Italienische Dauerstudenten und Mamas Nudeln

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005
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Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005

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Die italienische Uni behandelt ihre Studenten gut: Sie wollen gar nicht mehr gehen. In einigen europäischen Ländern dauert das Studium lange, in Italien scheint es nie zu enden.

Leonado, Rocco, Bruno und Pino, vier bereits in den 30ern befindliche „Herren“ außerhalb der Regelstudienzeit, teilen sich in Florenz eine Wohnung und die Sorgen eines Lebensabschnittes, der scheinbar immer länger wird. Pino wartet auf den Durchbruch als Komiker, Rocco jobbt als Nachtwächter, Leonardo verlässt seine Frau kurz nach der Hochzeit und Bruno langweilt sich über die Alltäglichkeiten eines bürgerlichen Lebens, das ohne nennenswerten Kitzel verläuft. Das sind die Figuren aus dem Film „I Laureati“ („Die Absolventen“) von Leonardo Pieraccioni, der das typische Bild vieler italienischer Studentenexistenzen zeichnet. Und der Ernst des Lebens? Alle vier geben nacheinander die Uni, die Frau und die beruflichen Träume auf. Männer ohne Charakter? Verhätschelte Muttersöhnchen?

Hohes Durchschnittsalter

Italienische Studenten machen ihren Abschluss im Schnitt zwischen 27 und 28 Jahren. Der Mittelwert schwankt je nach Studiengang – mit Spitzenwerten in Architektur (28,9) und Soziologie (29,7). Aber italienische Studenten sind oft auch weit über 30 wenn sie ihr Studium abschließen. Das Durchschnittsalter der Studenten über 30 liegt bei 33,4 Jahren, wie Daten (pdf) des italienischen Bildungsministeriums belegen. Warum sollte man sich auch beeilen? Schließlich soll das Studium gut absolviert werden, geht es doch um die Vorbereitung auf das Leben. Denn Arbeit, das weiß jeder, gibt es ja nicht! Daher ist es besser, so spät wie möglich zu Hause auszuziehen. „Mamas Nudeln sind die Besten!“, sagt Francesco, 27 Jahre alt und Student der Naturwissenschaften. Er wird den nationalen Schnitt nicht drücken. Er macht seinen Abschluss am kommenden 21. Oktober. Nudeln ade!

Dauerstudieren ist cool?

„Die Zukunft kann warten. Wer heiratet schon mit 25? Wer bietet dir sofort nach dem Studium einen Arbeitsplatz an? Genieß doch die besten Jahre deines Lebens. Reise und mach das, worauf du Lust hast. Später ändert sich doch sowieso alles.“, sagt Piermaria und lächelt verschmitzt. Er ist 31 und noch weit von seinem Abschluss in Literaturwissenschaften, Schwerpunkt Theater, entfernt. 69% aller Studenten machen ihren Abschluss nach Ende der Regelstudienzeit. Was treibt so viele Studenten dazu, die emotionale und wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Elternhaus hinauszuschieben? Die Gründe variieren je nach Region und vor allem nach den wirtschaftlichen Perspektiven, die ihnen dort geboten werden. In Süditalien bleiben die Studenten, abgeschreckt durch eine 20%ige Arbeitslosenquote bei Studienabgängern, länger zu Haus als im Norden, wo bessere wirtschaftliche Perspektiven zu einem schnelleren Durchlauf an den Universitäten anhalten. Der ist aber in der Regel immer noch länger als bei den meisten europäischen Kollegen.

Nur die Deutschen sind noch langsamer

Nur die Deutschen, die ihren Uni-Abschluss aufgrund des späten Abiturs mit 19 Jahren, der immer noch vorhandenen Wehrpflicht und der großen Freiheit bei der Fächerkombination mit knapp 28 Jahren machen, etwas länger als die Italiener. Lichtjahre von der deutsch-italienischen „Greisen-Achse“ entfernt befinden sich die Briten, die ihren Bachelor mit 21-22 Jahren absolvieren. Das Land Tony Blairs wird dank eines flexiblen dreijährigen Hochschulsystems (an dem sich die Reform der europäischen Hochschulbildung im „Bologna Prozesses orientiert), aber vor allem dank einer florierenden Wirtschaft immer mehr zum beneideten El Dorado jenseits des Ärmelkanals. Die Franzosen machen ihren Hochschulabschluss mit 22-23 Jahren, dank eines Systems, welches sie Jahr für Jahr zur Einhaltung des Studienplanes unter Androhung der Wiederholung auch bereits bestandener Examen zwingt.