Istanbul On Line

Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2008
Jana MENDE Wenn man zum ersten Mal nach Istanbul kommt, ist die Stadt ein großes Gewimmel, Straßengewirr, Menschenmassen, Stimmenwirrwarr. Je länger man in ihr lebt, desto klarer bilden sich einzelne Wege heraus, die Plätze und Cafés, die man täglich besucht. Die Stadt wird kleiner.
Und doch fühlt man, dass abseits des täglichen Lebens, das man in Beyoglu, in Besiktas oder Nisantasi führt, eine Metropole lebt und wächst. Um die Größe und Ausdehnung Istanbuls am eigenen Leib zu erfahren, oder vielmehr zu ergehen, starteten wir, einige Architekturstudenten, Künstler und andere Istanbulinteressierte, das Projekt, Istanbul auf einer geraden Linie von West nach Ost zu durchqueren. Wir waren eine multinationale Gruppe von 8 Leuten, geführt von dem Linienverantwortlichen Markus Jeschaunig, der die Idee zu diesem urbanen Abenteuer hatte.

Nach etlichen Vorbereitungen: GPS-Gerät leihen, Fischerboot mieten, herausfinden, wie man militärische Sperrzonen durchqueren kann (gar nicht!), brachen wir an einem Morgen im Februar 2007 gegen 8h früh von unserem Startpunkt nahe des Atatürk-Flughafens auf. Die Linie misst 26 km und führt über den 41. Längengrad mit der Hagia Sophia als Mittelpunkt bis zum Vorort Ümraniye im asiatischen Teil der Stadt .

Wir brauchten drei Tage, um die Linie zu ergehen und legten dabei fast 40 km Fußmarsch zurück, denn man kann natürlich nicht einfach auf einer geraden Linie durch Istanbul spazieren: Häuser, Gärten, die Efesbrauerei, der Bosporus – all diese Hindernisse mussten umgangen werden. Auf unserem Weg machten wir die Linie sichtbar, indem wir Samen streuten, die hoffentlich erblüht sind. Wir tauschten Gegenstände mit den Menschen, die uns on Line begegneten: so erhielten wir für einen Kompass einen Ring, dafür eine Kette, dann noch eine Kette usw. usf. am Schluss jedenfalls besaßen wir ein kleines Taschenmesser. Mit diesen kleinen Projekten gelang es, Menschen näher kennen zu lernen, die Linie bekam eine Persönlichkeit, die sich aus den Geschichten und Figuren zusammen setzt, die wir dort getroffen haben. In einem Workshop danach entstand eine Karte, die die verschiedenen Erfahrungen und Erkenntnisse der Linie zusammenfassen soll. Mit Fotos, Texten und der on-Line-Karte wollen wir unsere Erfahrungen teilen und auch für andere erlebbar machen.

Istanbul ist eine sehr komplexe Stadt und Linewalking bietet eine gute Struktur, ihr nahe zu kommen, aber dabei nicht den Überblick zu verlieren.

Jana Mende war von September 2006 bis Juli 2007 in Istanbul. Für weitere Informationen und die Istanbul-online- Karte: http://8ung.at/jesh/