Italienerin, 27 Jahre, ein Kind, sucht nach Praktikum in Brüssel

Artikel veröffentlicht am 10. September 2012
Artikel veröffentlicht am 10. September 2012
In Italien scheiden jährlich vier von zehn frischgebackenen Müttern aus ihren Jobs aus. Als Valentina Brognas Sohn auf die Welt kam, erhielt die junge Mutter die ersten Zusagen für wichtige Praktika in ihrer Karriere. Der Geheimtipp, den uns die italienische ‚Neomamma‘ am Telefon gibt: auf die Familie zählen können.

Nachdem sie ihren Abschluss in Politikwissenschaften absolviert hatte, machte sich Valentina Brogna aus Verona auf den Weg nach Brüssel, wo sie ein Praktikum bei der Europäischen Frauenlobby absolvieren soll. Valentinas Lebenslauf zählt einen Erasmusaufenthalt in Bordeaux, einen Bachelor-Abschluss und 5 Fremdsprachen. Doch diese Kompetenzen reichen nicht mehr aus, um heute mit einem Master-Abschluss in Italien einen Job zu finden. Deshalb lässt sie ihren kleinen Sohn mit den Eltern und ihrem Partner in Italien zurück. Sie wird in den nächsten Monaten über Skype zusehen müssen, wie ihr Sohn wächst.

„Ich bin im letzten Jahr meines Masters schwanger geworden. Damals lagen noch 3 Prüfungen, ein Praktikum und die Abschlussarbeit vor mir. Oft habe ich meine depressiven Momente. Dann frage ich mich, ob ich genügend Zeit mit meinem Sohn verbringe und wie er sich wohl verändern wird in den nächsten Monaten, in denen ich nicht bei ihm sein kann. Zum Glück gibt es Lowcost-Flüge. Zuerst habe ich noch überlegt, ob ich ihn mit nach Brüssel nehme. Doch es handelt sich um ein unbezahltes Praktikum, und ich muss in Vollzeit arbeiten.

Während der Schwangerschaft war ich für ein Praktikum bei einer NGO in Rom. Im ersten Jahr nach der Geburt habe ich meine Karriere ein wenig zurückgestellt. Dank der Hilfe meines Professors, konnte ich zumindest die letzten Prüfungen erfolgreich absolvieren. Als er vierzehn Monate alt war, habe ich einen Krippenplatz für ihn finden können. Doch das wird bald keine Option mehr sein, da die Krippe aufgrund finanzieller Schwierigkeiten demnächst die Pforten schließen muss.

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Mein Sohn ist bald 19 Monate alt. Er wächst mit der Liebe seiner Eltern, Verwandten und Freunden auf. Ohne ihre Hilfe hätte ich wichtige Entscheidungen in meinem Leben nicht treffen können. Der Vater meines Kindes ist in Kamerun geboren und 2005 nach Italien eingewandert. Er arbeitet momentan als Kellner, um das Medizinstudium zu finanzieren. Sein Studentenvisum muss er jedes Jahr erneuern. Die italienische Staatsbürgerschaft kann er erst im Jahr 2015 beantragen. Er benötigt diese, um sich permanent im Schengenraum aufhalten zu können. Die italienischen Einwanderungsgesetze werden zunehmend restriktiver.

Ich kenne Menschen, die in meiner Lage vielleicht andere Entscheidungen getroffen hätten. Junge Leute ohne Familie oder Mann hätten vielleicht nicht die gleichen Wege wie ich gehen können. Eine Gesellschaft, die dich dazu zwingt, zwischen Arbeit und Familie entscheiden zu müssen, ist eine rückwärtsgewandte Gesellschaft. Zunächst war mein Vater der einzige, der gegen meinen Plan, ohne meinen Sohn nach Brüssel zu gehen, war. Aber viele Italiener sind nach wie vor der Meinung, Kinder sollten mindestens drei Jahre lang Vollzeit mit ihren Müttern verbringen. Mein Sohn wächst trotzdem behütet auf und erfreut sich guter Gesundheit. Manchmal ist er sogar zu aufgeweckt! Was fehlt ist der politische Wille, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt, verliert sie gleichzeitig all ihre Qualifikationen im Berufsleben. Sie wird eine Mutter – weiter nichts. Das ist politisch aber auch kulturell verankert. Unsere Politiker haben einfach keinen Mumm, Job und Familie zu vereinen.

Eine Freundin, die Krankenschwester ist, hat kürzlich eine Festanstellung erhalten – unter der Bedingung, dass sie mindestens ein Jahr lang nicht schwanger werde. Viele andere Frauen warten mit dem Kinderwunsch bis 35, wenn die Schwangerschaft mehr Risiken für den Fötus birgt. Wenn Frauen auch heutzutage noch nur auf ihre reproduktive Rolle reduziert werden, dann halte ich den so hochgelobten Feminismus für eine Schande. Denkt nicht, dass wenn man einen Job hat, eine Familie unmöglich ist. Es ist die Gesellschaft, die uns so denken macht.

Ich will niemanden sagen, wie und wann er Kinder bekommen soll, das muss jeder selbst entscheiden. Doch für diesen Frieden zahlen wir einen Preis. In meiner Lage hatte ich die Wahl. Denn meine Familie war da, um mir unter die Arme zu greifen. Ein Kind verändert dein Leben – im guten Sinne. Es verändert die Art, wie du Dinge angehst. Du hast weniger Zeit, aber die Zeit, die Du mit Deinem Kind verbringst, ist umso intensiver. Es ist unglaublich, was Kinder Erwachsenen beibringen können. In Zukunft will ich meine Masterarbeit zum Thema ‚Land grabbing in Entwicklungsländern‘ beenden, um danach in einer NGO zu arbeiten. Ob das in Italien oder anderswo sein wird, ist mir egal. Ich gehe dorthin, wo die Möglichkeit besteht Job und Kind unter einen Hut zu bringen.“

Die vollständige Geschichte von Valentina könnt ihr auf dem Blog ‘Vom Nord bis Süd – sprechen wir darüber” (Danordasudparliamone, auf Italienisch, von Alessia Bottone) lesen.

Illustrationen: Teaserbild (cc)Neil Krug/flickr; Im Text ©cafebabel.com; Video (cc)eawebtv/YouTube