Islam: Nicht dafür und nicht dagegen…

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2005
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Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2005

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Fast zwei Jahre nach den Attentaten vom 11. März in Madrid schlingert Spanien immer noch zwischen Ablehnung und Anerkennung des einheimischen Islams. Wie empfinden die Moslems in Spanien ihre Situation?

Erster Tag des Ramadan 2005, im Jahre 1426 des moslemischen Kalenders: Die Madrider Vorstadt-Moschee „M-30“ - benannt nach der gleichnamigen Autobahn - ist zum Platzen voll. Andacht und Gebete – die Moslems feiern den Empfang der ersten Koran-Verse durch Mohammed. Fasten und sexuelle Enthaltsamkeit bis zum Einbruch der Dunkelheit sind jetzt angesagt. Die Islamische Kommission Spaniens (CIE) hat mit der Regierung eine Art Konkordat abgeschlossen, nach dem es spanischen Moslems ermöglicht werden soll, Glauben und Arbeit in Spanien zu vereinbaren. Die Interessensvertretung spanischer Moslems schiitischer und sunnitischer Glaubensrichtung bemüht sich auch um die Integration der Moslems in die spanische Gesellschaft. Dennoch ist das Misstrauen groß in einem Land, das traditionell vom Katholizismus geprägt ist.

Die „Mauren“ machen Probleme…

Lavapiès ist ein zentral gelegenes Madrider Altstadtviertel. 33000 Einwohner, 88 registrierte Nationalitäten und darunter ein relativ großer Anteil von Marokkanern, die sich ausgeschlossen und diskriminiert fühlen. Nicht nur, weil sie Ausländer sind, sondern weil sie eben auch Moslems sind. Mohammed, 32 Jahre, bringt die Diskriminierung und Vorurteile, die er erdulden muss, ungeschönt zur Sprache: „Man sieht in uns problematische ‚moros’ (Mauren, d.R.), weil die Attentäter vom 11. März auch in diesem Viertel gelebt haben. Jeder wird seit den Attentaten verdächtigt, weil wir eben so wie die Täter sind…“, erklärt er. Vor ihrer Verhaftung wohnten und arbeiteten die Drahtzieher der Anschläge auf den Madrider Bahnhof Atocha, Jamal Zougam, Mohamed Chaoui und Mohamed Bakkali in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Von einem Balkon prangt in arabisch und spanisch die Parole „Papeles para todos“ –Papiere für alle. Zwei Jahre nach der Tragödie wirkt das Leben hier friedlich. Aber im Alltag fühlen sich viele beobachtet, ausgeschlossen. Jeder, oder fast jeder hat hier Erfahrungen mit der Polizei. Wie Munir, den wir in der Caravaca-Straße treffen, nur ein paar Schritte von der ehemaligen Boutique von Jamal Zougam entfernt: „Nach den Attentaten wurde es hier ungemütlich. Immer wurde kontrolliert, einfach so, überall, auf offener Straße. Und die Polizisten haben gesagt, sie machten doch bloß ihre Arbeit. Von wegen! Jetzt ist es ein bisschen ruhiger geworden. Aber die Ecuadorianer kontrolliert keiner.“ Und immer wieder kommt der Satz, dass der Islam sich nicht in den Taten der Al-Kaida summiere und dass Moslems Bürger wie alle andere seien. Für den marokkanischen Einwanderer Elharif „hat der Islam überhaupt nichts mit all dem Ganzen zu tun. Die, die die Bomben warfen, haben keine Ahnung vom Islam. Und wir, Moslems aus Marokko, Algerien, Senegal, und, und, und… wir sind Menschen wie alle anderen!“

Eine Toleranz nicht Fisch, nicht Fleisch

Für Ahmed Sefiani, einen marokkanischstämmigen Moderator des andalusischen Fernsehsendes Canal Sur, ist Lavapiès „ein besonderes Pflaster, die ganze spanische Migrantengesellschaft im Kleinen, durch Rassismus verschlimmert.“ Dennoch ist es schwierig, dieses Kreuzberg von Madrider als repräsentativ für ganz Spanien zu nehmen. Ahmed nennt die Dinge beim Namen: Seine Religion und seine Herkunft sind keine Behinderung. Seine Religion habe sich immer gut mit der jüdischen Gemeinschaft und den Christen vertragen, und überhaupt „ist die größte Religionsgemeinschaft in Spanien die der Atheisten!“ Eine Behauptung, die die offizielle Statistik so nicht gelten lassen will: Nach jüngsten Erhebungen des spanischen Soziologischen Forschungszentrums bezeichnen sich 79,4 Prozent der Spanier als Katholiken, davon 47,7 Prozent praktizierend.

Auf den 11. März hat Ahmed mit Fassungslosigkeit reagiert, denn so lebt er den Islam nicht. „Die Reaktion der spanischen Gesellschaft war beispielhaft, vor allem die des Vorsitzenden der Opfergemeinschaft“, sagt er, „ich fühle mich weder zurückgewiesen noch ausgeschlossen.“ Wahr ist, dass die Aufrufe zur Toleranz nach der Tragödie in Madrid zugenommen haben. Und so manchem Passagier oder Sicherheitsbeamten sieht er seine Besorgnis an der Nase an, sobald er, Ahmed, das Flugzeug betritt. „Aber den Basken geht es genauso“, fügt er lächelnd hinzu. Hilft ihm sein Erfolg, so manche Desillusionierung zu umschiffen? Vielleicht. „Die Armen haben eben überall die schlechteren Karten…“, gibt er zu.

Im Großen und Ganzen ist die Situation der Moslems in Spanien vergleichbar mit der der Moslems in Frankreich oder in den Niederlanden. Die Kopftuchaffäre, die ganz Frankreich in polemische Diskussionen stürzte, hat auch in Spanien hohe Wellen geschlagen. Im Jahr 2002 hat ein Madrider Privatgymnasium einer 13jährigen Marokkanerin das Kopftuch verboten, indem es in eine öffentliche Schule abgeschoben wurde. Spaniens Bildungsminister Pilar del Castillo trat dann mit der Meinung an die Öffentlichkeit, dass religiöse Zeichen, auch wenn sie nicht „angemessen“ seien, „nicht verboten“ werden dürften. Eine Kompromissposition in Spanien, einem Land das zweifelt und sich seit dem 11. März 2004 verraten fühlt.