Jahwe und die Surfgötter

Artikel veröffentlicht am 28. März 2006
Artikel veröffentlicht am 28. März 2006

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Die heutige Jugend in Israel ist gut ausgebildet, voller Hoffnung und bereit, ein neues Kapitel in der Geschichte ihres Landes aufzuschlagen.

Israel, das gelobte Land, ein aus sich selbst entstandener Staat, Land der Opfer des Holocausts und des Terrorismus... Täglich erinnern die führenden Politiker des Landes an diese Tatsachen. Doch Israel ist mehr als ein Häufchen von sechs Millionen Einwohnern, die sich in ihrer Erinnerung und ihrer Opferhaltung eingraben. Die Jugendlichen möchten moderne Israelis sein, die Hoffnung ausstrahlen. Sie demonstrieren dies, indem sie die besten Traditionen des Landes mit einem bisher unbekannten Fortschritt verbinden.

Hunger auf Veränderung

Jaakov, 23 Jahre alt, Taxifahrer und Jurastudent an der Universität Tel Aviv, ist ein Beispiel dafür. Seine Mutter ist Jemenitin, sein Vater Russe und er selbst bezeichnet sich als Agnostiker, wenn auch jüdischer Kultur. Er schüttelt den Kopf, wenn er nach dem Traditionalismus seines Landes gefragt wird: „Das ist bei den Jugendlichen nicht so. Die Ultraorthodoxen sind so, in allen Bereichen. Und die Kinder der Siedler, die um keinen Preis der Welt den Sabbat brechen würden. Aber die anderen...“ Was machen die anderen? „Naja, die feiern bis zum Morgengrauen, gehen in Ausstellungen, flirten und studieren hart“, zählt er lachend auf und und liefert den Beweis: den Arm um seine Freundin Sheera gelegt, trinkt er ein Guiness im Molly Bloom, einem typischen Irish Pub der israelischen Hauptstadt.

Um ihn herum sitzen Dutzende Jugendliche, die so aussehen, als kämen sie geradewegs aus Paris, Madrid oder Polen. Die Avantgarde geht in Designerbars und europäische Restaurants, mit ihr einher geht eine neue Strömung in der Kultur, die das Land umkrempelt. Ihre Protagonisten entstammen der jungen Generation: Das Nationalee Kibbut-Ballett, die Percussionkünstler von Mayumana bis hin zu den Musikern Noa, Gil Dor oder David Broza. Und die neueste Entdeckung, das Tel Aviv Trio, dessen Musik eine Verbindung von Klassik und New Jazz ist.

Politische Desillusionierung

Doch so sehr die Jugend des Landes das Party- und Kulturleben prägt, so desillusioniert blickt sie auch auf die Politik. 67 Prozent der Unter-30-Jährigen haben „kein Interesse“ an der Politik, so das Ergebnis einer Umfrage, die kürzlich von der führenden israelischen Tageszeitung Haaretz durchgeführt wurde. Bei den Wahlen am 28. März werden Prognosen zufolge 46 der Bürger nicht zur Wahl gehen, darunter drei Viertel Jugendliche.

Der Rest wird der landesweiten Tendenz folgen und ihre Stimme der Kadima, der Partei des sterbenskranken Ariel Scharon, oder der Arbeiterpartei um den Gewerkschafter Amir Peretz geben. „Die Parteien bieten uns nichts weiter als Konfrontationen und Streitereien, aber sie finden keine Lösung, etwa für das Problem des unsicheren Arbeitsmarktes“ klagt Ira, ein Freund von Jaakov, der sich in das Gespräch einklinkt. Die Zahlen geben ihm Recht: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 18 Prozent und die, die Arbeit haben, fürchten sich davor, sie zu verlieren. Wenn Studenten etwas Geld nebenher verdienen wollen, um ihr Studium zu finanzieren, bleibt ihnen oft nur der Geschäftszweig, der das Land stützt: Die Sicherheitsbranche. Von den jobbenden Studenten arbeiten knapp drei Viertel als Wachpersonen, da in Israel jeder Kunde vor dem Eintritt in ein Einkaufszentrum und in eine Bar verpflichtet ist, sich einem Sicherheitscheck mit Metalldetektor zu unterziehen. Paranoia des Terrors.

Sensibilisiert und engagiert

Parallel zur Abkehr von der Politik ist ein anderes interessantes Phänomen zu beobachten: Das wachsende Interesse an der Friedensarbeit der Nichtregierungsorganisationen. Der Erfolg von Vereinen wie Peace now (Frieden jetzt), die eine Schlüsselrolle bei der Genfer Initiative spielte und zu den größten Demonstrationen für einen palästinensischen Staat aufgerufen hatte, die es in Israel je gegeben hat. Die Studenten in Haifa, Jerusalem und Tel Aviv sehnen sich nach Frieden, der Tod Jitzchak Rabins durch die Hand eines jüdischen Extremisten hat die jungen Leute in Israel geprägt.

In der Nähe des Nordau-Boulevards in Tel Aviv versucht Matan, ein Freiwilliger beim Roten Kreuz, das wachsende Streben nach Verständigung zu erklären: „Die jungen Leute sind in einem aufstrebenden Land groß geworden, das ihre Eltern und Großeltern unter Mühen aufgebaut haben. An uns liegt es nun, unser Gegenüber, die Palästinenser, als Menschen mit Rechten zu sehen. Sie greifen uns immer wieder an, aber letztlich verdienen sie ihr eigenes Land. Wir haben das Unsere, und das ist für uns genug. Nun ist es an der Zeit, den Dialog voranzutreiben.“ Matan sagt das, obwohl er mit 27 Jahren schon vier Mal die Überreste seiner Landsleute nach einem Attentat auflesen musste.

Ein Herz für alles

Da er sich im Lauf des Gespräches richtig in Rage geredet hat, schlägt er nun vor, einen Kebap in einem der kleinen Läden zu essen, die sich in den Gassen Tel Avivs zusammendrängen. Er will sich beruhigen. Auf dem Weg zum Kebap-Laden spricht er im heiteren Ton und beginnt, vor jedem Schaufenster stehen zu bleiben. „Hör mal, ich habe sieben Monate in London gelebt und wenn ich hierher komme und sehe, wie geschmacklos sich die Frauen hier anziehen, bekomme ich Kopfschmerzen“ sagt er, während er sich ein grünes, über und über besticktes Brautkleid ansieht.

Genau dieses Brautkleid ist ein schönes Symbol für den grundlegenden Widerspruch der jungen Israelis durch: Sie sind immer offener und fortschrittlicher – doch die Bedeutung der Insitution Familie hat kein bisschen nachgelassen. Die Zahl der Scheidungen steigt kaum, während die Zahl der Eheschließungen stark zunimmt. „Was ist dabei?“, fragt Matan. „Wir haben ein großes Herz, in dem alles seinen Platz findet: Modern und traditionell zu sein, an Gott zu glauben und an die Surfgötter, denen wir in an den Stränden Netanyas huldigen, Folk- und Rockmusik zu hören. Wir sind wie Israel: Eine gute Mischung, die die Welt zu schätzen lernen wird.“