Ist Brexit eigentlich noch Brexit?

Artikel veröffentlicht am 13. September 2016
Artikel veröffentlicht am 13. September 2016

Nach zahlreichen Treffen mit ihren verschiedenen Wirtschaftspartnern, scheint die neue englische Premierministerin zunehmend besorgter über die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit. Muss jetzt alles neu geordnet werden? Vielleicht, aber 43% der jungen Briten haben keinen Bock zu warten und packen bereits ihre Koffer.

Theresa May ist auf Dienstreise. Am 4. und 5. September war sie in Hangzhou, China, um ihre internationalen Partner im Rahmen des G20-Gipfel zu treffen. Es ist die erste größere diplomatische Partition, an der die nicht gewählte britische Premierministerin seit ihrer Ernennung am 13. Juli teilnimmt. Aber auch wenn sich die ehemalige Innenministerin eine hübsche Demonstration chinesischer Macht ansehen durfte, musste sie awährend der Treffen mit den wichtigesten Staats- und Regierungschefs der Welt auch kritische Noten zur Kenntnis nehmen.

Die Leute ändern sich nicht

Innerhalb von 48 Stunden hat Theresa May May Xi JinpingBarack ObamaWladimir PutinShinzo Abe (Japans Premierminister) und Narendra Modi (Indiens Premierminister) getroffen. Immer wieder ging es dabei um das eine Thema: den Brexit oder vielmehr die wirtschaftliche Unsicherheit, die über den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen schwebt. Die verschiedenen Weltpolitiker haben ihre Besorgnis ziemlich direkt angesprochen. Japan zum Beispiel hat bereits angekündigt, dass es seine Banken und Autoproduktionen im Fall eines Brexit aus Großbritannien abziehen würde. Diese Warnung stimmt in den Reigen ein, den Barack Obama, Jinping und Konsorten bereits angestimmt hatten und der May auf ihrem diplomatischen Ball mächtig aus dem Takt brachte.

Theresa May gab anschließend, am 5. September, eine Konferenz von China aus, in der sie in puncto eines Schlüsselversprechens ihrer aktuellen Kampagne direkt zurückruderte. In Großbritannien wird es vorerst kein nach australischem Vorbild funktionierendes Einwanderungsschema. Die australische Immigrationspolitik filtert Einwanderung nach Kriterien wie Arbeitserfahrung, Qualifizierungen und Sprachkompetenzen. Für diese selektive Einwanderungspolitik hatte sich insbesondere einer der Brexit-Köpfe, Boris Johnson, in der Leave-Kampagne vor dem Referendum vom 23. Juni eingesetzt.

Ebenso wurde eine Aufstockung der Kassen des National Health Service [NHS - das öffentliche Gesundheitswesen Großbritanniens; AdR] versprochen. Und auch hier hat die neue Premierministerin deutlich ausgebremst. Und da man ja vor quasi der ganzen Welt nun die Wahrheit sagen musste, gab Theresa May ebenfalls zu, dass die Wirtschaftslage ihres Landes vor „schwierigen Zeiten“ stünde.

Auch wenn Theresa May ebenfalls zur Sprache brachte, dass sie das Votum von 3,5 Millionen Briten natürlich nicht ignorieren würde, muss man sich schon fragen, ob „Brexit eigentlich noch Brexit“ ist. Zahlreich sind die Stimmen auf der Insel, die meinen, Theresa May würde bereits auf dem absteigenden Ast sein. Es ist ein Gefühl der Vernachlässigung, das sich nun zur Perplexität des britischen Volkes gesellt. Niemand weiß mehr so richtig, ob das Land nun tatsächlich aus der EU austritt oder nicht. Dafür spricht auch die Petition, die mittlerweile über 4 Millionen Personen unterschrieben haben und die zur Wiederholung des Referendums aufruft. Hinzu kommt eine aktuelle Studie der BBC, in der behauptet wird, dass 43% der jungen Briten zwischen 18-34 Jahren bereit wären, ihrem Land den Rücken zu kehren und ins Ausland zu gehen.

Großbritannien ist fremdenfeindlich geworden

Colin beispielsweise hat seine Koffer für die Niederlande bereits gepackt. Mit 33 Jahren will der junge Unternehmer aus Manchester seine Heimat eigentlich schon seit längerem verlassen. Und auch wenn der Brexit nur einer der Gründe für die geplante Abreise ist, war er doch ausschlaggebend für die definitive Entscheidung. „Die Kampagne rund um das Referendum war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Unser Land ist fremdenfeindlich geworden. Das Referendum hat mich in meinem Vorhaben nur bestätigt“, erklärt Colin.

Auch Gomitre hat alles dafür getan, um nach dem Volksentscheid nach Frankreich gehen zu können. Der 25-jährige Student, der ursprünglich aus Mauritius kommt, hat 12 Jahre in Großbritannien verbracht. Genug, „um hier Rassismus, Mobbing und wenige offene Menschen“ vorzufinden. Mit dem Brexit haben diese Elemente stark zugenommen. Es geht einfach nicht mehr“, sagt er. Gomitre hat aber auch noch einen weiteren Grund, warum er Großbritannien den Rücken kehren will - die horrenden Studiengebühren. Wo ein Studeinjahr in Frankreich oder Deutschland quasi gratis ist, muss man für einen Master im vereinigten Königreich schonmal 9000 Euro hinblättern. „Ich will auch ein bisschen in Europa reisen. Frankreich, Deutschland… mal schauen. Aber eins ist sicher, bis Ende des Jahres bin ich weg.“

Colin und Gomitre gehen ohne großes Bedauern. Denn trotz der großen Unsicherheit rund um den Brexit, sind sich beide sicher: Theresa May wird auf keinen Fall eine Kehrtwende machen. Für Colin wäre es genial, „wenn wir in der EU bleiben könnten. Aber leider stehen die Zeichen dafür mit der aktuellen Regierung und dem fremdenfeindlichen Wind, der durch das Land fegt, ziemlich schlecht.“

„Es stimmt, dass 48% der Leute, die für Remain gestimmt haben, sauer sind. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Proteste und Meetings irgendetwas bewirken“, unterstreicht Gomitre. Für diejenigen, die weg wollen, scheint das Vereinigte Königreich so traurig, wie ein Diplomatenball ohne Begleitung. „Man kann zwar glauben, dass der Brexit nach all den Negativwirkungen auf unsere Wirtschaft, unsere Investitutionen und Arbeitsplätze eine schlimmer Fehler war. Aber in Großbritannien braucht man nicht darauf zu warten, dass sich die Menschen ändern. Die Briten werden weiter auf ihren Positionen beharren, auch wenn sie wissen, dass sie damit das Land und die Zukunftsperspektiven der jungen Generation zerstören“, sagt Colin.