Jaroslav Rudis: "Mehr Stammtisch für Europa!"

Artikel veröffentlicht am 21. März 2016
Artikel veröffentlicht am 21. März 2016

Vandam heißt der traurige Held aus dem Roman Nationalstraße, der als Wendeverlierer in einer Prager Plattenbausiedlung wohnt. Auf der Leipziger Buchmesse 2016 sprach cafébabel mit dem teschechischen Buchautor Jaroslav Rudiš über die Geschichte, Europäischsein und die Wichtigkeit von Kneipen.

"Ich bin kein Nazi. Das ist kein Blut. Das ist Farbe. Ich bin doch ein Römer. Ein Europäer. Das ist mein Glaubensbekenntnis.“

Das verkündet der Ich-Erzähler Vandam ziemlich zu Beginn von Jaroslav Rudiš Roman Nationalstraße (Luchterland 2013) in einer Kneipe einer Prager Plattenbausiedlung. Die Samtene Revolution in Tschechien ist schon 25 Jahre vorbei, die damit verbundenen Hoffnungen an die neue Freiheit ebenso. Deswegen setzt sich Vandam als selbsternannter Sheriff für Recht und Ordnung ein. Dabei lässt er auch manches Mal die Fäuste sprechen. Das ist tragisch, düster, aber vor allem auch komisch. Rudis kreiiert damit eine Geschichte, die zu Zeiten von Flüchtlingskrise, steigendem Populismus und vermehrter Fremdenfeindlichkeit aktueller denn je scheint.

Vandam gibt es wirklich

Für Vandam soll es ein reales Vorbild geben. Können Sie uns mehr darüber erzähen?

Einmal hat mir ein Halbbruder von einem guten Freund seine Lebensgeschichte erzählt. Er hat mich angeschaut und gefragt, ob ich Liegestütze mache. Als ich gesagt habe „Ja, ein bisschen“, hat er losgelegt mit seiner Lebensgeschichte und mir eine Lektion darin gegeben, wie das ist, wenn man sich prügelt, wie man überlebt. Und ich fand das total faszinierend - sehr düster, traurig, brutal, aber in der Tat auch poetisch und zart.

Vandam bezeichnet sich im Roman immer als alten Römer oder auch als echten Europäer. Was meint er denn genau damit?

Er weiß, dass die Geschichte, also das, was in Europa früher passiert ist, immer das beeinflusst, was jetzt passiert, und was wir sind. Obwohl wir das vielleicht gerne trennen würden und denken, wir leben jetzt in einer ganz anderen Welt. Aber diese Wunden und Ängste sind immer noch spürbar und kommen immer wieder hoch. 

Müsste Vandam jetzt Kultur definieren, was würde er als Definition nennen?

Er ist ein sehr belesener Typ, der weiß, wie die Welt tickt. Er sagt zum Beispiel auch immer „Der Friede ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen“. Leider glaubt er nicht so richtig an den Menschen, er glaubt vielleicht mehr an die Natur und, dass wir quasi vor einem kleinen Untergang stehen. Was Kultur angeht, ist er auch ein bisschen enttäuscht von dem Menschen. Aber irgendwie ist er auch mit sich im Reinen und der fühlt sich auch einfach als Europäer. 

Wir alle tragen die europäische Angst in uns

Im Nachwort heißt es, dass sie von der "tschechischen Angst" schreiben wollten. Was bedeutet das für Sie?

Vielleicht hätte ich eher "mitteleuropäische Angst" schreiben sollen. Über eine Angst, von der wir ab und zu denken, sie sei etwas Neues. Je mehr ich aber darüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass sie etwas ist, was wir immer tief in uns tragen und bekämpfen müssen, weil sie immer wiederkommt. Aber nicht nur die Angst, sondern auch die Vorurteile, die wir schüren wiederholen sich. Das ist etwas, was jeder für sich selbst mit Vernunft bekämpfen muss. 

Schon der Titel Ihres Buches - Nationalstraße - deutet an, dass die "Samtene Revolution" 1989 für den Roman zentral wichtig ist. Welche Rolle spielt dieses Ereignis genau in der Geschichte?

Das war der Anfang vom Ende des Kommunismus und der sozialistischen Ära. Und klar, wenn dann so eine Generation der Gewinner - ich persönlich sehe mich zum Beispiel selbst als Gewinner - dann anderen gegenübersteht, die andere Erwartungen hatten oder deren Erwartungen viel zu hoch waren, dann fühlen die sich ein bisschen verarscht. Aber mit denen muss man auch sprechen und ihnen erklären, wie das alles kam und dass wir alle im Grunde zu sehr glücklichen Zeiten leben.

Der Roman spielt in einer Kneipe. Inwieweit hat der Heimatort Einfluss auf den Charakter der Figur genommen und inwieweit hat der Heimatort Einfluss auf den Charakter jedes Einzelnen?

Man muss sich einfach fragen, inwieweit man sich von dem trennen kann, wo man herkommt, von dem, was man so kennt. Ich habe eben von den Ängsten in Tschechien gesprochen, aber letztendlich sind diese Ängste und die Vorurteile auch denen sehr ähnlich, die man auch in Deutschland spürt. Kneipen spielen in der tschechischen Gesellschaft eine ganz wichtige Rolle.

Es geht dort aber nicht nur ums Biersaufen. Natürlich auch, aber es ist eher ein Gemeinschaftsding, dass dadurch entsteht, dass man dort zusammen an einem Tisch sitzt, sich austauscht und sich Geschichten erzählt. Und dass man auch richtig schimpft, sich gegenseitig angreift, sich später aber auch wieder versöhnt und sich durch diese Gespräche auch reinigt. 

Jaroslav Rudis liest auf den Literaturtagen 2015

Und was machen wir jetzt? Biertrinken und reden. 

Im Buch wird immer wiederholt, dass Friede nur eine Pause zwischen zwei Kriegen sei. Sind wir jetzt momentan gerade einfach nur in solch einer Pause? Ist Europa überhaupt noch langfristig zu retten?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er als Mensch zu retten ist. Da muss man bei sich selbst anfangen. Aber ich bin im Gegensatz zu Vandam Optimist. Das sind immer einfach Wellen, die mit unglaublicher Wucht über Mitteleuropa toben, aber ich kann mir vorstellen, dass auch wieder ein Moment der Stille kommt. Ich würde mir wünschen, dass die momentane Pause zwischen den Kriegen noch lange, lange anhält.

Weitere Parolen von Vandam sind „action“ oder „die gute alte Handarbeit“ - braucht es mehr Aktivismus in Europa?

Ja, Aktivismus brauchen wir auf jeden Fall. Vielleicht sogar durch Stammtische. Um sich auszutauschen. Das finde ich traurig, dass man sich heutzutage sofort verbarrikadiert und einfach sagt, dass ist deine Meinung und das ist meine Meinung - deine eigenen Leute sind die Guten und die anderen die Bösen. Das ist bedrückend. Ich würde sagen: Mehr Stammtisch für Europa! (lacht

Vandam wendet sich insbesondere an die neue Generation. Was würden sie den jungen Leuten in Europa mit auf den Weg geben?

Sich für Geschichte zu interessieren. Das klingt immer so belehrend, aber ich finde schon, dass es wichtig ist, sich dafür zu interessieren und finde Geschichte total spannend. Ich sage auch immer, die Geschichte ist immer gleich. Und wenn man sich nur ein bisschen dafür interessiert oder Literatur liest, dann versteht man das.

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Raroslav Rudiš Roman Nationalstraße erschien 2013 im Original auf Tschechisch, 2016 auf Deutsch beim Luchterland Verlag und wird in Kürze auch auf Polnisch, Spanisch und Französisch erscheinen.