Istanbul: 3 Europäerinnen in der Blauen Moschee

Artikel veröffentlicht am 19. November 2010
Artikel veröffentlicht am 19. November 2010
Wächter passen auf, dass alle Besucher ihre Schuhe ausziehen und in einer Tragetasche verstauen, bevor sie auch nur einen Zeh auf die mit Teppich ausgelegten Stufen der Blauen Moschee setzen. Wir, eine deutsche, eine britische und eine polnische Touristin,haben uns mit Kopftüchern ausgerüstet, was für die meisten Touristen nicht der Fall ist. Ein Erfahrungsbericht.

Wie traditionell die größte Moschee Istanbuls wohl sein wird? Wir sind zum ersten Mal in der Blauen Moschee, die wir als weitläufig, hell und entspannend empfinden. Die blau-bunten Kacheln wirken ganz anders als der imposante, barocke Marmor in großen europäischen Kirchen. Die Kerzenleuchter hängen tief an der Basis der großen Kuppel, was vermutlich das Lesen des Korans einfacher macht. Ein türkischer Kollege erklärt später, dass dadurch eine angenehme, warme Atmosphäre geschaffen werden soll - was wir nur bestätigen können.

Was den Besucher in der Blauen Moschee erwartet

Auch manche der türkischen Besucher sind nicht zum Gebet hier, sondern einfach um hier gewesen zu sein. Die Gebetsbalustrade ist ein beliebtes Fotomotiv. Einige türkische Touristen fotografieren sich mit ihren Handys. Wunderschön gekleidete, junge Türkinnen posieren ausgiebig für die Kamera, mit Schuhbeutel in der Hand. Ein paar Kleinkinder in goldenen und weißen Anzügen sind aus einem anderen Grund hier - sie nehmen an einer Zeremonie teil.

Auch bekannt als Blaue Moschee

Während der Gebetszeit werden die Touristen aufgefordert die Moschee zu verlassen. Dies wird in allen Moscheen unterschiedlich gehandhabt. Als wir während der Gebetszeit durch die Glastür einer kleinen (nicht-touristischen) Moschee im Viertel Sultanhamet spähen, werden wir verscheucht. In der Neuen Moschee in Eminönü, in der Nähe der Galata-Brücke hingegen können die Touristen, durch eine Balustrade abgetrennt, den Männern beim Beten zusehen. Die Gläubigen dort scheinen an den Lärm der Touristen, Wachleute und Nachzügler gewohnt zu sein. Als wir ein Schild - „womens‘ prayer only“ ('nur für Frauengebete') - sehen, knien wir uns hin und sehen uns zunächst um. Ein Sichtschutz aus Holz trennt uns von der Außenwelt. Durch die kleinen Löcher sehen wir einen Wächter, der ein letztes Mal die Gebetszeit ankündigt: „Prayer time, only for prayers (Gebetszeit - nur für Gebete).“ Sieht die Welt durch das Sichtgitter einer Burka so aus? Ohne Touristen fühlen wir uns wie an einem anderen Ort. Stille, nur das Geräusche eines Staubsaugers, die Schritte des Wächters, und gelegentlich das Klingeln eines Handys. Niemand nimmt von uns Notiz. Dennoch fühlen wir uns wie Eindringlinge. Um uns besser einzufügen, nehmen wir Bücher und religiöse Zeitschriften von einem Holzaufsteller, und blättern darin herum, während die anderen Frauen eintreffen.

Nach einer Weile spricht uns eine Frau an. Wir lächeln und nicken. Sie spricht weiter und wendet sich dann wieder ihrem Buch zu. Kurze Zeit später spricht uns eine ältere Frau an. Als wir nicht antworten, versucht sie es auf Englisch. Sie fragt uns wo wir herkommen, welcher Religion wir angehören, und lächelt als wir antworten. „Immer mit der Ruhe“, sagt sie, „ihr könnt bleiben, wir glauben doch alle an den selben Gott“. Sie besorgt Gebetsketten, und bietet an mit uns zu beten.

„Beim Beten wiederholt man kurze Formeln, meistens beten wir aber wie wir wollen, schließlich sind wir alle verschieden. Sagt einfach was Euch wichtig ist.“ Mit den Händen auf der Brust und gesenktem Kopf, beginnen wir mit dem Gebet - einer Abfolge von Bewegungen. Anfangs steht man, dann kniet man nieder, beugt sich vor und berührt den Boden mit der Stirn, dann steht man wieder auf. Eine junge Frau, die sich sichtlich amüsiert, kommt irgendwann zu uns herüber und korrigiert unsere Handhaltung. Zunehmend entspannt lauschen wir der Stimme des Imams. Sie klingt hier ganz anders als der Gesang, das man auf der Straße hört. Hier gehört die Stimme einem Mann, der uns sanft aus der Ferne ruft. Nach dem Gebet kommen mehrere Frauen auf uns zu und beantworten eifrig unsere Fragen. „Mashallah“ (Gott behöte Dich) ruft eine junge Frau und schenkt uns ihre Gebetskette. Wir sind erstaunt, und fühlen uns privilegiert, dass wir in diesem Ausmaß teilhaben durften.

Kein Zutritt für Frauen?

Auf der asiatischen Seite IstanbulsFrauen scheinen im Großteil der Moschee nicht beten zu dürfen. Darauf angesprochen, merkt ein sachlicher Wachmann an, dass zentral unter der Kuppel keine Frauen beten würden. Dort beenden gerade ein paar Männer ihr Gebet. Ein Türke erklärt uns später, dass Frauen normalerweise zu Hause beten. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben: „Die beste Moschee für eine Frau sind die Innenräume der eigenen vier Wände“. Das islamische Gesetz schreibt vor, dass Männer und Frauen getrennt voneinander beten. In einigen Moscheen haben Frauen überhaupt keinen Zutritt. Das könnte sich allerdings ändern. Die international anerkannte Innenarchitektin Zeynep Fadıllıoğlu hat 2010 ein radikal neues Raumkonzept in Istanbuls jüngster Moschee, der Şakirin Moschee in Üsküdar, enthüllt. Anstelle enger Räumlichkeiten für Frauen, hat Fadıllıoğlu eine gleichwertige Terasse für die weiblichen Besucherinnen geschaffen.

Eine Handvoll Männer sitzt herum, sie unterhalten sich und lachen. Dadurch scheint die Moschee viel lebendiger als eine traditionelle katholische oder protestantische Kirche. Wir verlassen die Moschee und erfahren im Gespräch mit ein paar Reiseführern, dass die Moschee 24 Stunden am Tag geöffnet ist. „Eine Moschee ist das Haus Gottes“. Obdachlose dürfen in der Moschee schlafen - einer der Gründe, warum es hier Teppiche gibt. Menschen in Notsituationen finden hier eine Zuflucht, angeblich dürfen sie hier von der Polizei nicht aufgegriffen werden. Traditionsverbunden aber vorausschauend, modern und gleichzeitig konservativ, die vielen verschiedenen Facetten der Blauen Moschee haben uns immer wieder aufs Neue in Erstaunen versetzt.

Fotos: (cc)joellybaby/flickr; Blaue Moschee (cc) Mr. dale/ brunmarde.com; Şakirin Moschee (cc)laurenjoyner/ flickr