Interview mit Luis Filipe Rocha und Filipe Duarte

Artikel veröffentlicht am 20. November 2007
Artikel veröffentlicht am 20. November 2007
LUIS FILIPE ROCHA: “DAS EUROPÄISCHE KINO IST DEM TODE GEWEIHT” Der portugiesische Regisseur macht seit den siebziger Jahren Filme. Heute, mit fast sechzig Jahren, zeigt er beim europäischen Filmfestival in Sevilla seinen letzten Film. Dabei wird er von den Zuschauern sowie von Paulo Branco, dem renommierten europäischen Autorenkinoproduzenten herzlichst empfangen.
Luis Filipe Rocha und Filipe Duarte, der Hauptdarsteller des Films, kamen völlig gerührt aus dem Raum so wie auch alle anderen Personen, die wir dort trafen. Ich wartete zunächst einige Minuten ab, bis das Publikum die Beteiligten gefeiert hatte und ging erst dann näher ran. Die Augen von Rocha sprechen von seinem Leben, er ist um die sechzig, seine Augen schauen freundlich, aufrichtig und sind fast flüssig. Die Augen Filipes sind dunkelbraun und strahlen so stark, dass sie fast Angst machen. Wir vereinbarten einen Termin im Hotel, wo sie die Festivalorganisation untergebracht hatte, zwischen dem gigantischen Prado de San Sebastián, wo sich das Theater Lope de Vega befindet und der märchenhafte Park Maria Luisa, ein Bereich zum Entspannen und Durchatmen für diejenigen, die Sauerstoff brauchen. Es ist ein Morgen, an dem die Kälte und die strahlende Sonne Kontraste schaffen, als Filipe Duarte wartet und dabei eine Zeitung durchblättert. Er wartet auf Luis Filipe Rocha, ebenfalls ein Mann voller Gegensätze. Er verspätete sich nur um wenige Minuten. Danach fanden wir schnell eine ruhige Ecke in der Halle des Hotels, wo wir über sie und über ihren Film „A outra margem“ (Die andere Seite) sprechen konnten.

Eine filigrane Darbietung

Ein homosexueller Travestie, völlig deprimiert nach dem Tod seines Freundes mit dem er zusammen lebte sowie ein Jugendlicher mit Down-Syndrom, der Energie und Lebensfreude versprüht, sind die Protagonisten einer Geschichte, von der Rocha sagt, dass er sich wie von der Geschichte ausgewählt fühlte, diese zu erzählen: „ ich war schon immer der Meinung, dass die Geschichten uns aussuchen, um von uns erzählt zu werden und nicht wir diejenigen sind, die sie aussuchen.“ Das ist der Bote, der biologische Katalysator, der ohne Einschränkungen, wenn möglich, die Versöhnung zwischen denjenigen einleitet, die sich jeweils auf der anderen Seite des Flusses befinden, am anderen Ufer, „A outra margem“. In der Dunkelheit macht man ein wenig Licht und zu einem Licht im Leben Rochas entwickelte sich, nach dem Tod eines Freundes, das verheißungsvolle Drama, das Kontraste des Lebens zeigt: Die Einsamkeit und das

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Bedürfnis zu leben, der Egoismus und der Wunsch eines Jungen nach Glück. „Wir sind alle allein mit unserem Schicksal, unserer Vergangenheit und unserer Situation. Worum es aber geht ist, zu lernen diese Einsamkeit zu akzeptieren. Genau das ist es, was den Personen im Film sehr gut gelingt.“ Er fügt hinzu: „Der Egoismus ist eine dem Menschen innewohnende Eigenschaft, doch was einige nicht machen ist, ihn moralisch zu bekämpfen.“ Roche wirkt sicher als er von den Gefühlen des Menschen spricht, so dass man den Eindruck hat, dass er seine Tiefen kennt. Für ihn war es klar, was er mit diesem Film dem Betrachter vermitteln wollte und teilte dies dem gesamten Team mit, das am Film beteiligt war. Er schaut seinen Hauptdarsteller leicht fordernd an und entlockte ihm folgenden Satz: „Mit Rocha zu arbeiten heißt auf eine wunderbare Reise gehen, er ist ein großartiger Kapitän seines Schiffes“, sagt Filipe Duarte, dem für seine Rolle bereits die Auszeichnung des besten Darstellers beim Filmfestival in Montreal zuteil wurde, die er dann mit Tomás Almeida (dem Jungen aus dem Film) teilte. Der Schauspieler sagt selbst, dass er seine Rollen mit Leib und Seele spielt, aber in diesem Fall, setzte er beim körperlich schwierigen Teil auf die Hilfe von Fernando Santos (professioneller Travestie). „Alle zusammen erkannten die Zerbrechlichkeit der Geschichte und ließen sich von ihrer Feinfühligkeit anstecken“, erklärt Rocha. Genau das war ein entscheidender Faktor dafür, dass wir den Dreh so intensiv und so angenehm erlebten.“

Hoffnung für das europäische Kino?

Als wir die Frage nach dem „Gesundheitszustand“ des Kinos „Made in Europe“ stellen, zögern beide. Bisher noch ohne den zweifelhaften Ton seiner Stimme zu verlieren sagt Rocha: „ Das europäische Kino ist dem Tode geweiht, uns fehlen die Mittel und wir haben einen klaren Nachteil in Sachen industrieller Kapazität gegenüber dem amerikanischen Kino.“ Nichts desto trotz spricht er geheimnisvoll vom europäischen Kino als eine Einheit: „ Das europäische Kino sind die europäischen Kinos. Jedes einzelne hat Besonderheiten in seiner Geschichte und einige profitieren von den anderen.“ „ Was uns aber eindeutig vom US-amerikanischen Kino unterscheidet ist, dass uns unsere Literatur, unsere Poesie, unser Theater ausmacht… und natürlich unser Kino!“, sagt er lachend. Und außerdem, „entsteht das amerikanische Kino fast aus einer Hand mit dem eigenen Land“, sagt er. “A outra margem” wurde in Portugal bereits am 28 Oktober ausgestrahlt und ist im Moment überall unterwegs: “Er wurde in Montreal gezeigt, jetzt in Sevilla und in Kürze auf dem andalusischen Filmfestival für schwules und lesbisches Kino”, sagt Duarte. „Der Film bekommt laufend gute Kritiken und den Leuten scheint er zu gefallen.“ Mit Paulo Branco zu arbeiten bedeutet auch immer eine Gewisse Garantie in kommerzieller Hinsicht: „Er versichert dir, das dein Film auch wirklich gezeigt wird“, bestätigt der Regisseur. Mit Produzenten in Portugal, Frankreich und England und mit Ehrungen auf vielen Festivals, darunter La Mostra de Venecia und das europäische Filmfestival in Sevilla, ist Paul Branco heute nicht nur ein Produzent der europäisches Kino fördert, sondern der gutes europäisches Kino fördert, „das immer sehr reich an Kreativität ist“, erklärt Rocha zum Abschluss.

Concha Hierro

Fotos:

Sara Domínguez Martín

Übersetzt von

Björn Gillmann