It’s not just the economy, stupid!

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004
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Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004

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Die Auswirkungen des kapitalistischen Systems reichen weit über die Wirtschaft hinaus und beeinflussen das fundamentale Gefüge der modernen Gesellschaft

Margaret Thatcher verkündete einst respektlos, dass es so etwas wie Gesellschaft nicht gäbe. Siebzehn Jahre danach hat sich die Welt grundlegend verändert. Doch das von ihr unterstützte Wirtschaftssystem ist gegenwärtig, abgesehen von einigen bemerkenswerten Ausnahmen, die einzige sich global verbreitende politische Ideologie. Der Fall des Eisernen Vorhangs führte in ganz Europa zum Zusammenbruch ihres einzigen Konkurrenten, des Kommunismus. Die ganze Weltgemeinschaft scheint sich begeistert den Verheißungen des Kapitalismus hinzugeben. Doch was für eine Bedeutung hat die kapitalistische Marktwirtschaft über die ökonomischen Auswirkungen hinaus für die Gesellschaften in Europa und der restlichen Welt?

Friss oder Stirb

Aus kapitalistischer Sicht hatte Margaret Thatcher Recht, als sie den Begriff „Gesellschaft“ zurückwies. In einer kapitalistischen Welt ist individueller Erfolg alles. Für Andere und mit Anderen zum Wohle der gesamten Gesellschaft zu arbeiten ist daher unvorstellbar. Kapitalismus ist von Natur aus individualistisch und bringt eine „Friss oder stirb“-Mentalität mit sich. Schön für die, die etwas zu Fressen haben. Den anderen – herzliches Beileid. Oberflächlich betrachtet scheint die moderne kapitalistische Welt dennoch von Gemeinschaftsgeist beseelt zu sein. Unsere Welt wird von Rechtsvorstellungen dominiert, die den Eindruck vermitteln, Rücksichtnahme auf die weniger Wohlhabenden sei wesentliches Element des westlichen politischen Systems. Doch die Idee allgemeiner Menschenrechte entstand in der sozial geprägten Nachkriegszeit, mit dem Ziel, die Machtlosen vor dem Missbrauch durch die Mächtigen zu schützen. Heute werden diese Rechte immer häufiger dazu eingesetzt, einzelnen Menschen zu erlauben, ganz nach ihren Vorstellungen weiterzuleben. Sie wissen, dass ihnen das Völkerrecht das „Recht“ dazu gibt und dass jeder Versuch sie daran zu hindern eine Verletzung dieser „Rechte“ wäre.

Individualismus im internationalen Maßstab

Was bedeutet dieser individualistische Trend für die zahlreichen im sozialen Nachkriegsklimas entstandenen internationalen Organisationen, wie die EU, die OSZE oder die Vereinten Nationen? Genau wie die Bürger, streben auch einzelne Länder nach individuellem Erfolg. Die US-Invasion im Irak ist nur ein Beispiel dieser aktuellen Entwicklung: Ist die übrige internationale Gemeinschaft widerwillig, genügt der eigene Wunsch, etwas auf eine bestimmte Weise machen zu wollen zur Rechtfertigung jeglicher Handlung. Da es die Staaten nicht für notwendig erachten, mit anderen als den uneingeschränkt Gefügigen zusammenzuarbeiten, erscheinen die Vereinten Nationen zunehmend überflüssig. Heutzutage geht es darum, Verbündete zu finden: Entweder ihr seid „mit uns“ oder „gegen uns“. Diese Rückkehr zum archaischen System von „Gut und Böse“ steht in direktem Widerspruch zum Nachkriegstraum von Eintracht und internationaler Kooperation.

Auch die gegenwärtige Schwäche der EU spiegelt lediglich die traurige Realität wider, dass ihre Mitgliedstaaten zu keiner weiteren Zusammenarbeit zur Verbesserung der Lage Europas bereit sind. Stattdessen versuchen sie einfach soviel wie möglich aus den Institutionen herauszuschlagen, um sich dann schnellstmöglich aus dem Staub zu machen. Geradezu lachhaft scheint die Vorstellung, dass ein Ziel der EU lautet, die Lebensbedingungen aller Europäer zu verbessern. Was kümmert es Großbritannien, wenn es in Portugal Probleme gibt? Warum sollte es für Frankreich ein Problem sein, wenn die Slowakei Hilfe benötigt? Das „Recht des Stärkeren“ ist die Gesinnung, die in den Fluren Brüssels widerhallt. Daher auch die zunehmenden Versuche von Mitgliedstaaten, sich aus bestimmten EU-Politikbereichen zurückzuziehen, wenn diese sich nicht mit ihren individuellen Plänen vereinbaren lassen.

Sicherlich, manch einer wird argumentieren, dass Kapitalismus der Gesellschaft als Ganzes nützt. Was zum Beispiel, so wird gefragt, mit all der Hilfe, die diese reichen, kapitalistischen Staaten den Entwicklungsländern zukommen lässt. Internationale Hilfe in allen Ehren, doch selbst hier tritt der Egoismus, der sich so oft im Schatten des Kapitalismus versteckt, deutlich zutage. Das Ausmaß der Hilfe, die ein wohlhabender Staat einem ärmeren leistet, ist oftmals von politischem Kalkül beeinflusst und mit zukünftigem wirtschaftlichen Nutzen für das Geberland verbunden. Kürzlich wurde sogar berichtet, dass die Bush-Regierung Hilfsleistungen für Länder gestrichen hat, die sich weigerten die Forderung nach Immunität für Amerikaner vor dem Internationalen Strafgerichtshof zu unterstützen. Das ist keine Nächstenliebe, sondern die altbekannte Ausnutzung der Schwachen durch die Starken.

Tatsache ist: Solange die Menschen nicht aufhören, Kapitalismus als rein wirtschaftliches System zu betrachten und endlich anerkennen, dass er die Grundfeste unserer Gesellschaften negativ beeinflusst, werden Europa und der Rest der Welt weiteres Leid ertragen. Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der Habgier und persönlicher Gewinn so hoch geschätzt werden, dass darüber das Elend derer vergessen wird, die aus irgendeinem Grund im Rennen nach individuellem materiellen Wohlstand nicht mithalten können. Was uns die Politiker auch immer glauben machen wollen, zumindest eines scheint mir klar zu sein: Eine Sternstunde der internationalen Gemeinschaft ist dies nicht.