Italien: "Gender"-Angst am Sorgentelefon

Artikel veröffentlicht am 9. August 2016
Artikel veröffentlicht am 9. August 2016

[Kommentar] Die italienische Region Lombardei kündigte kürzlich mit Beginn des neuen Schuljahres die Einrichtung einer telefonischen "Anti-Gender-Hotline" an. Der Preis für diese "lobenswerte" Initiative? 30.000 Euro, um etwas zu bekämpfen, das es - technisch gesehen - nicht einmal gibt. 

Verwunderung hatte schon lange keinen Platz mehr in den Kolumnen italienischer Kommentatoren. Doch dieses Mal müssen sie vielleicht eine Ausnahme machen: Die Region Lombardei, aktuell regiert vom ehemaligen Lega-Nord-Minister Roberto Maroni, fasste vergangenen 31. Mai einen neuen Beschluss über eine neue Serviceeinrichtung an lombardischen Schulen. Dieser als "telefono anti-gender" bezeichnete Service soll Eltern und Schülern Unterstützung in der Eindämmung der sich vermeintlich verbreitenden "Gendertheorie" an italienischen Schulen bieten. Kürzlich schloss sich auch die Vereinigung italienischer Eltern [AGE, Associazione Genitori Italiani; A.d.R.], die sich zum Ziel gesetzt hat, die Familie anhand ethischer und christlicher Prinzipien zum politischen Subjekt zu  machen, der Ausschreibung an.

Die Einführung dieser Art von Sorgentelefon gehe laut den Unterstützern und AGE auf die zwiespältige Anwendung des sogenannten 'Gesetzes der guten Schule' (legge della Buona Scuola, die Schulreform unter Matteo Renzi) zurück: In Frage gestellt werden sollen die vom Bildungsministerium vorgegeben Richtlinien, die auch den Einsatz gegen die "Diskriminierung aufgrund der Orientierung des Geschlechts" vorgeben. Laut der Region Lombardei und der AGE könnte dies eine Methode sein, um über die Hintertür die viel gefürchtete 'Gender-Theorie' an den Schulen einzuführen, die an anderer Stelle der Reform mit viel Mühe verhindert werden konnte. 

Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage

Aber wovon reden wir, wenn wir von 'Gender-Theorie' sprechen? Genau hier geht das Problem schon los: Es gibt sie nicht - schon gar nicht als definitive Theorie. Es gibt ein breites Spektrum an Definitionen, an Thesen, Prinzipien oder ein großes Ganzes an Regeln, welche die "Realität von Gender" beschreiben und erklären sollen,  sowohl in natürlichem als auch im soziologischen Sinne. Konkret gleicht diese Gender-Theorie also eher einer Ideologie, die von ihren eigenen Verleumdern geschaffen wurde: Angeblich wolle sie die natürliche Ordnung der Dinge umkehren, wobei mit 'Dinge' das klassische Familienkonzept und die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau gemeint sind. 

Ein ausgeheckter Plan der LGBT-Lobby sei das Ganze. Ein Fehler oder auch ein Schreckgespenst, das interpretativ aus Studien hervorging, die eigentlich von ganz anderen Dingen handeln. Was es in der Tat gibt, sind die songenanten Gender Studies (Geschlechter-Studien), die sich bereits seit 60 Jahren damit auseinandersetzen, wie die weibliche und die männliche Identität konstruiert sind. Kurz und knapp: Es wird untersucht, wie die kollektive Vorstellung Emotionalität, Küche und Kindererziehung seit jeher mit der Weiblichkeit in Verbindung bringt, während der Mann das Grobschlächtige darstellt, sich der Jagd widmet und die Familie ernährt.

Gender Studies haben zwei Sphären klar voneinander getrennt: sex (die physisch und biologisch nicht veränderbar ist) und gender (wie wird das Biologische aufgefasst, aber auch welche Rolle weist die Gesellschaft dem Individuum zu). Die Unterscheidung zwischen anatomischem Geschlecht und Gender eröffnete auch eine Reihe an Überlegungen über die Möglichkeit, beide könnten nicht übereinstimmen. Und es scheint offensichtlich, dass die vielen Forschungen in diesem Bereich auch zu einer neuen  Bewertung der Erziehungsmothoden führten, welche auf Sexismus, Homophobie, Vorurteilen und Geschlechterstereotypen basierten. Es handelt sich dabei aber weder um einen Kampf gegen die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau noch um einen Komplott gegen das traditionelle Familienbild. 

In den 1990er Jahren entstehen die ersten Texte, die sich auf diese dubiose 'Gender-Theorie' beziehen. Aber vor allem in den letzten drei Jahren machte die Pro Life-Bewegung und der konservative Bevölkerungsflügel in Frankreich und Italien die Gender-Theorie zum Feindbild - vorgeblich um die Familie zu schützen. Und so kam es, dass Bildungsprojekte zum Thema Vielfalt und Diversität, die Sexismus und Homophobie eigentlich bekämpfen sollten, plötzlich als als Versuche der Indoktrinierung der Jugend dargestellt wurden.

Die Wege des Herrn sind unergründlich

Beim Thema Gender ist Verwirrung also quasi vorprogrammiert: Sogar Papst Franziskus sprach etwa vor einem Jahr bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz von der 'Gender-Theorie'. Das Thema Gender wird heute politisch instrumentalisiert und führent zu Initiativen wie derm Gender-Sorgentelefon in der Lombardei. Eine ähnliche Polemik hatte es 2013 bereits in einem Kindergarten in Triest gegeben.

Doch auch die Vereinigung italienischer Psychologen AIP bestätigte, dass es die 'Gender-Theorie' als solche nicht gebe und die Bildung eine grundsätzliche Rolle im Kampf gegen jegliche Diskriminierung spiele. Eigentlich wurden nur die Empfehlungen von Unesco und Unicef in das italienische Rechtssystem eingearbeitet. Basta! 

Die Region Lombardei stellte unterdessen am selben Tag, an dem die Regierung die eingetragene Lebenspartnerschaft verabschiedete, eine Summe von 30.000 Euro für eine Anti-Gender-Hotline bereit. Das Angebot wird für eine Pilotphase zunächst für 12 Monate eingerichtet - wir erwarten mit Sorge die Früchte dieser schweren Arbeit...

Seit Jahren schon gibt es Bemühungen um einen ernsthaften Dialog zwischen beiden Seiten, einen Dialog ohne Slogans und Verschwörungstheorien. Sexismus, Homophobie und Rassismus sind nichts anderes als Synonyme für die Angst vor dem Anderen. Was sich aber hinter der Aufforderung verbirgt, die traditionelle Familie zu verteidigen, ist die stillschweigende Akzeptanz des Status quo.