Iva Bittová: „Tschechische Politiker wollen nichts als berühmt werden“

Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2008
Die Geigerin, Sängerin und Schauspielerin liebt Obama. Kürzlich zog die Tochter einer slowakischen Mutter und eines mährischen Vaters aus der Tschechischen Republik nach New York. Mit fünfzig Jahren verkörpert sie eine anspruchsvolle, eingängige Musik voll Wärme.

Die vielfach talentierte tschechische Künstlerin Iva Bittová ist nach Parma gekommen, um das Minifestival „Parma Jazz Frontiere“ zu beschließen. Es ist der Ausweitung der Grenzen zeitgenössischer Musik gewidmet und besteht seit mehr als zehn Jahren. Geplant ist ein exklusives Konzert: Zugang zum Palazzo San Vitale im Stadtzentrum erhalten nur geladene Gäste in eng begrenzter Zahl.

Nebel in der Po-Ebene

Wir treffen uns um fünf Uhr nachmittags, direkt nach den Proben. Bei meiner Ankunft sind die Türen verschlossen, der Eingangsbereich wirkt verlassen. Die Atmosphäre ist typisch für einen Winternachmittag in der ländlichen Po-Ebene: Kleine Gruppen versammeln sich in Cafés oder pressen ihre Gesichter gegen die Scheiben von Bekleidungsgeschäften. Am späten Nachmittag steigt Nebel auf und umhüllt Wohnhäuser, Kirchen und Menschen. Ein Journalist, der für die Organisatoren des Festivals arbeitet, schafft es, mich in das Haus einzulassen. Bittová bewegt sich während des Soundchecks auf einer kleinen Bühne. Höflich bittet sie die Techniker um einige kleine Änderungen. Nicht ganz einverstanden ist sie mit der Beleuchtung, die zu hell sei. Sie sagt, es wäre schön, ein paar Blumen auf der Bühne zu verstreuen und ein paar Kerzen anzuzünden, sofern man diese an einem Novembersonntag in Parma auftreiben kann.

Von gängiger Folklore zur Avantgarde

Iva Bittovás Gesicht kommt nie zur Ruhe, sondern ändert sich mit jedem Blick, den sie auf die kleine Gruppe richtet, die bei den Proben anwesend sein darf: Sie nimmt ihre Geige zur Hand und spielt mit Bravour einen Folksong. Bittová gehört zu einem asketischen Stil, der immer mehr Musiker, sogar aus dem Popbereich, anzieht; Von Björk bis Joanna Newsom, von Vashti Bunyan bis Bat for Lashes. Immer wieder haben Folksänger die Freude an einer Verschmelzung ihrer eigenen musikalischen Wurzeln mit modernen Trends entdeckt. Sie kreierten neue Stilrichtungen, beeinflusst von merkwürdigen Kreaturen, die in Wäldern und kargen Landschaften hausen, wo agnostischer Mystizismus in der Abwesenheit sozialer Zwänge gedeiht. Häufiger jedoch jagen sie einfach dem vorüberziehenden Trittbrett einer alternativen Folklore hinterher.

Dies ist bei der tschechischen Musikerin nicht der Fall. Sie ist ein weltweit bekannter Orientierungspunkt für innovativen Sound und das hochdifferenzierte Klangfeld zeitgenössischer Musik. Während der zwanzig Jahre ihrer Karriere hat sie ihren eigenen Ideen die Treue gehalten und hat Abweichungen um jeden Preis vermieden. Dabei fühlt sie sich „so frei wie nur möglich, wenn ich auf der Bühne bin, damit sich das Publikum nicht angespannt fühlt.“ Wir sind in ihrer Garderobe, bei einem Obstkorb, der übervoll mit Trauben ist. „Das bedeutet, dass ich für jedes neue Lied ein ganzes Jahr oder üben muss, manchmal sogar länger. Aber das tue ich am liebsten: üben und entwickeln, Sachen ausarbeiten.“ Diese Einstellung hat sie im Lauf ihrer Karriere entwickelt, auch wenn es nicht immer leicht war.

Bittová wurde 1958 in Bruntál in der kommunistischen Tschechoslowakei geboren. Ermutigt von ihrem Vater, begann sie mit sieben Jahren Geige zu spielen. Er war ein hochqualifizierter, vielfach talentierter Musiker, der wollte, dass sie “wie ein Junge” spielte. Sie entwickelte eine Hassliebe zu ihrem Instrument. „Mit vierzehn erklärte ich meiner Familie, dass ich mit dem Geigespielen aufhören würde, da es zu viel für mich sei und dass ich sie nie wieder spielen würde. Ich verschrieb mich der Schauspielerei.” Eine Beschäftigung, die sie im Lauf der Jahre in mehr als zehn Filmen auftreten ließ und die ihr zahlreiche Preise einbrachte; darunter 2008 den Preis als beste Schauspielerin beim Filmfestival in Bratislava und beim Syracuse International Film Festival in New York für den Film Tajnosti oder „Little Girl Blue“, 2007.

Echt bleiben

Im Alter von zweiundzwanzig Jahren erkannte Bittová, dass das Leben einer Schauspielerin nichts für sie war. Sie kehrte zur Geige zurück. Dies, sagt sie, sei der wichtigste Moment ihres Lebens gewesen. Der ungarische Background ihres Vaters (slowakisch-ungarisch mit Roma-Vorfahren) könnte die Zukunft von Bittovás künstlerischer Laufbahn beeinflusst haben. Denn die erste „Verunreinigung“ der klassischen Musik durch Folkloreelemente geschah durch Béla Bartók und Zoltán Kodály, beide Ungarn. Dieser Mischung fügte die Violinistin noch ihr eigenes natürliches Experimentierbedürfnis hinzu und begann mit Gesang: „Völlig frei, ohne irgendeine formale Ausbildung.“ Das Ergebnis war völlig neuartig, allein schon wegen ihrer Ausdruckskraft. „Es ist meine Sprache. Viele Leute sagen, es sei ursprünglich, aber so denke ich nicht. Ich stecke mich nicht selber in eine Schublade. Wenn ich die Gelegenheit dazu habe, arbeite ich genauso gerne mit Jazzmusikern wie mit Klassikern zusammen, ja auch DJs. Ich versuche aber echt zu bleiben, anders als 80 Prozent der Leute, die nur versuchen die Musik unterhaltsam und eingängig zu machen.“

Ihr neuer Wohnsitz in den USA hat sich als Umgebung mit vielfältigen Anregungen erwiesen. Sie zog nach New York auf der Suche nach einer Beschaulichkeit, die sie im südlichen Mähren verloren hatte, einer Region, die von einer unbeherrschbaren Urbanisierung befallen ist. Im Umland von New York hat sie sie erneut gefunden, in einem Haus, das von Wäldern und Weiden mit grasenden Pferden umgeben ist. Sie lebt mit Antonin, ihrem jüngsten Sohn zusammen, der auch Musiker ist, ein weiterer Mitspieler in einer Familie, die durch ihre Musik definiert wird. Ich frage nach Bittovás Ansichten zu europäischen Angelegenheiten und tschechischen Politikern, wie dem euroskeptischen Präsidenten Václav Klaus. „Es gibt viele Aspekte der Politik, die ich nicht verstehe, aber ich weiß, dass Politiker viel Zeit und Energie aufwenden, um in den Zeitungen und den Medien zu erscheinen. Sie denken nur daran, berühmt zu werden, das ärgert mich. Aber ich liebe Obama!“ Ich bemühe mich, mein Stativ und die Videokamera wieder in meine Tasche zu stecken. Sie fragt mich, ob ich Hilfe benötige. Das Konzert muss ich versäumen, weil es einen neuen Eisenbahnstreik gibt. Ich renne zum Bahnhof und hoffe, den letzten Zug nicht zu verpassen.