Jediismus: Vom Starwars-Fan zum frommen Jünger

Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2017
Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2017

Alles fing 2001 an, als sich 390 000 Menschen in England und Wales bei der Volkszählung auf die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit als Jedis bezeichneten. Sechzehn Jahre später will die Jedi-Kirche mit ihrem spirituellen Oberhaupt Daniel Morgan Jones als Religionsgemeinschaft anerkannt werden - nicht ohne Widerstand der britischen Behörden.

Bristol im Südwesten Englands im Jahr 2042 gegen viertel vor elf am Morgen: „König Han, nehmt das Schwert. Wir werden noch zur spät zur Messe kommen.“ Eine vierköpfige Familie, ausgestattet mit Umhang und Laserschwertern, schreitet die Gloucester Road hinunter, wo sie auf andere Nachbarn im selben Outfit trifft. Diese unwirkliche Szene scheint direkt der Serie Black Mirror entsprungen zu sein. Die Film-Dystopie ist Realität geworden - und nicht umgekehrt.

Starwars-Samurais

Der Jediismus ist eine Bewegung, die sich in ihren moralischen und spirituellen Grundlagen auf die Jedis stützt - jene fiktiven Umhangträger aus der Krieg der Sterne-Saga. Diese hochgeachteten Personen, die eine Mischung aus buddhistischem Mönch und Samurai-Krieger sind, wollen die Dunkelheit des Universums mit Licht besiegen. Will heißen, mit ihren mystischen Kräften wollen sie Ordnung und Frieden in das durch die dunkle Macht verdorbene Universum bringen.

Ihren Anfang nahm die Bewegung 2001, als die Viralität des Netzes noch in einer weit, weit entfernten Galaxis schlummerte. Damals gelang es durch eine mehr oder weniger inszenierte Kampagne, dass 390 000 Menschen sich bei der offiziellen Volkszählung in Wales und England als Anhänger der Jedi-Religion bezeichneten. Sechs Jahre später, 2007, fingen sie an als Bewegung aufzutreten. Nachdem es einige Zeit ruhig um sie war, kehren die Jedi-Ritter jetzt mit einer neuen Website zurück, auf der sie ihre Philosophie und grundsätzlichen Ideen erklären und erhellende Informationen und Lernmaterial mit neugierigen Padawanen - den Jedi-Schülern - teilen.

Aber kann man den Jediismus im Ernst als Religion gelten lassen? Die Website der Jedi-Kirche lässt die Antwort offen: „Du solltest selbst entscheiden, ob es eine Religion ist oder nicht. Dabei ist die Entscheidung unerheblich, denn in erster Linie handelt es sich um eine spirituelle und philosophische Bewegung.“ Allerdings beantragten die Anhänger des Jediismus am 7. März 2016 die Anerkennung als Religionsgemeinschaft, was der Official Charity Regulator [die britische Stelle zur Anerkennung von Religionsgemeinschaften; AdR] ablehnte.

Nicht die Jedi-Kirche sondern der Tempel des Jedi-Ordens hatte die Zulassung beantragt: „Die Anfrage kommt von einem anderen Orden, der Jediismus mit Christentum verbindet, und nicht von uns“, bestätigt Daniel Morgan Jones, Oberhaupt der Jedi-Kirche. Jones hatte die Ablehnung der Anfrage des Tempels des Jedi-Ordens bereits zuvor kritisiert und bestätigt, dass die Jedi trotz dieser Entscheidung weiterarbeiten werden. Außerdem sei er überzeugt davon, dass sich die Situation bald grundsätzlich ändern könnte. „Unser Status wird sich in den nächsten fünf Jahren ändern“, erklärte er kürzlich gegenüber der BBC.

Dass es sich um eine hauptsächlich digitale Gemeinschaft ohne klare Strukturen, Glaubensgrundsätze und Handlungen handelt, waren einige der Gründe, die die britische Zulassungsstelle auf zehn Seiten gegen eine Anerkennung ins Feld führte.

Auf ihrer Website fasst die Jedi-Kirche ihre Idee und Definition in fünf Abschnitten zusammen. Dort wird das Konzept der Macht und ihre digitale Philosophie erklärt und wie man Jedi und gleichzeitig Atheist oder Mitglied einer anderen Religionsgemeinschaft sein kann. Jones selbst gibt zu, dass der Jediismus nicht dogmatisch ist. „Wir haben keine Regeln, aber festgelegte philosophische Konzepte, denen wir folgen […] Es geht um einen sehr weit gefassten Lernprozess, den wir in unser alltägliches Leben integrieren müssen. Allerdings sehen wir das nicht ganz so streng.“

Das Erwachen der Macht

Der Jediismus fördert die Meditation als Möglichkeit, mit der Macht in Einklang zu sein. Doch die Jedi-Jünger borgen sich auch Praktiken aus anderen Bereichen, zum Beispiel den Kampfkünsten: „Ich glaube, dass Achtsamkeit die Grundlage bildet. Ich mache auch Tai-Chi und glaube an die Kraft der Reflexion. Sich die Zeit zu nehmen, um mithilfe der Meditation über die Zukunft nachzudenken. Das könnte einer der Schlüssel sein“, erklärt Jones.

Erklärtes Ziel ist es, mit der hellen Seite der Macht in Kontakt zu kommen. Aber was ist eigentlich die Macht? „Es gibt eine sehr dunkle Seite des Universums, die viele Dinge unterdrückt. Es ist ein sehr empfindlicher Bereich und so umfassend, dass ich mich nicht eindeutig dazu äußern kann. Ich könnte beim Sprechen über die Macht mein Leben aufs Spiel setzen. Aber durch mein Wissen über die beiden Mächte kann ich den Menschen dabei helfen, die dunkle Seite zu besiegen und zu vernichten. Durch Übung und Anleitung, Anpassung des Lebensstils und Erlernen von Techniken gegen die dunkle Bedrohung. Dabei muss ich nicht einmal direkt mit den Menschen in Kontakt treten.“ Mit anderen Worten: die helle Seite ist der positive Aspekt einer metaphysischen und allgegenwärtigen Macht, die jeder Jedi beherrschen sollte, damit sich dieses Licht weiterhin durchsetzt.

Dafür bietet die Jedi-Kirche eine Reihe an Kursen und Übungen auf ihrer Website. Die wiederum sind in verschiedene Module und Kenntnisstufen aufgeteilt: Entspannung, Leben im Einklang, Kreativität, etc. Von allen auf der Website angebotenen Kursen sind nur die Anfängerkurse frei zugänglich. Darüber hinaus plant Jones am 16. November ein Buch zum Preis von 13 Pfund herauszubringen: Become the Force: 9 Lessons on How to Live as a Jediist Master - Werde eins mit der Macht: Neun Lektionen, wie du als Jedi-Meister leben solltest.

Die ersten zwei Kurse sind also kostenlos. Das gelte aber nicht für weitere Module, gibt Jones zu: „Es wird verschiedene Zahlungsmöglichkeiten geben. Sollte jemand das nötige Geld fehlen, kann er die Kursgebühr aber durch freiwillige Tätigkeiten an der Website abarbeiten.“ Der neue Internetauftritt der Jedi-Kirche, der am 4. Mai (zufällig auch der Star Wars-Tag) online gegangen ist, ähnelt einem Online-Shop. Registrierte Benutzer können Merchandising-Produkte auswählen, diese nach Preis sortieren und dann dem Warenkorb hinzufügen.

Jones bestätigt, dass die Jedi-Kirche sich momentan dank der Spenden ihrer Mitglieder über Wasser halten kann. Allerdings gibt es keinen speziellen Spender-Button oder eine eigene Spenderseite. Auch werden Spenden seit 2010 nicht mehr auf dem Twitter-Kanal der Jedi-Jünger erwähnt. Damals hatten sie um Geldspenden gebeten, um eben den Antrag zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft stellen zu können.

Wie viele Jedis sind unter uns?

390 000 Menschen haben sich 2001 als Jedis in England und Wales registrieren lassen. Sechzehn Jahre später ist es etwas schwieriger geworden, ihre genaue Zahl zu bestimmen. Jones spricht von einer halben Million Anhänger weltweit und ist stolz auf die hohen täglichen Zugriffszahlen auf der Website. Es gibt aber keine offizielle Erhebung. Trotz der Zahlen, die die Kirche selbst herausgibt, scheint die Zahl der praktizierenden Gläubigen der Jedi ziemlich weit hergeholt. Beim ersten Lernabschnitt (Anfänger Grundkurs) auf der Website machen zwischen 15 und 53 Menschen mit - je nachdem, welches Modul man auswählt (zuletzt aufgerufen am 07.07. 2017). In den Foren der Website können wir auch keine sehr viel höhere Beteiligung erkennen. Die Anzahl der aktiven und inaktiven Nutzer liegt bei 56 - ie tatsächliche Beteiligung noch niedriger: Der Eintrag mit der meisten Aktivität ist der Willkommens-Thread. Dort haben sieben Nutzer zehn Nachrichten hinterlassen (zuletzt aufgerufen am 07.07.2017).

Genauer bestimmen lässt sich dagegen die Zahl der engsten Mitarbeiter und ihrer Tätigkeiten: „Ich habe ein kleines Team von Mitarbeitern, die sich jeweils um einen bestimmten Bereich kümmern“, sagt Jones. Im Organigramm der Jedi-Kirche stehen 18 Personen mit ihrem jeweiligen Aufgabenfeld. Unter ihnen befinden sich auch ein Web-Entwickler, ein Beauftragter für Meditation und ein weiterer für Kampfkünste. Außerdem gibt es noch einen Experten für Parapsychologie, einen für paranormale Phänomene und sogar einen Spezialisten für den Mozart-Effekt. Diese Strömung glaubt, dass das Hören der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart positive Effekte auf verschiedene Lebensbereiche habe. Und nicht zuletzt: einen Zuständigen für eheliche Verbindungen.

Unterhaltung ist die Nahrung der Seele

Wie bei traditionellen Religionen kann man auch im Jediismus Hochzeiten feiern oder Beerdigungen durchführen - nach eigenem Ritus, versteht sich. Der ist dabei ganz pragmatisch und bietet Zeremonien für jeden Geschmack. Sowohl für diejenigen, die sich eine Hochzeit oder Beerdigung nahe an bestehenden religiösen Bräuchen wünschen. Als auch für diejenigen, die ein möglichst Star Wars-getreues Erlebnis bei ihrer Feier haben möchten.

Das heißt jedoch nicht, dass Jones keine Unterschiede zwischen Filmfans und Anhängern des Jediismus erkennt: „Du kannst Star Wars-Fan sein, aber dich nicht von der Philosophie angesprochen fühlen. Oder du kannst dich den Filmen nahe fühlen und darüber hinaus an der spirituellen Ebene interessiert sein. Die Definition dafür hängt letztlich von deiner mentalen Einstellung ab. Es ist nichts dabei, wenn du einfach nur bedingungsloser Krieg der Sterne-Fan bist. Unterhaltung ist die Nahrung der Seele. Aber man kann die Sache auch ernsthafter angehen - und genau das wollen wir tun.“

Jones weißt auch bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass man zusätzlich zum Jediismus durchaus auch katholisch, muslimisch oder atheistisch sein kann. Obwohl viele Mitglieder der traditionellen Kirchen das gar nicht gern sehen. Wie im Fall einiger Katholiken: „Sie sagen, ich würde mich irren, irren und nochmals irren. Umgekehrt würde ich das niemals über sie sagen“, betont Jones.

Das ist nicht der einzige Moment, in dem das Jedi-Kirchenoberhaupt auf Ablehnung gestoßen ist. Jones bestätigt, dass er in einem Interview mit dem britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk der BBC mit sehr aggressiven Fragen konfrontiert wurde: „Egal was du tust, du hast das Gefühl, dass sie dich gleich auffressen“, fügt er hinzu. Dieses Gefühl lässt sich auch auf die Behandlung durch andere religiöse Radiosender übertragen. Trotzdem hebt Jones hervor, dass er sich nicht wirklich angegriffen fühle. Zumindest nicht mehr als sonst. Der Meister der Jedi-Kirche und deren Anhänger gehen weiter unbeirrt ihren Weg, entschlossen, auf ihre Art Spiritualität auszuleben und dabei das Gleichgewicht zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht zu wahren. Ob die Macht mit ihnen ist?

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Voglio Credere Così taucht in die Welt der Spiritualität und alternativen Glaubensrichtungen auf dem Alten Kontinent ein. Was ist das neue Opium junger Europäer? 8 Wochen - 8 Reportagen. __

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