. Ab und zu lässt er seine Muskeln spielen - z.B. als er den Amsterdamer Rotlichtbezirk erheblich verkleinerte - meist ist er aber ein umgänglicher Mensch.

Fotos: ©PvdA/flickr; Photochiel/flickr; Charles Fred/flickr; Bert Kommerij/flickr