Italien: Wer hat Angst vorm bösen Zigeuner?

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2008

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Überfälle, Personenkarteien, Räumungen illegaler Barackenlager und gefälschte Entführungen. In Italien wächst die Anti-Roma-Psychose. Wir sprachen über das Problem mit dem Verband EveryOne, der sich für Minderheiten in Europa einsetzt.

Dies sind keine guten Zeiten für Roma in Italien, wirklich einfach war es allerdings noch nie. Insbesondere, seitdem ihre Zahl so stark zugenommen hat, zuerst während der Balkankriege und dann durch die EU-Erweiterung nach Osten. Eins der am stärksten verbreiteten Vorurteile ist, dass die 'Zigeuner' kleine Kinder entführen, um sie zum Betteln zu schicken. So verwundet es nicht, dass die neuen Roma-feindlichen Spannungen erneut eskalieren, nachdem eine junge Roma am vergangenen 10. Mai im neapolitanischen Viertel Ponticelli versuchte, ein Baby zu kidnappen. Als „Antwort“ auf diesen Vorfall stürmten Gruppen wutentbrannter Bürger das naheliegende Roma-Lager und ließen es nach der Flucht der Bewohner in Flammen aufgehen. 

Wenn die Medien nicht die Wahrheit sagen

©Francesco Paraggio/flickrDas Ereignis in Ponticelli, das von den Medien ohne weitere Nachforschungen wiedergegeben wurde, ist keineswegs ein Einzelfall. Sowohl davor als auch danach gab es diverse Straftaten unklarer Dynamik, die von den Medien hochgespielt und einfach den Roma zugeschrieben wurden. Zum Beispiel im Oktober des vergangenen Jahres, als in Rom eine Frau von einem Rumänen getötet wurde, der in einer der illegal aufgestellten Baracken lebte, wie sie in der ganzen Peripherie von Rom wie Pilze aus dem Boden schießen. Wahrscheinlich wegen diesem Detail - nämlich den Baracken, die sofort an Roma-Lager erinnern - verbreitete sich das Gerücht wie ein Lauffeuer: Der Mörder sei ein rumänischer Roma, was sich dann jedoch als unbegründet erwies. 

Die Medien, die das Ereignis tagelang ausschlachteten, erwiesen sich hierbei als Komplizen der Falschinformation. So kam es zu den ersten Aggressionen gegen Roma. Die Regierung Romano Prodi, die einst die Erweiterung der EU gefördert hatte, versuchte nicht etwa, die Gemüter zu besänftigen, sondern verabschiedete umgehend eine Rechtsverordnung, um die Abschiebung von EU-Bürgern zu erleichtern: die Rechtsverordnung Nr. 181 vom 1. November 2007, aus der dann aber doch kein Gesetz wurde. 

Wer Angst macht, wird abgeschoben

"Wenn die Presse Nachrichten veröffentlicht, ohne sie zu prüfen, macht sie sich ganz besonders schuldig", erklärt Roberto Malini des internationalen Verbands EveryOne, der sich seit Jahren für die Rechte von Minderheiten einsetzt. "Im Fall Ponticelli hat unser Verband beispielsweise eigene Nachforschungen angestellt, deren Ergebnisse die 'offizielle' Version widerlegen. Die Entführerin war eine Slawin und keine Roma. Und wenn man zum einen die widersprüchlichen Aussagen der Augenzeugen und zum anderen die Tatsache berücksichtigt, dass es in dem Viertel bereits seit März ein 'Komitee zur Lösung des Roma-Problems' gab, kann man ohne weiteres davon ausgehen, dass es sich hier um eine Aufbauschung handelt, um die Zigeuner aus der Gegend zu verjagen, weil ihre Anwesenheit ein Gefühl von Unsicherheit generiert." 

EveryOne informiert die Behörden über die Ergebnisse der Nachforschungen bei Ereignissen wie diesem: "Oftmals werden die Fälle archiviert und die Medien hören auf, sie auszuschlachten. Andererseits gibt es aber auch keinen Raum für öffentlichen Widerruf. Dies verrät viel über die Missstände in unserer öffentlichen Information. Die 'Entführerin' von Ponticelli wurde nie im Fernsehen gezeigt. Denn der Zustand, in dem sich das Mädchen nach der Lynch-Attacke befand, mit herausgeschlagenen Zähnen und dem Gesicht, das von den italienischen - ungestraften - 'Rächern' völlig verunstaltet worden war, hätte ja das Mitleid der Zuschauer erregen können. So hingegen kann die innere Wut ungestört weiterschwelen", erklärt Malini.

Illegale Einwanderer = Kriminelle

©EveryOneDie Regierung Berlusconi versprach gleich bei Machtübernahme konsequente Maßnahmen gegen illegale Einwanderung und Kriminalität. Und da diese beiden Begriffe in Italien inzwischen fast als Synonyme wahrgenommen werden, war es nicht schwer, in diese rassistische Kerbe zu schlagen. Zu den Maßnahmen, die hinsichtlich der so genannten 'Notsituation Roma' ergriffen wurden, zählt unter anderem die Karteiführung: In der norditalienischen Region Lombardia (Lombardei) werden derzeit die persönlichen Daten aller Personen registriert, die als Zugehörige dieser Volksgruppe erachtet werden. 

"Der stellvertretende Bürgermeister von Mailand, Riccardo De Corato, versucht, mithilfe der Karteiführung - die er 'Volkszählung' nennt - Verbrechen zu finden, die von Roma begangen wurden, um diese dann abschieben zu können, sofern sie keine italienischen Staatsbürger sind", berichtet Malini. Trotz der Versuche dieser und der Vorgängerregierung, die Abschiebung von EU-Bürgern zu erleichtern, muss Italien jedoch die ‚europäische Richtlinie über den freien Personenverkehr‘ innerhalb der Gemeinschaft respektieren und kann niemanden wegen Mangel an Mitteln zur Unterhaltsbestreitung abschieben, wie es die als fremdenfeindlich verschriene Partei Lega Nord fordert. 

Und es geht noch weiter: Im Vergleich zum vergangenen Jahr haben sich die Räumungen improvisierter Mikro-Siedlungen verzehnfacht, ohne den Bewohnern Alternativen anzubieten. EveryOne warnt vor einem humanitären Notstand, der sich mit dem nächsten Wintereinbruch noch verschlimmern wird. Am vergangenen 9. Juni protestierten erstmalig 20.000 Personen in Rom, darunter zahlreiche spanische Roma, gegen diese Maßnahmen, die als 'Rassenverfolgung' wahrgenommen werden.