Jan-Ole Gerster: "Ich bin der Frankenstein all meiner Helden"

Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2013

Deutschlands Nachwuchsregisseur, dessen Filmdebüt Oh Boy 2013 viel Lob und Preise abgestaubt hat, erzählt von seinen Inspirationen, deutschen Befangenheiten und warum er nicht mit Guy Ritchie verglichen werden möchte.

Jan-Ole, worin liegt die universelle Kraft deines Debütfilms?

Ich glaube, man sieht dem Film an, dass er nicht auf Erfolg aus war. Er ist schwarz-weiß, hat eine passive Hauptfigur. Vorsichtig formuliert greift der Film vielleicht ein Gefühl auf, mit dem sich viele Leute identifizieren können, die sich in einer Welt bewegen, die einem oftmals fremd vorkommt. Und das, obwohl sie eigentlich alle Möglichkeiten für einen bereithält und man trotzdem nicht so genau weiß, ob das das erfüllte, glückliche Leben ist. Warum wird eine Gesellschaft, der es theoretisch immer besser geht, immer unglücklicher?

Ist das so? Werden wir immer unglücklicher?

Warum sind wir so ausgebrannt, warum so deprimiert? Unsere Gesellschaft wird immer gesünder, freier, bietet mehr Chancengleichheit, eigene Wohnungen, Kinder werden groß, können zur Uni gehen und bis 31 noch Praktika in einem Webdesign-Büro machen. Diese unbegrenzten Möglichkeiten können auch zum Gefängnis werden. Mein Filmheld hat auf jeden Fall Probleme mit dieser Welt da draußen.

Welches Know-how braucht ein junger Regisseur in dieser unglückseeligen Welt heute?

Der einzige Tipp, den ich geben kann: Es macht keinen Sinn, sich zu verbiegen. Ich denke, man sieht meinem Film an, dass er mit wenig Budget und viel Spaß gemacht wurde. Es kann schon sein, dass sich viele eingeschüchtert fühlen, einen besonderen Stoff zu machen, der nicht die gängigen Trends bedient. Was wollen die Leute gerade sehen? Sowas wie Hangover? Ich würde immer dafür plädieren, dass man sich von solchen Gedanken frei macht. Es ist schade, wenn erste Filme schon so glatt und unproblematisch sind.

Wie definierst du gutes Kino?

In Broke Back Mountain saß ich neben Superhetero-Männern und die heulten. Da geht es um das Universelle dieser Liebesgeschichte. Ang Lee, der aus China kommt und eigentlich superamerikanische Blockbuster macht, bringt dann so ein Ding. Das ist größer als nur ein Cowboy in Montanta. Oder Xavier Dolan. Er ist gerade 25, jung und gutaussehend - I hate him. Laurence Anyways hat mich wochenlang zum Nachdenken gebracht. Aber Kino hat heute mehr zu kämpfen. In den 1960er und 70er Jahren waren die besten Filme auch gleich die erfolgreichsten, das ist heute nicht mehr so. 

Dich inspiriert die 'Nouvelle Vague'. Gibt es eine aktuelle Welle im deutschen Kino?

Mir war nicht klar, dass meine Helden so klar im Film sichtbar sind. Ich liebe Truffaut, Allen, Godard, Jarmusch und all die anderen. Ich bin der Frankenstein all meiner Helden. Natürlich freut es mich, dass ich mit all diesen Größen verglichen werde, denn ich bin nur ein verdammter Schüler. Ich weiß gar nicht, was ich da tue. Trotzdem bin ich froh, dass mich niemand mit Guy Ritchie verglichen hat. Wenn ich an deutsches Kino denke, sehe ich eine echte Vielfalt ohne klare Richtung. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir in Deutschland eine Kino-Bewegung haben. Es gab natürlich die Berliner Schule, da gehöre ich aber nicht dazu. Ich denke auch, die würden mich da gar nicht als Mitglied aufnehmen. Einer der größten Regisseure der Gruppe ist Christian Petzold [Barbara (2012); A.d.R.]. Aber ob ein Film wie Good Bye Lenin oder Das Leben der Anderen nun zur Berliner Schule gehört, wen schert das?

Warum sind deutsche Realitäten so wichtig für dich?

Ein Film, der im Berliner Alltag spielt, ohne diese Themen anzusprechen, wäre für mich Wirklichkeitsflucht. Wenn du in Deutschland lebst, wirst du mit diesem historischen Geist ständig konfrontiert. Und Oh Boy ist ja auch Suche nach Alltag und Identität. Ich denke oft über den deutschen Ruf, unsere Identität nach, besonders wenn ich reise. Ich bin nicht als Jan-Ole Gerster der Regisseur, sondern als Jan-Ole Gerster der deutsche Regisseur unterwegs. Und auch wenn ich nichts mit der deutschen Vergangenheit zu tun habe, habe ich nachwievor dieses Gefühl, ein Gewicht mit mir herumzuschleppen, für das ich nicht verantwortlich bin. Heute lesen wir die Zeitungen, es geht um Griechenland und Angela Merkel trägt eine Nazi-Uniform. Es ist immer noch da draußen.

Die deutsche Hauptstadt spielt eine der Schlüsselrollen in deinem Film.

Ich kam 2000 nach Berlin und die Leute meinten, du bist zu spät, die Party ist längst vorbei. Und jetzt sage ich den 20-Jährigen, die zum Studieren oder Arbeiten herkommen, dasselbe. Berlin ist nicht schön wie Paris oder Barcelona. Städte müssen sich verändern, die Frage ist nur in welche Richtung. Der Hauptbahnhof, Spreeufer, Potsdamer Platz - sind das die Symbole eines wiedervereinten Landes? East Side Gallery, Tacheles - Entscheidungen, die in die richtige Richtung gehen? Oh Boy ist meine persönliche Sicht auf die Stadt, nichts weiter. Als ich ursprünglich nach Berlin kam, gefiel mir dieser rottige Charme der DDR in Kombination mit der Berliner Subkultur. Im Jahr 2000 war Berlin ein großer Spielplatz für junge Leute. Ich habe die Stadt geliebt. Niko versucht nichts zu tun und ich versuche mit ihm gemeinsam die Zeit zu stoppen. Ich wollte einmal die Uhr anhalten, bevor alles so rasant weitergeht wie jetzt.