Jakobsweg: Tägliche 'Salbungen' in der Pilgerwelt

Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2010
Über 140.000 Menschen aus aller Welt pilgerten 2009 den Jakobsweg nach Santiago de Compostela (Spanien), wo sich das Jakobsgrab befinden soll. Gut 14.000 von ihnen stammten aus Deutschland, darunter auch Klara Gockel (22) und Felix Wenzel (23). Pilgern war für sie allerdings weniger „Beten mit den Füßen“ als vielmehr ein einzigartiges Erlebnis.

„Der Hape“ gab letztendlich den entscheidenden Anstoß. Im Frühjahr 2009 hatte Klara Gockel überlegt, längere Zeit wegzufahren. Dass das Ziel dann Santiago de Compostela lautete und nicht Club-Urlaub auf Mallorca, war zunächst den mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten zu verdanken. Dann las Klara noch „durch Zufall“ das Buch, welches mittlerweile Millionen Deutsche im Regal stehen haben: Ich bin dann mal weg. Darin beschreibt Comedian Hape Kerkeling seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg. „Erst wollte ich alleine laufen“, berichtet die Zahnmedizin-Studentin aus Herne. Musste sie aber nicht, denn Felix Wenzel (erste Reaktion: „Bist du bescheuert?“), alter Schulfreund und Krankenpfleger-Azubi, ließ sich schnell überzeugen. Zusammen wälzte man Reiseliteratur, eignete sich (sehr) rudimentäre Spanischkenntnisse an und trat Pilger-Gruppen bei StudiVZ bei. Rückblickend stellen Klara und Felix lachend fest: „Wir waren sogar zu professionell. Auf dem Weg haben wir Leute getroffen, die barfuß gepilgert sind.“ Soviel Leiden musste dann doch nicht sein, die beiden Herner setzten auf gutes Schuhwerk sowie Babyöltücher. Letztere sind in jedem Supermarkt zu kaufen und von unverzichtbarem Wert, um sich selbst und alles Mögliche damit zu waschen.

24 km am Tag, sieben Tag in der Woche, sechs Wochen lang

Zur Not einfach die Hacken an den Schuhen rausschneidenIm August 2009 konnte die Reise auf dem Camino Francés losgehen, dem spanischen Hauptweg, der von den Pyrenäen aus knapp 800 km durch Nordspanien führt. Von Saint Jean Pied de Port bis nach Santiago de Compostela brauchten Klara und Felix gut sechs Wochen, jeden Tag liefen sie durchschnittlich 24 km, mal mehr, mal weniger. Pausentage zwischendurch? Gab es nicht. Trotz guten Schuhwerks: Die „abendliche Salbung“, wie Klara das Prozedere des Eincremens wunder Stellen nennt, musste sein. Andere Pilger, andere Lösungen. So hatte ein Pilger kurzerhand die Hacken aus seinen zu kleinen Schuhen herausgeschnitten. Überhaupt waren es die Begegnungen mit anderen Menschen, die die beiden Pilger am meisten beeindruckten. Es sei denn, man musste seinen hart erkämpften Schlafplatz im unteren Teil eines Doppelbettes im überfüllten Herbergs-Schlafsaal an eine nölige ältere Dame ebenfalls deutscher Herkunft abtreten … Positive Begegnungen gab es dafür u.a. mit einem pilgernden, holländischen Großvater-Enkel-Gespann. Felix fasst zusammen: „Beim Pilgern bist du nie allein.“

Der „Pilgereffekt“ oder: Das Wertschätzen der kleinen Dinge

Religiöse Gründe waren weder bei Klara, noch bei Felix der entscheidende Grund, sich an das Abenteuer Jakobsweg zu wagen. Vielmehr wollten sie sich selbst beweisen, wozu sie fähig sind, erklärt Klara: „Was wirklich zählte, war das Ziel vor Augen zu haben.“ Dabei fände man sich ruckzuck in der ganz eigenen „Pilgerwelt“ wieder und verlöre relativ schnell die Verbindung zur Realität. Klara und Felix fanden’s toll - ihre Eltern eher nicht so. „Meine Mama hat eine Karte der Strecke aufgehängt und immer an den Orten ein Fähnchen reingesteckt, von wo aus wir uns gemeldet haben“, berichtet Felix. „Naja, dann haben wir mal ein paar Tage lang vergessen, uns zu melden - und als ich zurückkam, habe ich anhand der fehlenden Fähnchen gesehen, wie lange wir tatsächlich kein Lebenszeichen von uns gegeben haben.“

In Santiago ist das Ziel erreicht - Klara und Felix beschlossen allerdings, bis nach Finisterre weiterzulaufenVermisst habe sie während der sechs Wochen Pilgern nichts, sagt Klara. Okay, ab und zu gönnte man sich als Belohnung mal eine richtige Cola, statt des ordinären Leitungswassers. Und ein richtiges Handtuch wäre zwischendurch auch mal nett gewesen, nicht immer dieses Micro-Fleece-Reisetücher. Der „Pilgereffekt“, das Wertschätzen der kleinen Dinge, hielt allerdings nicht lange an. Klara: „Ich habe mich abends immer so auf die Dusche gefreut und dachte, dass ich Sachen wie ein richtiges Handtuch zu Hause genießen würde. Aber wenn es dann soweit ist, vergisst man das irgendwie.“

Bis ans Ende der Welt

Nach sechs Wochen zu Fuß, Schlafen in Massen-Schlafsälen und täglichen Salbungen, fand Klara das Ziel Santiago erstmal nicht sehr beeindruckend: „Es war regnerisch und wir hatten vorher schon beschlossen, dass wir noch bis zum Ende der Welt weiterlaufen.“ Finisterre, das Ende der Welt, liegt noch einmal 90 km von Santiago entfernt. Und hier hatten die beiden Deutschen dann endlich das Gefühl, es geschafft zu haben: „Die Kulisse war Wahnsinn“, so Felix, „es ging tatsächlich nicht mehr weiter. Vor uns der Sonnenuntergang und das Meer, ein ergreifendes Gefühl.“

Endlich angekommen

Der Pilgereffekt geht, anderes bleibt. Nach ihrer Rückkehr ließen sich Klara und Felix die Erinnerungen an ihre Reise in die Haut stechen - Klara auf den Knöchel, Felix auf den Fuß. Das Motiv? Na klar, die Jakobsmuschel!

Auch wenn Klara der Meinung ist, man könne "relativ spontan lospilgern" - Hier finden zukünftige Pilger nützliche Tipps.

Fotos: ©Klara Gockel und Felix Wenzel