Italien versagt bei Integration

Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2010
Die Zusammenstöße zwischen afrikanischen Erntehelfern und Einheimischen in der süditalienischen Stadt Rosarno haben eine Debatte über den Umgang mit Migranten ausgelöst. Italien hat sich zu wenig um die Integration seiner Einwanderer gekümmert, bemängeln die Kommentatoren.

Le Monde: „Italien – vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland“; Frankreich

Italien hat es versäumt, sich über die Integration seiner Einwanderer Gedanken zu machen, meint die Tageszeitung Le Monde: "Innerhalb von zwanzig Jahren ist Italien von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland geworden. Der Staat ist das Problem jedoch nur repressiv angegangen, indem er durch ein Arsenal an Maßnahmen versucht hat, die Menschen zu entmutigen, die Reise auf die Halbinsel anzutreten. Er hat es teilweise geschafft. [...] Dennoch leben vier Millionen Ausländer und beinahe 600.000 Illegale in Italien, ohne dass ernste oder besänftigende Überlegungen zu deren Integration angestellt werden. [...] Heute haben die Bagger die Barackenlager abgebrochen, in denen die Migranten Kalabriens eine unwürdige Zuflucht gefunden hatten, [...] und mit ihnen verschwand auch die Gelegenheit, über eine multiethnische und multikulturelle Gesellschaft italienischer Prägung nachzudenken." (Artikel vom 12.01.2010)

La Stampa: “Das Versäumnis hat nationalen Charakter”; Italien

Die Unruhen von Rosarno sind in erster Linie auf das totale Versagen der Institutionen und Kontrollorgane zurückzuführen, schreibt die liberale Tageszeitung La Stampa: "Das Versäumnis hat nationalen Charakter. Die Institutionen versuchen Situationen auszuweichen, bei denen es unbestritten um Kriminalität geht. [...] Es sind Situationen, die allen wohl bekannt sind. [...] Und dennoch geschieht nichts. Die Institutionen, wohl wissend was geschieht, greifen immer erst dann ein, wenn die Unruhen ausbrechen oder die verzweifelten Bürger protestieren oder wenn Aggressionen zeigen, dass eine Grenze überschritten ist. Die einzigen beiden Rezepte, mit denen die Institutionen in der Lage gewesen sind, den Problemen der Kriminalität und der Integration vorzubeugen, waren: kleine und große nachträgliche Legalisierungen der illegalen Einwanderer sowie kleine und große Straferlasse für Kriminelle. [...] Da ist es nicht verwunderlich, wenn der normale Bürger vor der Ohnmacht des Staates resigniert." (Artikel vom 13.01.2010)

Kathimerini: „Ruf derer, die nichts zu verlieren haben“; Griechenland

Die Migranten werden durch ihren Aufstand noch mehr marginalisiert, schreibt die konservativen Tageszeitung Kathimerini mit Blick auf die Unruhen in Italien: "Ohne Führer, ohne Unterstützung und ohne eine Richtung ist eine Rebellion verloren, sind die Rebellen doppelte Verlierer. Aber der Ausbruch hat kein Ziel. Er ist der Ruf derer, die nichts zu verlieren oder zu gewinnen haben. Sie sind verbunden in einem Schrei der Verzweiflung, nicht in der Suche nach einer neuen Welt. Sie haben mit ihrer Odyssee das Land der Verheißung gesucht und wurden gedemütigt. Wenn sie die Botschaft bekommen, dass sie keine Hoffnung haben, dann erschüttert ihre Reaktion die Gesellschaft, in der sie sich befinden, und dann werden entweder Bedingungen für einen größeren Bruch geschaffen oder es kommt zu besonnen Bemühungen für die Verbesserung ihrer Perspektiven. Die jeweiligen Gesellschaften haben die Wahl, und sie werden auch an den Folgen zu tragen haben."

(Artikel vom 12.01.2010)

Fotos: ©addrien/flickr