Italiens Mord von Fermo: Wir sind auch dieses Volk

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2016

[Kommentar] 2016 - Rassismus fordert weiterhin Opfer in Italien. Der Mord eines italienischen Ultras an einem nigerianischen Flüchtling ist einzig auf die Hautfarbe des Opfers und die Dummheit eines Einzelnen zurückzuführen. "Wir sind nicht dieses Volk", schreien die Italiener. Aber seht hin, auch das ist Italien. 

Am Nachmittag des 5. Juli waren Emmanuel Chidi und seine Frau Chinyere im Zentrum von Fermo unterwegs, einer Kleinstadt in der italienischen Region Marche. Sie wurden von Amedeo Mancini angepöbelt und belästigt. Mancini hat bereits einen Ruf in der Stadt, wegen seiner Wutausbüche und rechtsextremen Gedankenguts.

Emmanuel soll versucht haben, seine Frau vor den fremdenfeindlichen und rassistischen Beleidigungen des Mannes zu schützen, bevor er bewusstlos zusammenbrach. Er soll mit einem Verkehrsschild geschlagen worden sein. Anschließend viel Emmanuel ins Koma und verstarb am 6. Juli.

Emmanuel und seine Frau Chinyere waren auf der Flucht vor der terroristischen Gruppierung Boko Haram in Nigeria, die ihre zweijährige Tochter getötet hatte. Sie hatten die Wüste, das Meer und fast ganz Italien durchquert, um schlussendlich im Auffanglager von Fermo anzukommen, das von der lokalen Cartias verwaltet wird. Die schwangere Chinyere hatte aufgrund der harschen Bedingungen während der Überfahrt ihr Kind verloren. Das Paar träumte von einer besseren Zukunft in Italien, nochmal von vorn beginnen zu können.

Nun ist Emmanuel tot, weil er seine Frau vor den rassistischen Beleidigungen eines italienischen Ultrafans beschützen wollte. Chinyere hatte die Kraft, die Organe ihres Mannes zur Spende freizugeben, auch wenn sie für die Staatsangehörigen des Monsters bestimmt waren, das ihr Leben zerstört hat. Eine Lehre für all diejenigen, die in der Nationalität eines Lebewesens ein Motiv für die Zerstörung seines Daseins sehen.

Wir auch

"Wir sind nicht dieses Volk", titelt die italienische Tageszeitung Corriere della Sera am 7. Juli. Aber doch, wir sind auch das. Wir sind auch der Hass und Rassismus, die Emmanuel Chidi Namdi in Fermo getötet haben. Ein 36-jähriger Nigerianer floh vor Terror in seinem Heimatland Nigeria, um bei uns den Tod zu finden. Der Rechtsextremist, der Ultra, der Rassist - nennt es, wie ihr wollt - der Emmanuel getötet hat, ist das Ergebnis der Ignoranz, der Angst und der Beschränktheit eines Teils der Bevölkerung und Politik, die für Wählerstimmen auf zu viel Negativemotionen baut. Es ist eine opportunistische Haltung, die lieber alles mit sinnlosen Lösungen vereinfacht. Einwanderung, Rassismus, Menschenrechte - all diese Konzepte werden nach den jeweiligen Umständen oder politischen Abhängigkeiten vergessen oder unter den Tisch fallen gelassen.

In Italien brauchen wir Geschichten wie die von Emmanuel und Chinyere, um daran zu erinnern, dass Migranten Menschen sind, dass Rassismus existiert und eine konkrete soziale Bedrohung darstellt, gegen die man kämpfen muss. Der Mord an dem nigerianischen Flüchtling katapultiert uns zurück in die 1970-80er Jahre, als seien unsere Erinnerungen an gewisse Schrecken bereits ausgelöscht. Aber die Geschichte wiederholt sich bekanntlich. Und wir? Glotzen als hilflose Zuschauer einfach nur zu.

Emmanuels Geschichte hat Verknüpfungspunkte mit den beiden in den USA getöteten, afroamerianischen Jungen oder auch der darauf folgenden Dallas-Schießerei. Es ist Hass, der mehr Hass produziert, eine Gewaltspirale ohne Logik. Die Angst hemmt Gehirn, Fortschritt und Zivilisation. Und manchmal auch die Menschlichkeit, die dem Mörder von Fermo oder Politikern, die den Mord für ihre rechtspopulistische Panikmache ausnutzen, abhanden gekommen ist. Aus diesem Grund wollen wir nichts mit diesem Volk zu tun haben.