Islam: Kopenhagen kontert mit Kommunikation

Artikel veröffentlicht am 4. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 4. Mai 2016

Mehr als 10 Jahre nach den umstrittenen Mohammed-Karikaturen, ein Jahr nach den Angriffen auf den Zeichner Lars Vilks und die Synagoge in Kopenhagen, hat sich die Beziehung der dänischen Gesellschaft zur 300.000-köpfigen muslimischen Gemeinschaft verändert. Zwischen Jugendorganisationen und Kulturarbeit treffen wir auf Islamophobie, Integration und den Kampf gegen die Radikalisierung.

„Als die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden, haben wir eine Veränderung in der Wahrnehmung der muslimischen Gemeinde bemerkt, in der Sprache der Medien und der Politiker. Mit dem Terrorismus ist das Klima weniger tolerant geworden und in gewisser Hinsicht feindselig. Einige glauben sogar, dass unsere Integration sich 10 bis 20 Jahre zurückbewegt hat.“ Das sagt Waseem Rana, einer der Verantwortlichen von Munida. Die Jugendorganisation fördert die Integration der Muslime in das Alltagsleben der dänischen Gesellschaft.

Wir sind in Nørrebro, einem nördlichen Stadtteil von Kopenhagen. Ein altes Arbeiterviertel, wo die industrielle Architektur Seite an Seite neben Multikulturalismus und Gentrifizierung steht: Hier sind orientalische Geschäfte, moderne Clubs, Skateparks, Street Art und kleine Designerläden dicht beeinander. Es ist kein Zufall, dass die muslimischen Gebetshäuser und Kulturzentren hier angesiedelt sind.

In der Waqf-Moschee

Alle warten schon auf das Abendgebet. Waseem empfängt uns zusammen mit anderen Jugendlichen am Eingang der Waqf-Moschee der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Gebetet wird in zwei weitläufigen Hallen, wo sich um die hundert Gläubige jeden Alters aufhalten. „Munida wurde Anfang der 2000er gegründet, nach der Vorstellung von Ahmad Abu Laban“, erzählt Waseem (38), der in Kopenhagen als Kind pakistanischer Eltern geboren und aufgewachsen ist. Laban starb 2007, er war die zentrale Figur in der Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen, die 2005 von der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten veröffentlicht wurden. Er nahm nicht nur an einer Delegation in den Nahen Osten teil, sondern unterzeichnete auch zusammen mit Ahad Akkari ein „Dossier zur Unterstützung des Propheten Mohammed“, um das Klima der Islamophobie in der dänischen Gesellschaft anzuprangern. Das führte zur Eskalation der Proteste und Gewalt im gesamten Gebiet.

„Laban wollte eine Jugendabteilung, und so haben sich 4-5 junge Menschen um ihn versammelt. Heute sind wir um die 500, 60% davon Frauen. Unsere Mitglieder haben circa 40 verschiedene Nationalitäten und unsere Aktivitäten umfassen alle Aspekte des sozialen Lebens dänischer Jugendlicher.“ Sozialveranstaltungen und Freizeitaktivitäten, aber auch Bildung. „Wir versuchen, den jungen Muslimen zu helfen, ihre Identität in der dänischen Gesellschaft zu entwickeln. Wenn sie sich ihres Glaubens und ihrer Identität sicher sind, werden sie bessere Bürger“, fügt Waseem hinzu.

Das Gebet beginnt und wir werden herzlich und hilfsbereit empfangen, nur ein paar Augen verfolgen uns misstrauisch. „Leider leben wir seit drei Wochen in einem Klima des Misstrauens, wegen einer Aktion des öffentlichen Fernsehens mit versteckter Kamera.“ Es geht um ein Interview des Senders TV2 mit dem Imam der Moschee Grimhøj in Aarhus. Darin verficht der Geistliche das Recht, untreue Frauen zu steinigen und Menschen zu töten, die sich vom Glauben abwenden. „Sie haben ein radikales Beispiel ausgewählt, damit riskieren sie, den schweren Weg der Integration zu ruinieren“, kommentiert Waseem. „Nach Paris und Brüssel wurden meine Mutter und Schwester in einem Supermarkt von einem Mann aufgehalten, der ihnen vorgeworfen hat, mitschuldig an den Attentaten zu sein. Er war zwar betrunken, aber es ist trotzdem ein Zeichen.“

Radikalen begegnen, bevor sie zu Hasspredigern werden

Wir steuern in Richtung Bibliothek, wohin jedes Jahr tausende Besucher aus den Schulen und Universitäten kommen, um den Islam kennenzulernen. Nils (24), ein Physikstudent, der mit 17 Jahren konvertiert ist, ist unser Guide. „Ich bin für die neuen Muslime zuständig, wir treffen uns jeden Montag und sprechen über die Grundlagen des Islam“, erzählt er. Er ist in einer christlichen Familie aufgewachsen, 2009 ist er konvertiert. „Meine Eltern haben mir erzählt, dass es einen Gott gibt und ich habe ihnen geglaubt. Dann kam ich in ein Alter, in dem man gewisse Fragen stellt. In der Schule habe ich junge Muslime getroffen, so habe ich den Koran und den Propheten kennengelernt und nach drei Monaten bin ich konvertiert.“ Eine Entscheidung, die auch in der Familie nicht ohne Ironie akzeptiert wird: „Meine Mutter fragt mich im Scherz, wann ich mich in die Luft sprenge.“

Laut einer Studie des International Center For Counter Journalism sind 125 Foreign Fighters seit 2011 aus Dänemark ausgereist, von denen 62 zurückgekommen sind. Unter den Nichtrückkehrern war auch Omar El-Hussein, der 22-jährige Attentäter des 15. Februar, der in Dänemark als Teil einer jordanisch-palästinensischen Familie lebte.

„Ohne die Konflikte im Nahen Osten hätten die Hassprediger weniger Zugang zur Jugend. Viele gehen nach Syrien und sind überzeugt, dass sie dort die Ungerechtigkeit bekämpfen“, sagt Waseem. „Aber sich gegen Ungerechtigkeit zu stellen, heißt nicht, in Syrien zu kämpfen. Das ruiniert sie, ihr Anliegen und das Bild des Islams. Sie müssen die negativen Impulse in positive Energie verwandeln, sich öffnen, schreiben, sich Luft machen. Wenn wir nicht mit ihnen sprechen, könnten extremistische Prediger diese Rolle übernehmen und sie kontrollieren.“

„Unsere Generation versucht, den Islam in der dänischen Gesellschaft zu definieren“

Dieses Thema beschäftigte von Anfang an auch Minhaj-ul-Quran Dänemark, eine NGO, die 1981 in Pakistan von Muhammad Tahir-ul-Qadri gegründet wurde. Die NGO fördert Toleranz und interreligiösen Dialog. Hier empfängt uns Hassan Bostan, seit 25 Jahren praktizierender Anwalt.

„90% der Mitglieder sind pakistanischer Herkunft, sie sind in den 1970ern und 80ern hierhergekommen“, erklärt Hassan. „Wir Jungen, die hier geboren und aufgewachsen sind, versuchen, den Islam im dänischen Kontext zu definieren, als eine universelle Religion, die in jedem Land und zu jedem historischen Zeitpunkt praktizierbar ist. Wir wollen auch seine Rolle definieren und verstehen, wie Muslime sich integrieren können. Als unsere Eltern neu angekommen sind, war es für sie schwierig. Wir wollen einen Schritt nach vorn machen.“

Wir besichtigen den Rest des Gebäudes. In den oberen Stockwerken finden wir Gebetsräume, davor Waschräume und einige Zimmer, in denen Kinder unterrichtet werden. Auf den Treppen treffen wir viele Schüler, alle auf dem Weg zum großen Gebetsraum, wo der Imam ihnen beibringt, den Koran zu rezitieren.

„Wir lehren die klassischen muslimischen Wissenschaften, Meditation und Sufismus, um das Herz von Hass und negativen Impulsen zu befreien.“ Aber das ist nicht alles. „Wir arbeiten mit jüdischen und christlichen Organisationen zusammen und haben als führende Gruppe an einem Programm der Stadt Kopenhagen teilgenommen, um die Radikalisierung zu verstehen und der Politik Hinweise zu geben“, fährt Hassan fort. Früher war er Mitglied des Danish Ethnic Youth Council. Eine Rolle, die er auch auf europäischem Niveau ausführt, mit der Teilnahme am RAN (Radicalisation Awareness Network, einem gemeinschaftlichen Programm gegen Radikalisierung) und in Seminaren, wo die „Fatwa zum Terrorismus“ und das „Islamische Curriculum für Frieden und gegen Terrorismus“ studiert werden.

Die 'Frauenmoschee'

Zuletzt die Frauen-Frage: „Die Integration von Frauen ist ein großes pakistanisches Problem, das über die Religion hinausgeht“, sagt Hassan. „Wir haben eine Women League und alle Aktivitäten, vom Sport bis zu Freizeitveranstaltungen, stellen Männer und Frauen auf eine Ebene miteinander.“ Ein Thema, das zu einem innovativen kulturellen Integrationsexperiment führt: der Moschee der Frauen. Sie heißt Mariam und ist ein Haus für alle Muslime, aber die Freitagsgebete sind nur für Frauen reserviert und werden von fem-imam angeführt, weiblichen Imamen.

Die erste ist die Gründerin Sherin Khankan (41). Ihr Vater ist Syrer, ihre Mutter Finnin, sie selbst ist Kolumnistin und Kommentatorin und in Dänemark für ihre Veröffentlichungen über den Islam und ihr links-radikales Engagement bekannt. „Die Debatte fing vor 2001 an, als wir das Forum für Kritische Muslime gegründet haben. Wir wollten die patriarchische Struktur des Islam in Frage stellen. Der Koran verbietet keine weiblichen Imame.“ Und die Moschee, an der noch gebaut wird, befindet sich momentan in einem Appartement im Herzen von Kopenhagen, wenige Meter von den Geschäften entfernt, in denen massenweise Touristen auf Souvenirsuche sind.

Hier wurden am 9. Februar die ersten islamischen Hochzeiten und Scheidungen durchgeführt, eine erste Etappe auf einem ehrgeizigen Weg, der vor allem auf die Bildung der Jugend setzt: „Wir lassen uns von den Traditionen inspirieren, aber kontextualisieren alles für das 21. Jahrhundert“, erklärt Khankan. „Die neuen Generationen kennen ihre Wurzeln nicht. Wir wollen die islamische Philosophie und Denker wie Ibn Arabi, die weibliche Imame zulassen, vorstellen.“ Und die Botschaft hat schon die ersten Jugendlichen überzeugt. „Sie haben an einem Treffen in der Universität teilgenommen und haben sich in unserem Projekt wiedergefunden. Wir können ein Bezugspunkt für neue Generationen sein.“

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe EUtoo zu Europas Enttäuschten, gefördert von der Europäischen Kommission.