Istanbuler Gay Pride. Ausnahmezustand

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2008

Es war ein fröhliches Spektakel. Trotz ernster Lage. Am Sonntag wurde vom Taksim-Platz aus eine riesige Regenbogenfahne die "Unabhängigkeitsstraße"  İstiklal Caddesi hinunter getragen. Tag der Gay Pride Parade - bunt, voll, laut und außergewöhnlich.

Drumherum erstaunte Passanten, die sich häufig ein Kichern nicht verkneifen konnten. Schwullesbischem begegnet der durchschnittliche Türke mit Fassungslosigkeit. Im äußersten Falle mit Gewalt. Denn im normalen türkischen Leben hat Schwulsein keinen Platz. Es sei denn, man kann es sich leisten, anders zu sein. Diejenigen, die es sich leisten können, sind in der Regel Sänger, Künstler, Stararchitekten, Modedesigner. Andere scheren aus dem bürgerlichen Leben aus und arbeiten als Prostituierte. Oder sie spielen das bürgerliche Leben mit, werden den Ansprüchen von Familie und Arbeitswelt gerecht – und heiraten. Pro forma. Was sie under cover am Wochenende oder freien Abenden machen, steht auf einem anderen Blatt.

Lambda Istanbul - für LGBT-Rechte 

Damit Schwule und Lesben in der Türkei nicht zwangsläufig ins gesellschaftliche Abseits geraten, wurde 1993Lambda Istanbul“ gegründet, die größte und wichtigste schwullesbische Menschenrechtsorganisation mit Sitz im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu, seit zwei Jahren mit Vereinsstatus.

Bis zum 29. Mai 2008. An jenem Tag verbot ein Istanbuler Zivilgericht die Aktivitäten des Vereins. Lambda verstoße mit seinen Aktivitäten gegen türkisches Gesetz und türkische Moral – und gegen Artikel 41 der türkischen Verfassung, in welchem der „Frieden und das Wohl der Familie“ geregelt sind. Das Statement von Lambda hierzu: „Wir interpretieren diese Vorfälle so, dass derzeit existierende lesbischschwule Organisationen in der Türkei – ob als Initiativen oder registrierte Vereine – in die Illegalität gedrängt werden sollen. Anstatt ihre Existenz zu akzeptieren und ihre Grundrechte zu sichern, haben sich staatliche Institutionen entschlossen, lesbischschwule Menschen zu verurteilen, in dem ihnen ihre Versammlungsfreiheit genommen wird. “

Gegen das Urteil legt Lambda Istanbul Berufung ein. Unterstützung kommt unter anderem vom deutschen Jugendnetzwerk Lambda Berlin-Brandenburg e. V.

Fotos: alle © Dorte Huneke