Jesse England: der Mann, der E-Books kopierte

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2015
Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2015

Wie würdet ihr reagieren, wenn der Buchhändler, bei dem ihr ein Buch gekauft habt, eines Tages bei euch auftauchen und es zurückverlangen würde? 2009 passierte etwas Ähnliches im Netz. Die Buchhandlung hieß Amazon und viele Nutzer zeigten 'Diebstahl' an. Jesse England, ein Multimedia-Künstler aus Pittsburgh, setzt sich in seinen Werken mit dem digitalen Kulturkonsum auseinander.

Ein Kindle, ein Kopiergerät, zwei Stunden Zeit und 350 Blätter: Das ist E-book Backup, die Idee des 32-jährigen Künstlers Jesse England, die ihm angesichts der Aktion kam, die Amazon im Jahre 2009 aufgrund von Problemen mit dem Copyright einiger E-Books durchführte.

"Vor einigen Jahren - erklärt Jesse - bemerkten Nutzer, dass einige von ihnen erworbene Bücher plötzlich aus der Bibliothek ihres Kindle verschwunden waren, ohne dass sie dem vorher zugestimmt hätten; dies geschah, weil einige Titel von einem Verlag vertrieben worden waren, der die entsprechenden Rechte gar nicht besaß. Als die Verbraucher den 'Diebstahl' bemerkten, verlangten sie von Amazon eine Erklärung. Dort entschuldigte man sich sofort und entschädigte die Leser mit Sonderangeboten und Gutscheinen."

Jesse erfährt diese Nachricht aus der New York Times und ist beunruhigt. Er beginnt, über die Natur des digitalen Eigentums und die elektronische Datenspeicherung nachzudenken. "Ich hätte nicht geglaubt, dass so etwas möglich ist - fährt er fort - ich hätte nicht geglaubt, dass Amazon mein Archiv virtuell 'betreten' und einige von mir erworbene Bücher einfach zurückholen kann. Wir sind ständig mit Informationen, auch mit Erinnerungen, in Kontakt, die uns in Wirklichkeit gar nicht gehören. Es sind nur geliehene Daten, jeder könnte sie eines Tages zurückverlangen."

Hieraus entsteht Jesses Bedürfnis, ein "Backup" in Form einer eigenen, sicheren Kopie des Buchs anzufertigen, Seite für Seite aus dem Kindle fotokopiert. Eine kleine Provokation, die die Menschen zum Nachdenken über die Transzendenz der Dinge um sie herum anregen soll. Ein bisschen so wie das klassische Fotoalbum, das kürzlich von digitalen Archiven auf dem Desktop des PC oder den Verschlingungen sozialer Netzwerke verdrängt wurde.

Die Auswahl des zu kopierenden Buchs fiel Jesse leicht. Unter den von Amazon entfernten Titeln war auch 1984 von George Orwell. "Dass unter anderem dieses Buch entfernt wurde, hat mich zum Schmunzeln gebracht. Ein merkwürdiger Zufall, da es genau dort um eine kontrollierte Gesellschaft geht, in der Informationen von oben manipuliert werden. In gewisser Weise bleibt von der ganzen Angelegenheit doch genau dieses Gefühl der Kontrolle übrig, des Eindringens in die Privatsphäre der Leser."

Wenngleich die gerettete Kopie von 1984 auf den ersten Blick wie eine Kritik am technischen Fortschritt oder eine Art nostalgische Aktion eines Verfechters der Papierform aussieht, hat E-book Backup vielmehr das Ziel, vor den Risiken und Folgen einer Digitalisierung der Gesellschaft und vor allem vor der Macht dahinter zu warnen.

"Ich bin nicht technikfeindlich, mache mir jedoch Sorgen darum, dass die Menschen in einigen Jahrzehnten, wenn sie verstehen werden, dass die Dinge, die sie besitzen, nur 'geliehen' und daher nicht von Dauer sind, negativ reagieren und die Kontrolle über Geräte und digitale Inhalte verlieren. Ich fürchte elektronische Trägermedien nicht; ich fürchte nur eine unsichtbare Hand, die fähig ist, mir das zu nehmen, was mein ist oder was ich für mein hielt."

Obwohl Jesse während des Interviews mehrfach versichert, dass er sich nicht nach vergangenen Zeiten zurücksehnt, lebt seine Kunst von starken zeitlichen Kontrasten, von Verpflanzungen und Hybriden, Tarnung und Zeitsprüngen.

Unter seinen Projekten sticht auch die Sincerity Machine: The Comic Sans typewriter hervor: Hier hat Jesse die Tasten einer Schreibmaschine so modifiziert, dass sie Buchstaben in der für die Welt der Computer typischen Schriftart Comic Sans zu Papier bringen. Und dann ist da das Retro Nostalgic iPhone 1 case for iPhone 5, eine Hülle für das iPhone 5, das die Rückseite eines iPhone 1 nachahmt.

Zu erwähnen ist weiterhin die Street view film camera, ein einer Einwegkamera ähnelnder Fotoapparat, der Fotos schießt, auf denen oben links die für Google Maps typischen Schaltflächen zu sehen sind. Das neueste Projekt ist typisch für Englands bevorzugte Methode, einen Gegenstand der Gegenwart mit einem der Vergangenheit zu kombinieren, um einen dritten, in die Zukunft weisenden Gegenstand zu erhalten: Universal Record ist ein kleiner Plattenspieler, in dessen Inneres ein Bluetooth-Audioempfänger eingebaut ist, der z. B. von einem Smartphone aus einfach ferngesteuert werden und jede beliebige Musikdatei abspielen kann. Während die Musik ertönt, bewegt sich die Nadel des Plattenspielers und legt über die Hauptspur das typische Geräusch einer sich drehenden Platte. Der Effekt? Musik von heute mit einem Hauch von Nostalgie.