Jedem seine Parallelgesellschaft

Artikel veröffentlicht am 28. August 2007
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 28. August 2007
Nicht allein Migranten grenzen sich vom Rest der Gesellschaft ab, diese Gesellschaft selbst zerfällt in zahlreiche Subkulturen, die in weit gehend getrennten Welten leben. Aufgeteilt zwischen Big Brother und Beethoven, Discounter und Delikatessladen, Existenzkampf und Existentialismus ist die Vorstellung einer durch eine gemeinsame Kultur verbundenen Gesellschaft nur eine Konstruktion.

Plattenbau in Berlin - Credit to: Herr Böb/FlickrEin Gespenst geht um in Europa: Es ist das Gespenst der Parallelgesellschaft. Genährt wird es von der Angst, dass sich einzelne Gemeinschaften vom Rest der Gesellschaft abgrenzen. Von der Angst, dass sich in eine separate Kultur mit eigener Sprache und Religion herausbildet. Von der Angst, dass in Stadtteilen wie Kreuzberg, Barbès oder Anderlecht das friedliche Nebeneinander in ein feindliches Gegeneinander umschlägt. Doch auch wenn eine ethnische und kulturelle Segregation in vielen Städten Europas ebenso wenig zu verleugnen ist, wie die Probleme, die dies zur Folge hat, so bleibt doch die Frage: Besteht nicht auch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft in Wahrheit aus dutzenden verschiedenen Gruppen, die in voneinander weit gehend getrennten Welten leben?

Kein Mensch hat allein eine, sondern immer mehrere teils gegensätzliche Identitäten. Niemand ist ausschließlich Deutscher (oder Türke) und Christ (oder Muslim), sondern stets auch Manager (oder Müllmann) und Akademiker (oder Analphabet). Hinzu kommen eine soziale und eine professionelle, eine geographische und eine politische Identität. Daraus ergibt sich die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen, die – von Mensch zu Mensch verschieden – unterschiedlich wichtig ist. Dies bedeutet zum einen, dass die Idee klar abgegrenzter ethnisch oder religiös definierter Gruppen eine Konstruktion ist. Zum anderen heißt dies, dass die sogenannte Mehrheitsgesellschaft alles andere als einheitlich ist.

Plattenbausiedlung und Villenvorort

Was haben der erfolgreiche Unternehmensberater aus dem Szenebezirk und der arbeitslose Wachmann aus der Plattenbausiedlung gemeinsam? Was verbindet die angesehene Chefärztin aus dem Villenvorort mit der alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin aus dem Problemviertel? Sie gehören zur selben Gesellschaft, doch leben sie in getrennten Welten. Studien belegen, dass in den Industrieländern der Graben zwischen den Schichten nicht nur zunimmt, sondern sich auch verfestigt. Trotz umfangreicher staatlicher Hilfen wird es immer schwieriger, in der Gesellschaft aufzusteigen, da das Bildungssystem weniger zur Überwindung, als zur Verfestigung der Ungleichheit beiträgt.

Nicht nur die Lebensbedingungen, sondern auch die Weltsicht unterscheidet sich von einer Schicht zur anderen. Während der Unternehmensberater aller Wahrscheinlichkeit nach aus einer Akademikerfamilie stammt, die ihm eine Kindheit in materieller Sorglosigkeit ermöglicht, die Bildung mit der Muttermilch vermittelt und alle Freiheit zur persönlichen und professionellen Entfaltung gelassen hat, kommt der Wachmann wahrscheinlich aus einer Arbeiterfamilie, in der finanzielle Sorgen den Alltag bestimmten, ein Studium nie zur Debatte stand und der persönliche Horizont am Rande des Viertels endete. Wen wundert es, dass der eine voller Zuversicht, der andere nur mit Unsicherheit in die Welt blickt.

Opernpremiere und Kegelabend

Opéra de Paris - Credit to: Josimh/FlickrDiese sozioökonomischen Differenzen setzen sich in kultureller Hinsicht fort. Während die Chefärztin am Abend bei ein paar Motteten von Bach durch das Feuilleton der ‚Zeit’ blättert, bei einem Glas Sherry einen Film von Bergman ansieht oder mit ihrem Ehemann die Reise nach Marrakesch plant, sitzt die Sozialhilfeempfängerin vorm Fernseher bei einer Gameshow oder im Elterncafé bei einem Filterkaffee. Die Opernvorstellung von Mozart, die Komödie von Molière oder die Ausstellung von Cezanne kann sie sich weder leisten, noch fühlt sie sich dort wohl. Der Chefärztin ihrerseits würde es auch nicht einfallen, in die Sportarena zum Kegeln, in die Eckkneipe zum Skatabend oder ins Stadion zum Ligapokal zu kommen.

Jede Schicht achtet sorgsam darauf, sich nach unten hin abzugrenzen. Es sind die feinen Unterschiede, an denen sich der Platz in der Gesellschaft erkennen lässt. Zwischen dem Banker in Oberhemd und Kordhose und dem Mechaniker in Trainingshose und Vereinstrikot liegen nicht nur geschmacklich Welten. Selbst wem der ökonomische Aufstieg gelingt – die Feinheiten von Haltung und Verhalten sind nicht zu erwerben, sondern nur zu ererben. Wenn der Aufsteiger nicht mehr an seiner Kleidung erkennbar ist, so wird er doch an seiner Sprache oder seinem Geschmack identifiziert und ausgegrenzt.

Entwicklung von Gegenkulturen

Bei alledem ist noch nicht die Kluft der Generationen berücksichtigt. Für viele Eltern findet sich der Fremde im eigenen Haus. Die Suche der Jugend nach Auflehnung und Abgrenzung von der Generation ihrer Eltern hat zur Entwicklung einer Unzahl an Subkulturen geführt, die Außenstehenden nicht nur unzugänglich, sondern auch unverständlich sind. Der Punk in nietenbesetzter Lederjacke, der Skin in weißgeschnürten Springerstiefeln oder der Hiphopper in tiefhängenden Hosen folgen nicht nur in musischer und modischer Hinsicht ihren jeweils eigenen Regeln und Ritualen. Mit einem landesweiten Netz an Clubs, Bars und Jugendhäuser bilden sie eine klar abgegrenzte Welt.

Angesichts der sozialen, ökonomischen und kulturellen Aufspaltung der Bevölkerung ist die Vorstellung einer einheitlichen Gesellschaft, die sich durch eine gemeinsame Kultur und Sprache auszeichnet, eine Illusion. Im Einzelnen hat der türkische Lagerarbeiter trotz seiner anderen Herkunft und Religion mehr gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen als dieser mit dem Firmenchef, der Universitätsprofessorin oder dem Abteilungsleiter gleicher Nationalität. Wäre daher nicht darüber nachzudenken, ein Integrationsprojekt für die abgehobene Oberschicht oder die abgehängte Unterschicht aufzulegen? Die Frage wäre nur, in welche der anderen Parallelgesellschaften man sie integrieren wollte.