Jalta spaltet weiterhin Europa

Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2005
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Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2005

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Am 12. Mai haben sich die Europarlamentarier zu einem Kompromiss zusammengerauft, um dem Ende des zweiten Weltkriegs zu gedenken. Doch für die Länder des ehemaligen Ostblocks hörte die Unterdrückung mit "Jalta" nicht auf...

Blumenkränze, Nationalhymnen, Militärkapellen und Fanfaren, ehemalige Kämpfer und Heimkehrer versammeln sich in allen Städten Europas. Für die Angleichung der Gedenkrituale zum sechzigjährigen Kriegsende bedarf es keiner Richtlinie aus Brüssel. Jedenfalls nicht für den westlichen Teil Europas. Weil die Erklärung von Jalta über die Teilung des europäischen Kontinents, der im Februar 1945 von Roosevelt, Churchill und Stalin unterzeichnet worden ist, immer noch altes und neues Europa teilt. Und der kalte Krieg scheint weiterzugehen.

"Der Westen hat weniger unter dem Krieg gelitten als wir unter dem Eisernen Vorhang"

Das europäische Parlament wird zum Schauplatz der Feindseligkeiten: Eine Schar baltischer Europaabgeordneter hat eine Resolution zur Verurteilung von Jalta vorgeschlagen. Dort wurde einst grünes Licht für die kommunistische Hegemonie über Mittel- und Osteuropa gegeben. „Die Bewohner der westlichen Welt haben nicht so unter dem Krieg gelitten wie wir unter dem Eisernen Vorhang“, erklärt einer der Fürsprecher des Textes, der Sozialist Toomas Ilves. Doch die Parteien sind gespalten. „Die Rote Armee hat den Sieg über die Nazis und das Ende der Shoah ermöglicht“, antwortet der Vorsitzende der Gruppe der Sozialdemokraten, Martin Schulz. Am 12. Mai wurde mit der Verabschiedung einer Erklärung zum Kriegsende schließlich ein Kompromiss gefunden.

Die Berliner Mauer, ein Symbol für Freiheit oder Unterdrückung?

Viele von den “Bewohnern der westlichen Welt”, die für die Resolution gestimmt haben, sind einstige Achtundsechziger, die – während sie in den Pariser Cafés saßen - den Maoismus im kommunistischen China verherrlicht haben, wo die Menschen vor Hunger starben. Es sind einstige Vollblut-Pazifisten, die gegen amerikanische Pershings demonstriert und hinsichtlich der sowjetischen Wiederbewaffnung ein Auge zugedrückt haben- diejenigen, die sich heute immer noch damit schmücken, sich als „Kommunisten“ zu bezeichnen, mit der Rechtfertigung, Stalin habe schließlich Hitler besiegt.

Doch es gibt auch eine andere Geschichte, die einige Fragen aufwirft, die für einen Teil des Westens immer noch peinlich sind. War sie nun ein Symbol der Freiheit oder vielmehr der Unterdrückung, die Mauer, welche Berlin 28 Jahre lang geteilt hat? Waren sie dem Frieden oder der Unterdrückung zugetan, die sowjetischen Panzer, die am 23. September 1956 die Revolte in Budapest in ein Blutbad münden ließen? Waren die auf München, Paris und London gerichteten Nuklearsprengköpfe Instrumente der Stabilität oder der Aggression? Waren es Flammen der Freiheit oder der Verzweiflung, die den Studenten Jan Palach umfingen, der sich verbrannte, als der Warschauer Pakt den Prager Frühling erstickte?

Auf diese Fragen hat das Europäische Parlament mit Kompromissformeln geantwortet, mit einer hölzernen Rhetorik, die es allen recht machen will. Doch der Frieden in Europa ist nicht Jalta oder Stalin zu verdanken. Erst der Mauerfall und die Allianz zwischen den europäischen Demokratien und den USA, sowie schließlich die EU-Osterweiterung haben echten Frieden nach Europa gebracht. Gewaltfreiheit, Demokratie, freier Handel: Wird Europa den Fehler von Jalta in seiner Nachbarschaft wiederholen, oder wird sie sich damit zufrieden geben, in 60 Jahren die unterdrückten Europäer in Weißrussland und Tschetschenien um Entschuldigung zu bitten?