Italien: Umweltkatastrophe in der Poebene

Artikel veröffentlicht am 12. März 2010
Artikel veröffentlicht am 12. März 2010
Die Lombardei steht vor der größten Umweltkatastrophe ihrer Geschichte. Unbekannte leiteten Tausende Tonnen Öl in einen der Nebenflüsse des Pos, den Lambro. Noch sind die Folgen für die Umwelt nicht abzusehen.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar sind Unbekannte auf das Gelände der in der Nähe von Mailand gelegenen ehemaligen Raffinerie Lombarda Petroli eingedrungen und haben drei große Öltanks geöffnet. Da offensichtlich auf dem inzwischen als Depot genutzten Gelände jegliche Sicherheitsvorschriften missachtet wurden, konnte das herausströmende Öl direkt in das öffentliche Abwassersystem fließen. Von dort strömte es ungehindert in den Lambro, der unweit des Geländes verläuft.

Das Ausmaß der Katastrophe ist glücklicherweise nicht so groß wie beim Untergang des Öltankers Prestige vor der galizischen Küste im Jahr 2002, als ungefähr 63.000 Tonnen Schweröl ins Meer flossen und weite Teile der französischen und spanischen Küste verschmutzten. Schätzungen zufolge sollen in der ehemaligen Raffinerie 2.000 bis 3.000 Tonnen Treiböl und andere Ölsorten ausgelaufen sein, was dem Fassungsvermögen von ungefähr 170 Tanklastzügen entspricht.

Verheerende Folgen für Nahrungsmittelindustrie und Umwelt in der Poebene

Mailand ©BrancaleoneDaLecce/flickrAufgrund der außerordentlichen Bedeutung des Lambros für die Landwirtschaft der Poebene, der größten Ebene Südeuropas, sollte man die Situation jedoch keinesfalls unterschätzen. Der Fluss durchquert die Poebene auf einer Länge von 80 Kilometern und mündet dann in den Po, Italiens größten Fluss. Die Bauern der Region nutzen die beiden Flüsse zur Bewässerung ihrer Anbauflächen. Im südlichen Teil der Poebene ist der Ackerbau besonders stark ausgeprägt, aber es wird auch viel Viehzucht betrieben. Hier entstanden einige der größten italienischen Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne, wie Barilla, Parmalat oder die Unternehmensgruppe Cremonini, die für McDonald’s Italien Fleisch produziert. Auch einige der weltweit bekanntesten italienischen Nahrungsmittel werden in dieser Region produziert, so Wurstsorten wie Salami, Bauchspeck, Schinken, aber auch Käse wie der Parmigiano Reggiano oder der Grana Padano. Die Sorgen, wie sich die Umweltkatastrophe auf die Region auswirken wird, die einen so wesentlichen Beitrag für einen für Italien eminent wichtigen Wirtschaftszweig leistet, sind groß.

Dank des Einsatzes des Katastrophenschutzes, der Feuerwehr und des Militärs scheint zum Glück jedoch die größte Gefahr gebannt, wie ein Verantwortlicher des Katastrophenschutzes bestätigte: „Der Großteil des ausgeströmten Öls wurde wohl herausgefiltert. Momentan kommen keine größeren Ölteppiche mehr an.“ Wie sich die Katastrophe langfristig auf das Ökosystem des Flusses auswirkt, ist jedoch noch nicht abzusehen, genauso wenig ob sich Auch Plastikabfälle verschmutzen die Gegend um Lambro ©Latente/flickrKohlenwasserstoffe am Grunde der Flüsse ablagern. Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass die Wasserqualität nicht nur von dem ausgelaufenen Öl belastet wird, sondern auch noch durch den Ausfall des Klärwerkes in Monza. Eine weitere Folge der Ölpest, denn über den Lambro erreichte der Ölteppich auch das Klärwerk und tötete dort die Mikroorganismen, die zum Abbau der organischen Stoffe im Wasser dienten. Die Folgen sind verheerend, denn die Kläranlage wird einen Monat lang außer Betrieb sein. In dieser Zeit werden die Abwässer von 700.000 Menschen ungefiltert in den Fluss fließen.

Per Umweltkatastrophe 30 Jahre zurückgeworfen

Der Lambro war stets einer der am stärksten verschmutzten Flüsse Italiens. „Seit 30 Jahren wird der Fluss stark durch industrielle Abwässer belastet“, erklärt Barbara Meggetto von der Umweltorganisation Legambiente. „Erst in den letzten Jahren konnte der Fluss sich durch die Einführung des Naturschutzgebietes Parco della valle del Lambro wieder erholen. Jetzt besteht jedoch die Gefahr, dass wir um 30 Jahre zurückgeworfen werden.“ Bevor der Lambro in den Po mündet, fließt er an Feldern und Bauernhöfen vorbei, flussaufwärts jedoch säumen Fabriken, Lagerhallen, Häuser und Autobahnen seine Ufer. Der Großraum Mailand ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas und eine der wirtschaftlich stärksten Regionen Italiens.

Illustration ©Jacopo MaraziaGemeinsam mit anderen Industrieregionen im Nordosten und Nordwesten Italiens ist die Poebene einer der wichtigsten Motoren der italienischen Wirtschaft. Die hohe Industriedichte wirkt sich natürlich auch auf die Umwelt und die Anwohner der Region aus, was sich bisher vor allem am hohen Grad der Luftverschmutzung ablesen ließ. Zusammen mit Belgien und Holland gehört die Poebene zu den Gebieten mit der höchsten Luftverschmutzung in Europa.

Nicht nur Probleme im italienischen Süden

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Umweltkatastrophe kein Zufall war. Wenn das Tankerunglück vor der spanischen Küste das Fehlen von Sicherheitsbestimmungen entlang der Atlantikküste aufgedeckt hatte, so wurde auch im Fall der norditalienischen Ölpest deutlich, dass Mechanismen zum Schutz der Umwelt nicht griffen, obwohl die nötige gesetzliche Grundlage dafür längst geschaffen war. So unterlag die ehemalige Raffinerie sehr strengen europäischen Rechtsvorschriften, der so genannten Seveso-II-Richtlinie, die nach einem kleinen Dorf in der Nähe von Mailand benannt ist, in dem es 1976 zu einem Chemieunfall kam, bei dem hochgiftiges Dioxin freigesetzt wurde, und die zur Verhütung schwerer Betriebsunfälle mit gefährlichen Stoffen und zur Begrenzung der Unfallfolgen eingeführt wurde. Die von der Richtlinie vorgesehenen Kontrollen wurden auf dem Gelände der Raffinerie jedoch nie durchgeführt.

Oft hört man in Italien, dass nur der unterentwickelte Süden des Landes unter schwerwiegenden Umweltproblemen zu leiden habe. Das ungelöste Problem der Abfallentsorgung in den Großstädten Neapel und Palermo oder die illegal hochgezogenen Betonklötze in Apulien werden in der Regel als Beispiele genannt und häufig wird dann auch gleich noch die passende Erklärung nachgeschoben, der Süden sei kulturell eben einfach rückständig. Die Umweltkatastrophe hat die Lombarden nun schmerzlich daran erinnert, dass auch der „moderne“ Norden, der sich nach Europa orientiert und mit Mailand 2015 sogar die Weltausstellung ausrichten wird, immer noch mit typischen „italienischen“ Problemen zu kämpfen hat.

Fotos: JFabra/flickr, BrancaleoneDaLecce/flickr, Latente/flickr. Video : jacopomarazia/Youtube.