Irland: Aus Versehen ausgewandert

Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2012
Während tausende junger Iren vor der Wirtschaftskrise in ihrem Land fliehen, gibt es auch die anderen: Sie stecken im Ausland fest und schaffen es nicht zurück. Unser Autor berichtet, wie er nach Brüssel und Peking zog und bis heute auf die Chance zur Rückkehr wartet.

Als Lehman Brothers pleiteging, landeten wir gerade in Brüssel. Zwei Wochen später unterzeichnete Irland einen Blankoscheck und bürgte für die Schulden der irischen Banken. So bedeutend diese Meldung vielleicht war, so nebensächlich war sie doch für unsere Pläne. Wir dachten, okay, schlechte Neuigkeiten für Banker, harte Zeiten für Politiker. Doch wir waren weder wohlhabend noch wichtig - und fanden das auch ganz gut so. „Zwei Kaffee, einen Scone und einen Brownie, bitte.” Wir teilten uns eine britische Zeitung in einem belgischen Café. Schnurrbärtige, nicht mehr ganz junge Kellner arbeiteten hier. Die Zeitungen schrieben über ein “ökonomisches Erdbeben” und wir beobachteten die Entwicklung, als säßen wir im Theater. Auf die Idee, dass wir in diesem Drama noch mitspielen würden, wären wir im Traum nicht gekommen.

Irlands Expat-Emigranten: Wanderjahre mit Silberlöffel

Wir waren Expats, freiwillig im Exil. Wir verließen Dublin, als es boomte, im Jahr 2007. Ein bisschen Auslandserfahrung sammeln und zurückkommen, wenn es uns reicht, das war der Plan. Dass die Tür nach Irland sich bis dahin hinter uns schließen würde, ahnten wir nicht. In den vergangenen 30 Monaten ist aus unserem freiwilligen Aufenthalt auf Abruf ein finanziell bedingtes Exil geworden. Wann wir es beenden können, ist völlig offen – vielleicht nie. Wir sind emigriert, quasi aus Versehen, und jetzt sind wir den Märkten ausgeliefert.

Aber mit unserer Situation sind wir nicht allein. Ein Freund, er ist Forschungschemiker, ging nach seiner Promotion zum Arbeiten in die Niederlande und die USA. In den irischen Arbeitsmarkt hat er seitdem keinen Einblick mehr – die „knowledge economy“ in seinem Heimatland sagt ihm nichts. An irischen Universitäten gibt es keine Jobs. Ein anderer Bekannter ist im Windenergie-Sektor beschäftigt. Auch er arbeitet im Ausland, 8000 Kilometer entfernt von Irland, der vermeintlichen „Innovations-Insel“.

2007 waren wir Mitte zwanzig und hatten alles unter Kontrolle – zumindest fühlten wir uns so. Jetzt sind wir Anfang dreißig und die Kontrolle haben längst fremde Mächte übernommen: Aktienmärkte, Brüsseler Bürokraten, Frankfurter Investoren. Schlecht geht es uns zum Glück trotzdem nicht. Im Gegenteil, wahrscheinlich sollten wir sogar dankbar sein dafür, dass wir Irland verlassen haben, bevor die Massenflucht einsetzte – und erleichtert, unterwegs nicht in die Schuldenfalle getappt zu sein. Andererseits: Wenn man sich zu sehr auf seine Vorteile konzentriert, vernachlässigt man bloß die Nachteile.

Wir hatten die Hoffnung, dass ein paar Jahre im Ausland uns so lange über Wasser halten könnten, bis die Immobilienpreise in Dublin sich entspannen und wir wieder zurückkehren würden. Teilweise hat sich diese Hoffnung erfüllt, aber leider nicht so punktuell, wie wir uns das vorgestellt haben. Die Preise gingen nicht einfach auf ein normales Niveau zurück; sie rissen alles und jeden mit sich in die Tiefe. Ein bescheidenes Häuschen mag heute wieder erschwinglich sein, aber wenn die eigenen Karriereaussichten sich gleichzeitig im Sturzflug befinden, ist am Ende eben nichts wirklich erschwinglich.

Nicht den Überblick verlieren...

Vom Expat zum Einwanderer

Psychologisch verändert hat sich unsere Situation, als wir begannen, uns nicht mehr als Expats zu fühlen, sondern als Einwanderer. Gleichzeitig mussten wir einsehen, wie naiv wir waren, als wir glaubten, jederzeit für uns selbst sorgen zu können.

‚Wo wollen wir wohnen? Sollen wir eine Familie gründen? Und was gibt es zum Mittag? ‘ – Solche Fragen interessierten uns lange Zeit mehr, als die Frage, woher das Geld für den nächsten Monat kommen würde. Unsere Arbeitsplätze waren das letzte, über das wir uns Gedanken machten. Wozu auch, wir kannten schließlich nur Vollbeschäftigung.

Im Sommer 2007 kündigten wir unsere Jobs in Irland (die – nebenbei bemerkt – vollkommen in Ordnung waren), um ein Jahr auf Reisen zu gehen. Um so etwas zu machen, auch noch im Namen von Abenteuer und „Erfahrung“, muss man schon reichlich dekadent sein, das ist wohl offensichtlich.

Wir machten uns jedenfalls auf den Weg nach China. Nicht, dass wir einen Grund gehabt hätten, dorthin zu gehen. Aber genauso wenig sprach eben dagegen, also passte es uns. Das Land war uns fremd und seine Pfade noch nicht so ausgetreten wie die der Rucksack-Touristen in Thailand. Wir wollten etwas Neues und China kam uns gerade recht. Wir gefielen uns sozusagen vor dem exotischen Hintergrund.

Wir nahmen Teilzeitjobs an einer Universität außerhalb von Peking an und verdienten 100 Euro die Woche. Nebenbei schrieb ich ein Buch über den schnellen Wandel des Landes. Ein Rezensent bemerkte dazu, die Nachfolge der traditionsreichen Erzählungen hart arbeitender irischer Auswanderer werde anscheinend jetzt angetreten von skurrilen Berichten einer Generation, die nur um des Reisens willen unterwegs sei. Ich dachte mir: Recht hat er, die Zeiten haben sich eben geändert. Ich hatte wohl immer noch nicht begriffen, dass sich unsere neue Freiheit als komplett illusorisch erweisen würde.

Noch als wir in Brüssel ankamen, ohne Jobs aber mit typisch keltischer Zuversicht, waren wir uns sicher, der globalen Rezession trotzen zu können. Wir würden Arbeit finden, uns ein Leben aufbauen und nach Irland zurückkehren, wenn wir so weit waren.

Ein belgisches Baby

Stattdessen bahnte sich die Realität unerbittlich einen Weg in unser Leben. Die erste Ebbe überstanden wir zwar, aber auf die Flut warten wir bis heute. In der Zwischenzeit wurden wir 30. Die kurzfristigen Turbulenzen, von denen in der Zeitung die Rede war, als wir in dem belgischen Café saßen, sind seitdem zu einem konstanten Hintergrundrauschen geworden.

Je unwahrscheinlicher es wurde, dass wir nach Irland zurückkehren würden, desto mehr wünschten wir es uns. Die Lage wurde immer komplizierter und wir hatten bald das Gefühl, vor der Wahl zu stehen, uns entweder in Brüssel ein Leben aufzubauen oder irgendwann mit 40 aufzuwachen und zu erkennen, dass wir auf eine Fügung des Schicksals warteten, die vielleicht nie eintreten würde. Also bekamen wir ein Baby, gewissermaßen, um uns abzulenken. Tatsächlich wurde alles noch komplizierter – wenn auch größtenteils im positiven Sinne. Neben der Freude kamen die Ängste: Würde unsere Tochter sich irisch oder belgisch fühlen? Viele Belgier fühlen sich nicht besonders belgisch, also sahen wir keinen Grund, ihr diese Identität aufzuzwingen. Zurück nach Dublin konnten wir aber auch nicht – alleine der Gedanke daran erschien uns schon riskant.

Also bleiben wir hier. Unsere Freunde in den USA, in Deutschland oder England befinden sich in einem ähnlichen Dilemma. Die Situation in Irland wird sich zwar früher oder später wieder verbessern – aber ich kann nur hoffen, dass es soweit sein wird, bevor wir hier vollends verwurzelt sind und die Rückkehr gar nicht mehr schaffen.

Fotos: Homepage (cc)[noone]/ lowfi.camaiani.it/; Dächer (cc)citx/squarevision.livejournal.com/flickr