Irlands Expat-Emigranten: Wanderjahre mit Silberlöffel

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2011
Als sich das Land in einem Wirtschaftsboom aalte, verließen Tausende die grüne Insel. Das Wort „Diaspora“ klang dabei nur noch wie eine Kapitelüberschrift aus Die Asche meiner Mutter [des US-amerikanischen Autors mit irischen Wurzeln Frank McCourt; 1996]. Jetzt, da das Land pleite gegangen ist, haben sich die „Expats“ der guten Zeiten über Nacht in „Immigranten“ verwandelt.
Im Jahr 2010 gesellten sich ihnen noch 65.000 weitere Menschen hinzu, die vor dem wirtschaftlichen Kollaps aus Irland flohen.

Die irischen Emigranten des 21. Jahrhunderts sind aus einem anderen Fass gezapft, als ihre Tanten und Onkel, die in den 1980ern loszogen, um in London oder Boston auf dem Bau zu arbeiten. Zunächst einmal sind sie wesentlich besser ausgebildet: Als Reaktion auf die große Auswanderungswelle in den Achtzigern hatte die irische Regierung die Studiengebühren abschafft. So sollte globaler Wohlstand genährt werden, der dann eines Tages auch Irland zugute käme. Was auch funktionierte: Erfolgsstorys irischer Provenienz gaben dem „Celtic Tiger“ Stoff, bis er die Krallen auf internationalem Parkett wetzte.

Doch während die Auswandererströme versiegten, bestand die Gebührenfreiheit an den Universitäten fort. Der gesellschaftliche Druck, diese zu nutzen, wuchs und heutzutage platzen die irischen Universitäten aus allen Nähten. Darüber hinaus hegt diese Generation ganz andere Erwartungen. „Die Leute, die vor 20 bis 25 Jahren ausgewandert sind, haben einfach irgendeine Arbeit gesucht,“ kommentierte Mark O’Brien, der in Toronto einen Gaelic-Football-Verein leitet, gegenüber The Irish Times. „Die heutigen Emigranten sind aber eher wählerisch und rümpfen die Nase über Jobs, für die sie sich zu fein fühlen. Die sind mit einem Silberlöffel im Mund aufgewachsen.“

Mal andere Suppe löffeln

Mary Frances Cusack, illustriert von Henry Doyle, gescannt als 001.jpg, entnommen dem "Projekt Gutenberg" (1868)Doch selbst irischen Mittzwanzigern mit Plastiklöffeln mag man die überzogene Vorstellung von ihrer Finanzkraft verzeihen. Waren sie doch fünfzehn Jahre lang Zeugen davon, wie der Reichtum um sie herum jedes Jahr exponentiell wuchs. Diese Konjunktur war auf brutale Art sichtbar: Die Hausgrößen vervierfachten sich, ganze Dörfer wurden umgestaltet. Irlands junge Generation ist nicht nur die „beste und klügste“, die das Land je gesehen hat, sondern auch die spießigste. An die Stelle der Bauarbeiter von einst, die hofften, genug für ein Bier zu verdienen, ist eine Armee von Physiotherapeuten und Ernährungsberatern getreten, die völlig auf den Lebensstil der Desperate Housewives gepolt ist. Zu dieser sozialen Anomalie passt also weder der Hauch von Sorglosigkeit, der die Expatriates umweht, noch die Geschmeidigkeit von Immigranten.

Die Vorgehensweise der neuen irischen Migranten entspricht so ziemlich der ihrer „Expat“-Vorgänger aus den Jahren des Aufschwungs. Die meisten landen mit Arbeitsvisa in Australien, Kanada oder den USA und hoffen auf eine Arbeit, die ihnen das Bleiben ermöglicht. Der einzige spürbare Unterschied ist, dass jetzt mehr von ihnen kommen, deren Suche eben auch dringlicher ist. „Expat heißt einfach nur, dass man aus Arbeitsgründen im Ausland lebt,“ sagt John Heffernan, der Irland verließ, um Internationales Recht an der Universität Amsterdam zu studieren. „Ich hatte schon immer geplant, den Master im Ausland zu machen und bin nicht wegen der Finanzkrise weggegangen.“

Damit ist er nicht allein: Eine Armee aus Spitzenkräften, die einst den Neid der Nachbarn hervorrief, ist dabei, das Land zu verlassen. Andrew Byrne studierte am angesehenen Trinity College in Dublin, war Präsident des Studentenrats und machte seinen Abschluss mit Bestnote. Später arbeitete er für die ökologisch orientierte Green Party und die Pro-Europa-Bewegung, doch inzwischen lebt und arbeitet er in Deutschland. „Technisch gesehen bin ich hier zwar ein Immigrant. Ich weiß aber, dass ich mit Sicherheit eines Tages nach Irland zurückkehren werde“, sagte Byrne. „Ich denke, dass es vielen jungen Iren genauso geht und dank der Billigreisen und Skype kann man in der Zwischenzeit viel leichter den Kontakt zur Heimat halten.“

Klar, die „Mechanik“ der Emigation hat sich seit den 1980ern stark verändert: Zu Weihnachten um den halben Globus fliegen, ist nicht mehr so ein Kraftakt wie einst. Skype-Videofone, die an Raumschiff Enterprise erinnern, belegen, dass die Ära von Telefonkarten und Telefonzellen lang vorbei ist. Tatsächlich halten manche diese aufgefrischte Emigrationskultur für etwas irgendwie Neuartiges, ja geradezu Modisches. Kurz nach Neujahr brachte The Irish Times einen Artikel mit dem Titel: „Emigration: Die nächste Generation“. Als schicker Blickfang posierte stolz eine lächelnde Blondine im New Yorker Greenwich Village. Die Titelzeile lautete, frei nach Sinatra: „If I Can Make it Here“.

„Am besten wäre es, wenn jeder emigrieren würde,“ behauptet Steven Lydon, der einst zum Studium nach Cambridge zog. „Wer lernt, sich in einem fremden sozialen Umfeld einzurichten, erwirbt eine bewundernswerte Fertigkeit und man beginnt zu begreifen, dass die Heimat nicht der Nabel der Welt ist.“ Ideal oder nicht, angesichts einer wackeligen Regierung, steigenden Steuern und einer Zukunft im Rachen der IWF-Kredithaie, gehen der irischen Jugend wohl schon bald die Alternativen aus. Die ehrwürdige Tradition der Emigration aus Irland feiert also fröhlich Konjunktur, doch diesmal exportiert das Land Arbeitskräfte ganz anderer Art. Und welche Art Suppe der große Koch Zukunft in den kommenden Jahren anrichtet, wagt niemand zu sagen.

Illustrationen: Desperate Housewives + Expat (cc)FergalOP/ missy & the universe/ flickr; An Illustrated History of Ireland (cc)Projekt Gutenberg