Jeremy Rifkin: "Besitzen ist out, Teilen ist in"

Artikel veröffentlicht am 3. November 2014
Artikel veröffentlicht am 3. November 2014

Seit über 30 Jahren setzt er sich für ein neues Wirtschaftssystem ein, das die Welt verändern soll. Jeremy Rifkin (*1943, Denver, Colorado), Regierungsberater von Merkel, Obama und Zapatero, prophezeit einen grundlegenden Wandel, getrieben durch den verstärkten Einsatz neuer Technologien, erneuerbarer Energien und Methoden der Share Economy.

Cafébabel: In Ihrem letzten Buch* sprechen Sie vom Ende des Kapitalismus. Damit sind Sie nicht der Erste. Was genau wird passieren?

Jeremy Rifkin: Wir erleben zurzeit die Entstehung eines neuen Wirtschaftssystems: die Share Economy. Im Jahr 2050, also in ca. 35 Jahren, wird es den Kapitalismus immer noch geben, jedoch in einer stark abgewandelten Form. Der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, wird verschwunden sein. In einigen Schlüsselbereichen der Wirtschaft ist dieser Wandel bereits in vollem Gange. 2050 werden wir eine neue hybride Form der Share Economy erleben. Die Tage des Kapitalismus sind gezählt, er wird sich grundlegend verändern. Diese Veränderung hat schon begonnen, auch wenn dies bisher nur wenige erkennen.

Cafébabel: Wie ist der Titel Ihres neuesten Buches Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, in der Sie diese Theorie entwickeln, zu verstehen?

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten sind die Kosten, die für die Produktion einer Ware oder einer Dienstleistung anfallen, nachdem die Fixkosten beglichen wurden. Es handelt sich dabei um ein relativ neues Phänomen. Es begann mit Napster, YouTube und Wikipedia. Aber inzwischen greift es auf andere Branchen über, wie die Medien oder die Energieversorgung. Die neuen Generationen haben es bereits begriffen. Dank dem Internet der Dinge haben wir nun eine Technologie in der Hand, um jegliche Herstellungsprozesse zu demokratisieren. 3D-Drucker und erneuerbare Energien - das ist das 21. Jahrhundert!

Cafébabel: In vielen europäischen Ländern mangelt es an Unterstützung für erneuerbare Energien. Im Falle Spaniens hat die Regierung Rajoy sich auf die Suche nach neuen fossilen Energiequellen konzentriert und eine Politik durchgesetzt, welche der Energiewende konträr gegenübersteht.

Jeremy Rifkin: Ja, das Problem ist mir persönlich bekannt, da ich einer von José Luis Rodríguez Zapateros (PSOE) Berater war. Es ist sehr traurig, was gerade passiert. Mit dem Regierungswechsel wurden die begonnenen Reformen auf den Kopf gestellt. Lieber kehrte man zu eeinem Modell aus dem letzten Jahrhundert zurück. Sie möchten Austerität und Defizitkontrolle? Sehr gut, aber man kann nicht einfach obsolet gewordene Modelle wiederbeleben. Die neue Generation hat das verstanden. Es liegt nun an ihr, den Wandel zu einer neuen Wirtschafts-Ära einzuleiten. Und dieser Wandel bezieht sich ebenso auf andere Länder des alten Kontinents.

Cafébabel: Sie behaupten, dass diese grüne, nachhaltige und kollaborative Wirtschaft der Schlüssel für neue Jobs sei.

Jeremy Rifkin: Fakt ist, dass die Arbeitslosigkeit ein enormes Problem darstellt. Aber auf längere Sicht, also innerhalb der nächsten zwei Generationen, werden unzählige neue Arbeitsplätze durch den Wandel des Wirtschaftsmodells entstehen: In der Sanierung von Gebäuden, in der nachhaltigen Architektur, in den erneuerbaren Energien und in den neuen Technologien. Was ist der Plan B der Regierung? Will sie die veralteten Methoden der Bau- und Energiebranche beibehalten? Spanien braucht den Wandel. Wenn Deutschland es kann, warum nicht auch Spanien?

Cafébabel: Die großen Energieversorger werden von Ihren Theorien nicht sonderlich begeistert sein.

Jeremy Rifkin: Lassen Sie mich dazu etwas sagen: In Deutschland sind die Tage der vier größten Energieversorger gezählt. Die Menschen haben dort verstanden, dass sie, wenn sie sich zusammenschließen und auf erneuerbare Energien setzen, ihre eigene Energie produzieren können - und das zu wesentlich besseren Preisen. Wir werden ja sehen was die Zukunft bringt. Ich bin da sehr optimistisch.

Cafébabel: Jedes europäische Land hat eine andere Politik bezüglich der Kernenergie. Was halten Sie von dieser Energiequelle?

Jeremy Rifkin: Die Kernenergie ist eine Sache des 20. Jahrhunderts, sie hat ausgedient und wird nicht wiederkehren. Außerdem ist sie teuer. Wissen Sie, in Frankreich, einem Land das ganz wesentlich auf diese Form der Energie setzt, werden 40% der Wasserreserven dafür verbraucht, Atomkraftwerke zu kühlen. Dieser Anteil steht somit auch keiner anderen Nutzung zur Verfügung. Die Kernenergie hat endgültig ausgedient.

Cafébabel: Was sagen sie jenen Leuten, die nicht an den Klimawandel glauben?

Jeremy Rifkin: Ich habe bis heute nicht verstanden, wie man dazu kommt, den Klimawandel in Frage zu stellen. Seine Wirkung ist doch eindeutig, wie man beispielsweise an der veränderten globalen Wasserzirkulation sieht. Die Leute müssen das endlich verstehen. Jahr für Jahr erleben wir ein steigendes Ausmaß an Schneestürmen, gewaltigen Regengüssen, Dürreperioden sowie Hurrikans der Kategorien vier und fünf, mit dramatischen Konsequenzen. Das ist der Klimawandel. Und wenn wir nicht dringend etwas unternehmen, droht uns noch in diesem Jahrhundert die endgültige Vernichtung etlicher Lebensformen. Denken wir doch mal an unsere Kinder und die zukünftigen Generationen. Wir müssen endlich aufwachen. Es ist ein entscheidender Augenblick für die gesamte Menschheit.

Cafébabel: Aber das liegt nicht nur an den Regierungen oder den Konzernen. Meinen Sie nicht auch, dass die Gesellschaft einen Mentalitätswandel benötigt? Alternative Lebensformen werden ja immer gleich als Hippie-Gehabe abgetan. 

Jeremy Rifkin: [lacht] Es ist tatsächlich eine Frage der Mentalität, und diese wird sich mit den neuen Generationen verändern. Die jungen Leute glauben ja bereits nicht mehr in dem Maße an das Privateigentum wie es früher der Fall war. Sie haben eine Kultur des Teilens entwickelt, sei es nun das Auto, das Fahrrad, die Wohnung, den Internetanschluss, die Energiekosten oder die Nahrungsmittel. Besitzer zu sein ist out, Teilen ist in. Jeder muss dabei zu einer Art Kleinunternehmer werden und dank der Null-Grenzkosten, welche uns das Internet bietet, der neuen Technologien und sauberen Energieformen können wir die Ressourcen unseres Planeten optimieren und gleichzeitig die Umwelt respektieren. Wir reden hier von einer dritten industriellen Revolution. Um alle Hebel in Bewegung zu setzen, werden wir sowohl Talent als auch Kreativität benötigen. Die junge Generation hat das verstanden und wird diesen Prozess voranbringen.    

Cafébabel: Die Null-Grenzkosten bringen eine Entwicklungskomponente mit sich, respektieren aber gleichzeitig das Öko-System.

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten führen uns auf bestem Weg zu einer ökologischen Gesellschaft, denn sie bedeuten Effizienz und minimalen Einsatz natürlicher Ressourcen. Und falls wir alles was wir produzieren auch noch teilen, unsere Autos, Häuser, Kleidung und Werkzeuge, dann wird dies auch einen minimalen Ressourcenverbrauch und damit einen minimalen ökologischen Fußabdruck bedeuten. Dank des Internets der Dinge und den Fortschritten der Kommunikationstechnologie, kann unsere gesamte Energie sauber und erneuerbar werden, ohne dabei weiteres CO2 auszustoßen und den Klimawandel zusätzlich zu befördern. Wir müssen die Kreativität, das Talent und Engagement der jungen Generation fördern, um diese neue Wirtschaftsform auf unserem Planeten durchzusetzen. Dabei gilt es eine gerechtere und demokratischere Wirtschaft zu etablieren. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als unser eigenes Überleben.      

* Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus. Campus-Verlag, Frankfurt, New York 2014