Jedem seine Fremden? Bilder von den Anderen in Deutschland und Frankreich seit 1871

Artikel veröffentlicht am 24. August 2009
Artikel veröffentlicht am 24. August 2009
Von Vanessa Schmitz Übersetzung von Morgane Poder Die von der Cité mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin gemeinsam organisierte Ausstellung im Pariser Palais de la Porte Dorée schließt gerade ihre Pforten. Vom 15. Oktober 2009 bis 31. Januar 2010 wird sie in Berlin zu sehen sein. Jedem seine Feinde?

„Deutschland-Frankreich“, das erinnert an ein Freundschaftsspiel, einen NATO-Gipfel oder auch an das Tandem, das die politische Orientierung des gemeinsamen Hauses Europa grundlegend beeinflusst. Wer würde dabei noch an Groll, Affront oder Krieg denken? Fast hätte man vergessen, dass die beiden Nachbarländer vor nicht allzu langer Zeit noch ein beiderseitiges, unbezwingbares Hassgefühl hegten, das sich zwischen 1871 und 1945 in drei blutigen Kriegen entlud. Die Zeit der Rache scheint jedoch vergessen zu sein.

Wann war das nochmal? Wer kümmert sich eigentlich noch darum! Im kollektiven Bewusstsein ist dies nur eine alte Erinnerung, die lange genug zurückliegt, sodass jeder seine eigene Geschichte beurteilen und einen kritischen Rückblick darauf präsentieren kann. Es ist schwer zu glauben, und doch wird man sich beim Anblick der etwa 300 ausgestellten Dokumente bewusst, wie sich die Identität der Dritten Französischen Republik einerseits und des Deutschen Reichs andererseits ab 1871 auf Grundlage der Vorstellung vom jeweils anderen herauskristallisiert hat. Die verschiedenen französischen und deutschen Stereotypen, die für die Entstehung der Vorstellung des Fremden verantwortlich sind, werden in der Ausstellung sorgfältig analysiert.

Der „Boche“ und der „Jude“

Ab 1870 versuchten die Dritte Französische Republik und das Deutsche Reich, ihre Macht und ihre Grenzen unter einer kulturellen und ethnischen Hegemonie festzusetzen und schürten so den nationalistischen Hass. Während die Republik die „Nomaden“ zählte und identifizierte, forderte Wilhelm II. die Anthropologen auf, die Ausländer zu „klassifizieren“. Er unterdrückte Minderheiten und annektierte die Region Elsass-Mosel unter dem Vorwand, sie sei in kultureller Hinsicht deutsch.

In Frankreich führte der Erste Weltkrieg dazu, dass der Hass auf den „Boche“, wie die Deutschen abwertend genannt wurden, allgemein üblich wurde. Der Deutsche war der Feind, den es mit allen Mitteln zu besiegen galt. Zwischen den Weltkriegen ließ die erste Immigrationswelle aus Polen, Italien und Spanien die nationalistischen Spannungen steigen, was den französischen Rechtsextremisten zugutekam.

Auf der anderen Seite der Grenze führte die bittere Niederlage der noch ganz neuen Weimarer Republik zu Rachegelüsten und man fand einen Sündenbock: In Deutschland sowie in Frankreich sah man die Juden als die Wurzel allen Übels an. Rassistische und antisemitische Propaganda war die einzige und traurige Grundlage, auf der das Vichy- und das Hitler-Regime entwickelt wurden.

Das Tandem

Bei näherer Betrachtung wird klar, dass sich die Geschichte dieser beiden Länder auf Grundlage so vieler Parallelismen und Interaktionen herausgebildet hat, dass es nicht im Geringsten paradox ist, diese als das Fundament des europäischen Hauses zu betrachten. Dank der Dynamik der Europapolitik haben Frankreich und Deutschland Seite an Seite Fortschritte gemacht. Heutzutage bezeichnet man das deutsch-französische Tandem oft als einen der Antriebe für Europa - trotz einiger Meinungsverschiedenheiten bezüglich der jeweiligen nationalen Interessen. Außerdem hat die deutsch-französische Achse durch wichtige Paare Gestalt angenommen: de Gaulle – Adenauer, Giscard - Schmidt, Mitterand - Kohl oder auch Chirac - Schröder. Unverhofft lang ist die Strecke, die man in ein wenig mehr als einem halben Jahrhundert bereits zurückgelegt hat. Und obgleich die institutionelle Krise das Tandem schwächt, erwartet man von ihm, dass es die Arbeiten am gemeinsamen Haus Europa wieder ankurbelt.

Aus dem Feind von gestern wurde der Bündnispartner von morgen: Für Europa, das mehr denn je Garant für Frieden ist, hat sich der Einsatz gelohnt.

(Bild: Buchdeckel von Marianne Amar, Marie Poinsot und Catherine Withol de Wenden (Hrsg.), À chacun ses étrangers ? France-Allemagne de 1871 à aujourd'hui, Paris, Actes Sud/Cité nationale de l'histoire de l'immigration, 2009, 215 Seiten.)