Italien: Integration 2.0 auf Chinesisch

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2008

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Die Nutzung der Internetpoints durch chinesische Einwanderer in Prato ist Gegenstand einer australischen Studie vom Herbst 2007. Bilden die Kommunikationsnetzwerke ein Band zwischen den Migranten, ihren Herkunftsorten und anderen Migranten?

Sechs der sechzehn Internetpoints in Prato gehören heute Chinesen. Sie sind rund um die Uhr geöffnet und bieten neben Bänken mit über 100 Computern kaum weiteren Service, außer vielleicht Rabatt für Dauernutzer. Junge Chinesen chatten online und spielen Multiplayer-Spiele. Die Internetpoints helfen beim Spracherwerb, zementieren die Beziehung der Migranten zu Wenzhou (woher etwa 80 Prozent der Einwanderer stammen) und erleichtern den Zugang zur chinesischen Kultur in Form von Musik und Nachrichten. Die Besitzer der Internetcafés helfen den Neuankömmlingen bei der Jobsuche. Auf schwarzen Brettern werden regelmäßig Jobangebote ausgehangen. Stellen die Internetcafés von Prato eine Integrationshilfe dar?

Textilien aus Prato und E-Mails ins Land des Lächelns

Die italienische Provinz Prato ist die drittgrößte Gemeinschaft chinesischer Einwanderer in Europa nach Paris und Mailand. Ungefähr 14000 Chinesen haben sich hier niedergelassen. Die Dunkelziffer beläuft sich auf bis zu 30000. Etwa 2400 kleine chinesische Betriebe beschäftigen Zugewanderte aus dem Reich der Mitte als Textilhersteller. Das macht ein Viertel der gesamten örtlichen Textilindustrie aus, deren Zentrum Prato bereits seit dem 11. Jahrhundert bildet. Im Jahr 2000 waren14 Prozent aller Einwohner des Bezirks in diesem Bereich beschäftigt. Die Textilien aus Prato machen 27 Prozent des Gesamtumsatzes der italienischen Textilindustrie und 15 Prozent des Exportgeschäfts aus.

In den europäischen Medien ist der chinesische Migrant zum Stereotyp schlechthin avanciert. Englische Blätter schildern schlaglichtartig Schutzgelderpressungen, beschwören die ein oder andere Wirtschaftskrise herauf, prangern per Fingerzeig die sklavenähnlichen Arbeitsmethoden an. Der Spiegelberichtete 2006, dass Nicht-Chinesen in Prato aus den Internet-Communities ausgeschlossen würden. "Fenster werden schwarz verhängt und Weltzeituhren an den Wänden rufen stets in Erinnerung, dass China uns sieben Stunden voraus ist," heißt es dort.

Internetselig

Um diesem sozialen Netz genauer auf den Grund zu gehen, besuchten zwei junge chinesische Akademiker aus Wenzhou die sechs Internetpoints in Prato. Nach 80 Befragungen zeigte sich, dass die große Mehrheit der chinesischen Internetnutzer Männer sind. 64 Prozent sind zwischen 20 und 30 Jahren alt und 63 Prozent sind Arbeiter, "wahrscheinlich aus Wenzhou", kommentiert ein Point-Betreiber. Nur 8 Prozent sind Studenten, während 65 Prozent keinen Internetzugang zu Hause oder am Arbeitsplatz haben.

Besonders wichtig ist die Kontaktpflege: 81 Prozent der Besucher kommen mit Freunden und "20 Prozent der Nutzer, die allein kommen, finden schnell Freunde", fügt ein Manager hinzu. Fast die Hälfte der Besucher nutzt den Internetzugang, um Kontakte mit Freunden zu pflegen, ein Viertel kommuniziert per Internet mit der Familie in China. Obwohl häufig nur in Mandarin oder chinesischen Dialekten gechattet wird und 70 Prozent der Nutzer behaupten, kein Italienisch zu sprechen, sind ein Viertel aller aufgerufenen Webseiten italienisch.

Strategische Jobsuche auf dem europäischen Schachbrett

"Manchmal kommen auch Italiener", sagt der Leiter eines Points. "Ein chinesisches Mädchen hat zum Beispiel ihren italienischen Freund mitgebracht, um ihn über Webcam der chinesischen Familie vorzustellen. Die Zensur ist in Italien viel lockerer als in China", sagt er weiter. Über die Online-Communities ist das chinesische Exil in Europa gut vernetzt. Der Bedarf, eine Brücke zur italienischen Kultur zu schlagen, ist zunächst nicht sehr ausgeprägt. "Anfangs besteht kaum die Absicht, sich hier zu verwurzeln", berichtet ein Point-Eigentümer. "Ich kenne Menschen, die in andere italienische Städte gehen oder nach Frankreich, Deutschland oder Spanien. Für uns Chinesen kommt es nicht auf die Art der Arbeit oder Arbeitszeiten an - es muss einfach nur Arbeit sein. Anlaufstellen in diesen Ländern gibt es zur Genüge. Die chinesischen Migranten sehen Europa als ein Schachbrett, auf dem sie sich frei bewegen können. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen ziehen sie von Land zu Land."

Die chinesischen Migranten sehen Europa als ein Schachbrett, auf dem sie sich frei bewegen können

"Die Chinesen, die nach Prato kommen, haben einen niedrigen Bildungsstand", fügt ein chinesischer Manager hinzu, der bei einer kleinen Firma für Informationsvermittlung beschäftigt ist. Er empfiehlt gezielte Schulungen in Sprachen und Computertechnologie: "Die Leute denken nicht weit in die Zukunft - sie sind keine Planer." Als seine Mutter 1989 mit der ganzen Familie aus China zu Verwandten zog, war er erst 11 Jahre alt. Mutter und Schwester waren Näherinnen, er konnte jedoch einen Schulabschluss machen.

Tragen die Internetpoints der chinesischen Einwanderer in Prato schlussendlich zur Integration bei? Sie sind typische Anlaufpunkte, wirken aber, laut der Studie, eher wie Inseln im Strom.