Irland: Die doch nicht so grüne Insel

Artikel veröffentlicht am 26. August 2013
Artikel veröffentlicht am 26. August 2013

Irland ist eigentlich kaum für aktives Engagement in Umwelt- und Naturschutz bekannt. In Wirklichkeit hinkt das Land in diesem Bereich sogar hinterher. Seit mehreren Jahren bemüht sich die grüne Insel aber nun bereits, um ihrem Namen gerechter zu werden!

Die Juni-Sonne scheint schwach, die Straßen sind noch immer feucht vom letzten Regen und die Radfahrer treten kräftig in die Pedale. Ausgerüstet mit Helmen und fluoreszierenden Jacken radeln die Bürger von Dublin auf den durchnässten Wegen, während Jugendliche im Liffey, dem Fluss der irischen Hauptstadt, in Neoprenanzügen baden. Auf den ersten Blick könnte sich die Szenerie auch in jeder anderen europäischen Stadt abspielen, alles wirkt sauber und einladend.  

In Wirklichkeit hat Dublin aber in den letzten 10 Jahren einen großen Wandel durchgemacht. In den 1990er Jahren brüllte der keltische Tiger durch die Motoren von tausenden Autos, deren Kauf der Wirtschaftsboom und billige Kredite ermöglichten. Die Stadt war von Staus geplagt; die Abfälle der boomenden Konsumgesellschaft ließen die Müllberge unkontrolliert wachsen. Dann kam die Rezession. Und mit ihr neue Sorgen. 

Als die Französin Anne Bedos 2003 in Dublin ankam, stellte sie schnell fest, dass es unmöglich ist, sich in der Stadt zu einem günstigen Preis ein Fahrrad zu besorgen. Gleichzeitig war die Stadt voll von vernachlässigten und verlassenen Drahteseln, die durch schöne, neue, kreditfinanzierte Autos ersetzt worden waren. Mit ihrer Organisation Rothar.ie (das gälische Wort für „Fahrrad“) macht sich Anne also auf, diese alten Fahrräder einzusammeln und wieder zum Verkauf anzubieten, natürlich mit Genehmigung der Gemeinde. 

Ein Jahrzehnt später organisiert Irland seine zweite National Bike Week, ein guter Zeitpunkt, um einen Blick auf den zurückgelegten Weg zu werfen. Die Stadtverwaltung hat Farbe für Fahrradspuren spendiert, um die Sicherheit zu erhöhen. Zudem wurden Lastwagen im Zentrum verboten – allerdings nicht die beeindruckenden Doppeldeckerbusse. 2009 wurden die öffentlichen Leihfahrräder Dublin Bikes eingeführt und sind inzwischen zum erfolgreichsten derartigen Projekt in Europa aufgestiegen. Das Resultat? Nach nur 10 Jahren radeln mehr als 68 % der Iren! 

SCHWINGT EUCH AUF DEN SATTEL !

Die große Rückkehr des Fahrrads ist ein gutes Symbol für das Leben im heutigen Irland. Radelnd kann man einiges an Geld sparen – die Iren gehören zu den am stärksten verschuldeten Europäern und Sprit sowie öffentliche Verkehrsmittel sind teuer. Andererseits werden so die Treibhausgasse reduziert, ein kleiner Anschub für die Klimaziele des Landes, hinter denen es noch weit zurückliegt. 

Als die irischen Grünen 2009 in einer Koalitionsregierung mit an der Macht waren, haben sie eine Initiative gestartet, die stark dazu beigetragen hat, die Menschen auf die Räder zu bringen: das Bike to work-Programm, ein Modell, um mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen. Der Deal ist, ein Fahrrad zum Pendeln zu benutzen und dafür vom Arbeitgeber bis zu 500 Euro rückerstattet zu bekommen. Ein Verkäufer im Geschäft Penny Farthing Cycles auf der Camden Street versichert uns lächelnd, dass 2 von 3 Rädern dank dieses Modells gekauft werden und dass man den Enthusiasmus für Radfahren seit eben diesen 4 Jahren so richtig spürt. 

„All diese Maßnahmen haben dazu beigetragen, die Benutzung des Fahrrads zu normalisieren“, bestätigt Anne Bedos. „Aber es gibt immer noch viel zu tun. Viele Dinge passieren nur auf lokalem Level oder dank einiger engagierter Personen, so wie auch Dublin Bike, das ein Projekt des früheren Bürgermeisters, Andrew Montague war. Was in Irland wirklich fehlt, ist eine umfassende Vision zum Schutz der Umwelt.“ 

Der einfluss von außen

Desmond O'Toole ist schon seit 30 Jahren in der irischen Politik tätig. Als Mitglied des Zentralkomitees der irischen Labour Party und als echter Kenner der politischen Landschaft seines Landes muss er eingestehen, dass das Thema Umwelt in der Politik keine besonders große Rolle spielt. „Alle Maßnahmen und Verordnungen der letzten Jahre in diesem Bereich gehen bloß auf die Umsetzung von europäischen Richtlinien und Vorgaben zurück. Das gilt aber auch für andere Bereiche, wie zum Beispiel die Sozialpolitik“, relativiert er dann. 

Anne und Desmond bestätigen beide, dass die irische Gesellschaft im Kampf um den Schutz der Umwelt und der Natur noch eher zaghaft engagiert ist. Die wichtigsten Anstöße kommen meistens von außen. Beispielsweise von jenen Europäern, die in Irland leben und beinahe 10 % der Bevölkerung ausmachen. Sie bringen bestimmte Praktiken und Unternehmergeist aus ihrer Heimat mit und prägen so den Umgang mit der Umwelt. 

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte des Belgiers Olivier van der Elst, der 2007 den Gedanken hatte, dass Elektrofahrräder auf der grünen Insel sicherlich großes Potenzial hätten. Zusammen mit seiner irischen Frau hat er die Firma Green Aer gegründet und war damit Vorreiter in diesem ganz neuen Sektor. Wir treffen die beiden an einem regnerischen Samstag in einem Zelt auf der Halbinsel Howth, wo sie auf die Rennfahrer eines Radrennens warten, um ihre Elektrofahrräder aus deutscher und niederländischer Fertigung zu bewerben. 

 

„Der Ballungsraum Dublin ist nicht allzu ausgedehnt, die durchschnittlich zurückgelegte Entfernung beträgt zwischen 12 und 15 Kilometer. Das ist die ideale Strecke für ein Elektrofahrrad, denn damit kann man etwas Sport machen, schwitzt aber dank dem Elektromotor trotzdem nicht. Es ist ein wirklich angenehmes Transportmittel“, erklärt er. Den häufigen irischen Regen solle man nicht als Hemmschuh betrachten. „Die Niederlande haben mehr Regentage als Irland, also der Regen ist für die Leute hier wie dort kein Problem. Der Wind schon eher. Deshalb braucht es eben einen kleinen elektrischen Schubser!“ 

EINE PRAGMATISCHE NATION

Gordon, der gerade 18 Kilometer aus dem Stadtzentrum geradelt ist, konnte schon für diese Form der Fortbewegung gewonnen werden. Der irische Rentner stellt seinen Stand regelmäßig vor den Dubliner Bürohochhäusern auf und macht dort Werbung für seine Elektrofahrzeuge. Noch vor wenigen Jahren hat auch er noch zu jener Mehrheit der Iren gehört, die Umwelt und Ökologie eher als Thema für Extremisten ansehen. 

„Irland ist eher eine Nation der Pragmatiker denn der Idealisten“, erklärt Desmond O’Toole. „Die Schönheit und der Reichtum unserer Natur sind uns zwar sehr wichtig, aber die Iren denken oft als erstes vor allem darüber nach, welchen Vorteil sie aus einer gewissen Sache ziehen können. Sprich wenn man Geld damit machen kann, bremst das ökologische Gewissen uns selten bis nie.“

Anders gesagt, von der Politik werden sicherlich keine wesentlichen Impulse kommen. Aber dank der sich wandelnden Mentalität verbreiten sich Praktiken zum Umweltschutz auch so immer mehr im Volk. Auch die Rezession hat ihren Anteil an den verstärkten Bemühungen in diese Richtung. Die Zivilgesellschaft ist sehr offen für Initiativen aus dem Ausland und nimmt die Sache nach und nach selbst in die Hand. Die grünen Sprösslinge sind auf jeden Fall schon da - jetzt muss man sie nur noch wachsen lassen. 

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.