Ist Gay ok in Kroatien? Zagreb-Stolz und Balkan-Vorurteil

Artikel veröffentlicht am 11. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 11. Mai 2011
Das Balkan-Klischee einer traditionellen, patriarchalischen Macho-Gesellschaft hält sich wacker – besonders nach den Krawallen im Rahmen der ersten Schwulenparade in Serbien 2010. Kroatien jedoch, ein Land, das sich selbst nicht mal zum Balkan zählt, hat 2003 ein Gesetz über gleichgeschlechtliche Partnerschaften verabschiedet.

Die kroatische Hauptstadt Zagreb ähnelt eher dem ungarischen Budapest als dem serbischen Belgrad. In puncto Schwulenevents ist Zagreb in der Region einzigartig (Slowenien ausgenommen): Seit 2002 wird hier jeden Juni das Gay-Festival Zagreb Pride veranstaltet. Und das ist bei weitem nicht die einzige Schwulen-und-Lesben-Veranstaltung in dieser hübschen, europäisch daherkommenden Stadt. Es scheint fast so, als herrsche zwischen den homosexuellen Kroaten und der überwältigenden Mehrheit heterosexueller, katholischer Kroaten (etwa 90 %) traute Eintracht – oder? 

Beziehungsstatus: kompliziert

InwiLaut Direktor Zvonimir Dobrovic bereits "ein Mainstream-Event" in Zagrebeweit schwule oder lesbische Kroaten ihre sexuelle Orientierung öffentlich zeigen, hängt stark von ihrer Herkunft, dem beruflichen Umfeld und ihrem Alter ab. 1977 wurde Homosexualität entkriminalisiert und heute sind viele Homosexuelle, vor allem die der älteren Generation, verheiratet und haben Kinder. „In kleinen Städten – selbst in Split, der zweitgrößten kroatischen Stadt – kann man sich kaum selbstverwirklichen“, sagt Edo Bulić. Er ist der Präsident von Iskorak, der ältesten NGO für LGBT-Rechte (Lesbian, Gay, Bisexual and Transsexual), das die Veranstaltung Zagreb Pride zusammen mit der lesbischen Gruppe Kontra organisiert. Bulićs Büro befindet sich in einem wunderschönen, alten Gebäude mit Innenhof, direkt über einer beliebten Bar in Zagreb.

Im Nebenzimmer schreien die Mädels von Kontra ins Telefon. „In kleinen Städten geht es traditioneller und patriarchalischer zu. Die Leute dort haben große Angst davor, sich zu outen. Im Allgemeinen zeigt sich die Mehrheit Homosexueller in Kroatien nicht öffentlich. Sie befürchten, Familie und Freunde zu verlieren oder aus dem Haus geschmissen oder gefeuert zu werden. In Zagreb hingegen kann man ein normales Leben führen.“ Doch auch in dieser Großstadt ist das Leben für die geouteten Homosexuellen nicht perfekt. Öffentliche Anzeichen von Zuneigung zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren werden zwar grundsätzlich akzeptiert, sind aber nicht immer empfehlenswert. „Man muss auf seinen gesunden Menschenverstand vertrauen, um zu entscheiden, wann und in welchen Vierteln man seine Zuneigung zeigen kann“, sagt Milena Zajovic, 28 Jahre alt. Sie arbeitet für eine Zeitschrift und beschreibt ihre Kollegen als teilweise konservativ: „Frage nicht, erzähle nicht. Sie wissen alle, dass ich lesbisch bin. Aber sobald ich meine Freundin erwähne, schweigen sie einfach.“

Kroatiens Gesetze für LGBT-Rechte ähneln denen der meisten europäischen Länder. Gleichgeschlechtliche sexuelle Aktivität und nicht registriertes Zusammenleben wurden 2004 durch ein Gesetz erlaubt, wohingegen homosexuelle Hochzeiten illegal bleiben. Gleichgeschlechtliche Paare genießen nur die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare, wenn sie seit mindestens drei Jahren zusammen sind. Die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und Ausdruck der Geschlechtlichkeit wurde (zusammen mit anderen Diskriminierungsarten) Anfang 2009 gesetzlich verboten. Von den vielen Fällen, die seitdem vor Gericht gelandet sind, wurden die meisten von Organisationen wie Iskorak initiiert. In den letzten neun Jahren hat sich eine beeindruckende Liste von Aktionen, Fällen und Initiativen angesammelt. „Auf diese Weise stellen wir sicher, dass das Rechtssystem funktioniert“, erklärt Edo. „Die Gesetze entsprechen nicht der Realität. Sie wurden nur unter Druck der EU angenommen.“ Erst vor kurzem fällte das Amtsgericht Zagreb das landesweit erste Urteil hinsichtlich Hassverbrechen gegen Homosexuelle. Im Januar 2011 wurden zwei junge Männer zu 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit und sechs Monaten Bewährungshaft verurteilt, nachdem sie zwei Monate zuvor vor einem Nachtclub in Zagreb zwei Männer angegriffen hatten. Ein weiterer Vorreiter-Fall ergab sich im Dezember 2010, als ein Universitätsassistent in der nordkroatischen Stadt Varaždin eine Beschwerde gegen seine Institution wegen Belästigung aufgrund seiner sexuellen Orientierung einreichte.

Die Guten, die Schlechten, die Katholiken

Laut Edo Bulic (links) ist Split im Sommer herrlich. Der kroatische Präsident Ivo Josipovic (Mitte) zeigt seine Unterstützung und bedauert, dass er jedoch nicht daran teilnehmen kann.Offiziellen Berichten zufolge waren bei der ersten Gay-Parade in Zagreb am 29. Juni 2002 auch Abgeordnete dabei. „Sie sind jetzt politisch korrekt“, sagt Zvonimir Dobrović, der Veranstalter des Festivals Queer Zagreb. Sein Büro ist mit Büchern und Broschüren vollgestopft, darunter eine Ausgabe homosexueller Märchen. „Es liegt an uns, das zu nutzen, aber man merkt, dass sie das nicht wirklich kümmert. Es fehlt der politische Wille für einen echten Wechsel.“

Oft scheint die Regierung unter dem Druck der Kirche zu stehen. Eine kürzlicher Vorfall veranschaulicht den komplizierten Zusammenhang zwischen LGBT-Gruppen, Gesellschaft, Regierung und Kirche sehr gut. Im März 2011 verklagten Kontra und Iskorak eine Religionslehrerin an einer Grundschule in Zagreb. Jelena Mudrovčić hatte Homosexualität vor ihren Schulklassen als Krankheit bezeichnet. Der Schuldirektor verteidigte seine Frau (!), sie habe lediglich das Schulbuch zitiert – nur dass dieses staatlich anerkannte Schulbuch aussagte, Homosexualität sei eine Sünde. Um die Lehrerin zu unterstützen, demonstrierte eine religiöse Gruppe während der Vernehmung vor dem Gerichtsgebäude; sie behauptete, Opfer des Anti-Diskriminierungs-Gesetzes zu sein und beschuldigte die Gesellschaft der ‚Christianophobie‘. „Sie waren sehr radikal und aggressiv und sangen Lieder über Satan“, sagt Edo. Die Lehrerin wurde verurteilt, während sich Kontra und Iskorak mit einem offiziellen Brief zusätzlich über den Schulbuchtext beschwerten. Die Antwort der Regierung lautete, das Buch erfülle alle Kriterien und müsse somit nicht geändert werden.“

„Wenn du nicht heiratest, stimmt etwas nicht mit dir“

Religion ist jedoch nicht das größte Problem der homosexuellen Gemeinschaft. „Viele Leute sind einzig und allein katholisch, weil sie hier geboren wurden. Das ist scheinheilig“, sagt Edo. „Meine Mutter hatte Angst vor dem, was die Anderen sagen würden“, merkt Tajana Josimovićv an, eine Mitarbeiterin bei Queer Zagreb. „Es ist Unwissen. Viele von ihnen kennen keinen einzigen Homosexuellen.“ Edo glaubt, dass das Problem bei den Leuten selbst liegt: „Homophobie ist letztendlich auch eine Phobie.“ Er macht darauf aufmerksam, dass in Kroatien auf allen Gesellschaftsmitgliedern ein starker Druck lastet, zu heiraten. „Wenn du nicht heiratest, dann stimmt etwas nicht mit dir.“ Das eigentliche Problem ist der öffentliche Ausdruck der Sexualität, nicht die Sexualität selbst. „Die Leute brauchen etwas Anschauliches – sie müssen sehen, dass sich zwei Männer oder Frauen küssen“, sagt Zvonimir. „Wir müssen den Punkt erreichen, dass die Leute es nicht einmal bemerken. Aber es erfordert viel Zeit und Energie, diese kleinen homophobischen Ansichten zu bekämpfen. Es muss einen Generationswechsel geben. Es ist ein langer Lernprozess.“

Übersetzer Songtext von „Mein Freund ist schwul” der lesbischen Gruppe Le Zbor

Er war schon als Kind stylish, sammelte Madonna und Kylie, trug nur pinke Converse-Sneaker. Alle unsere Mütter liebten ihn. Ich wusste, der Typ ist genau richtig für mich. Er ist süß und versteht Frauen. Oh, was für ein sexy Paar wir sein werden, wie Brad Pitt und Angelina Jolie. Schwul, mein Freund ist schwul. Spitze macht ihn schläfrig, Seide verursacht ihm Kopfschmerzen, aber er macht beim Tanzen so sexy Moves. Vielleicht liegt es daran, dass ich fett bin. Er liebt mich und schickt mir immer Handküsse. Er küsst mich, aber nicht dort. Er ist eine Pistole ohne Kugeln. Unter allen Jungs habe ich eine Tunte zum Freund. Schwul, mein Freund ist schwul. Alles, was sie sagen, schwul ist OK.

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts Orient Express Reporter 2010-2011.

Fotos: Homepage (cc) Zagreb pride (cc) Ktoine/ Flickr; Zagreb Pride/ Flickr; Split Pride officials © Jadran Babić / Cropix; von index.hr