Island: Banditen des Atlantiks

Artikel veröffentlicht am 7. April 2016
Artikel veröffentlicht am 7. April 2016

„Man muss erst lernen, wieder zu lachen“ - die preisgekrönte isländische Autorin Guðrún Eva Mínervudóttir zu den Reaktionen auf die kürzlich enthüllten Panama Papers. In Reykjavik kam es diese Woche zu spontanen Protesten, nachdem das globale Datenleck die Geschäfte von Politikern und öffentlichen Personen aufdeckte. Der isländische Ministerpräsident Gunnlaugsson trat am Dienstag zurück.

Als Sigmundur Davíð Gunnlaugsson als Vorsitzender der Fortschrittspartei bekannt wurde, betrachteten viele Menschen, mich eingeschlossen, ihn mit ungläubigem Lachen. „Man kann nicht die ganze Zeit nationalistischen Schwachsinn und anderen offensichtlichen Scheiß reden und dafür gewählt werden“, dachten wir. „Jeder kann das durchschauen. Die Leute wissen Demokratie zu schätzen. Wir wollen jemanden, der sich wenigstens gut verstellen kann.“

Der Vorsitzende der Unabhängigkeitspartei Sjálfstæðisflokkur, Bjarni Benediktsson, wurde schon eher als Bedrohung gesehen. Obwohl er ungeschickt, wenig charismatisch und in obskure Geschäfte verwickelt war, sah er wenigstens gut aus, war  nicht so offensichtlich verwirrt wie Sigmundur und er gehörte zu einer Familie, die viele für die natürlichen Herrscher der Insel hielten.

Uns verging das Lachen, als sie gemeinsam Stimmen gewannen. Es wurde deutlich, dass die Leute Sigmundur seine sonderbaren Versprechen abkauften, er würde ihnen Geld geben (Ha!), indem er die Hypotheken ein kleines Bisschen senkt. Wen interessierten schon die, die keinen Landbesitz hatten und auf einem unmöglichen Wohnungsmarkt für sich selbst kämpfen mussten? Ich hätte nie erwartet zu sehen, wie solch' inkompetente Idioten sich den Weg zur Macht erlügen und erzwingen, um sie dann so unverhohlen gegen das Volk und für die Superreichen zu benutzen.

Wie konnte das passieren? Zuerst bekam Island von der Finanzkrise einen Tiefschlag verpasst und die Menschen waren verwirrt, wütend und vor allem ängstlich. Vielleicht haben wir, wenn wir Angst haben, einen natürlichen Wunsch nach einem „starken Leader“ (oder Soziopath), der uns mit allen Mitteln beschützt? Vielleicht ist das nur menschlich und man kann nur dagegen ankämpfen, indem man keine Angst mehr hat? (Alles ist gut und alles wird gut sein...).

Nach den Wahlen 2013 war alles möglich. Die zwei Regierungsparteien verschwendeten keine Zeit, wenn es darum ging, Geld aus der Sozialhilfe, der Bildung, den Künsten und allen Dingen, die die Leute für ihre Steuern erwarten, herauszuziehen. Das Geld wanderte in die tiefen Taschen der Reichen. Das war jedem klar, außer denen, die nicht akzeptieren konnten, dass die letzte Wahl ein Fehler war. Als Nation wurden wir von Banditen als Geiseln gehalten. Was die Leute nicht wussten, war, wie tief die Taschen wirklich waren. Bis in die Karibik reichten sie. (Ironischerweise hoffen wir jetzt darauf, dass die Piraten uns retten.)

Als die Panama Papers aufgedeckt wurden, mussten viele Leute, die bisher an dem Konzept einer führenden Vaterfigur festhielten - einer, die ihnen „Geld gab“ und gegen die „gierigen“ Ausländer kämpfte - (Gott sei Dank!) endlich die Augen öffnen und verstehen. Die Wahrheit ist nun für alle klar ersichtlich: Hunderte Milliarden Isländische Kronen wurden aus dem Sozialstaat und anderen lebenswichtigen Institutionen gezogen. Das ist ein riesiger Aderlass; viele Krankenhäuser und Schulen und oft das Einkommen eines ganzen Lebens als durchschnittlicher Arbeiter.

Bisher haben die Panama Papers gezeigt, dass mindestens 600 Isländer Geld in Steueroasen gehortet haben (ungefähr 0,2 % der gesamten Bevölkerung, im Vergleich: in Kanada sind es mit 450 Menschen 0,00014 %). Hier sind nicht ein paar Blutegel am Körper eines großen Tieres, hier wird eine Katze mit mehreren Macheten geschlachtet. Man muss erst lernen wieder über die Absurdität von allem zu lachen. Die Regierung ist mehr als korrupt, diese Leute sind schlicht verrückt. Wenn es je so etwas wie Landesverrat gab, dann hier.

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Guðrún Eva Mínervudóttir hat 5 Romane geschrieben und 2012 den Isländischen Literaturpreis für Alles beginnt mit einem Kuss (Allt með kossi vekur) gewonnen.