Internetoase Jun - E-Demokratie in Spanien

Artikel veröffentlicht am 16. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 16. Oktober 2008
Der kleine Ort Jun im Süden Spaniens nutzt in einem europaweit einzigartigen Projekt alle Möglichkeiten, die neue Technologien bieten: Internet für alle und alles.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich der kleine andalusische Ort Jun in ein Techniklabor für ganz Europa verwandelt. Mit dem Motto “Recht auf Internet für die ganze Welt” ist die Stadtverwaltung der 3500-Seelen-Gemeinde ein Beispiel für die Verbesserung von Ressourcen und erfolgreicher Verwaltung: Endlich ist Schluss mit den kilometerlangen Schlangen, um unzählige offizielle Dokumente auszufüllen.

Von der spanischen Provinz nach New York

Die hohe Wahlbeteiligung bei den spanischen Parlamentswahlen im März 2004 war die Krönung des Projekts.

Eine Gemeinderatsversammlung, abgehalten per Internet, im Juni 2001, die elektronische Abgabe von Wahlstimmen, die Benachrichtigung der örtlichen Polizei per SMS und der Aufruf zu einem virtuellen Generalstreik. Das sind nur einige Beispiele, in denen die Digitalisierung der Information in Jun denjenigen Verwaltungsaufgaben Transparenz und Leistungsfähigkeit gebracht hat, die früher die Bevölkerung an den Rand der Verzweiflung trieb. Doch es war die Berichterstattung der New York Times zu Beginn dieses Vorreiterprojekts in Spanien und Europa, die das weltweite Interesse weckte.

Die hohe Wahlbeteiligung bei den spanischen Parlamentswahlen im März 2004 war die Krönung des Projekts, das bis dato für seinen Wiederstand gegen “Politikpropaganda” kritisiert worden war. Damals konnten die Bewohner von Jun per Handy oder elektronischer Unterschrift, deren Anonymität garantiert wurde, ihre Stimmen abgeben.

©Stadt Jun

José Antonio Rodríguez, Bürgermeister des vernetzten Ortes, betont, dass dies ein Beispiel für die „aktive Teledemokratie” sei. Ein Weg, die Kommunikation zwischen Bürgern und Lokalverwaltung zu fördern, auf kürzeren und daher schnelleren Dienstwegen. „Wir sind verpflichtet jeden per E-Mail eingehenden Antrag innerhalb von 24 Stunden zu bearbeiten“, unterstreicht der Gemeinderat von Jun, dessen Blog der am häufigsten besuchte in ganz Spanien ist.

Angewandte Informatik im Alltag

©Stadt JunEs gibt weder ‚Inforeiche‘, noch ‚Infoarme‘ in Jun, dafür W-LAN an allen Ecken des Ortes und außerdem ein Zentrum, wo öffentliche Computer benutzt werden können. Der frühere Weg, Rezepte in der Apotheke zu beantragen, ist Geschichte: jetzt ist alles digitalisiert und die übliche Medikamentenverabreichung für jeden Patienten erneuert sich automatisch. Der Andrang in den Gesundheitszentren ist um 40 Prozent zurückgegangen, seit der Papierkram für die Beantragung neuer Medikamentenrezepte entfällt. Das schafft Platz und Zeit für Notfallpatienten. Die Einführung des elektronischen Rezept-Systems wird nun auch im restlichen Europa gefordert. Der Erfolg von Jun ist ansteckend.

Die Stimmabgabe auf elektronischem Weg und per Handy findet ebenfalls Nachahmer auf dem Kontinent. Die Schweizer Kantone verwenden das System bereits und bei den letzten Wahlen in Frankreich kam es auf Wunsch von Sarkozy in fünf Pariser Bezirken zum Einsatz, ganz nach dem Beispiel des Cyberspace von Jun.

Falscher Alarm

Eine der größten Befürchtungen der Digitalisierung war, dass sich die zwischenmenschlichen Beziehungen verschlechtern.

Eine der größten Befürchtungen dieser Digitalisierung und Informatisierung war, dass sich die zwischenmenschlichen Beziehungen verschlechtern. Allerdings sind sich Einwohner und Bürgermeister darin einig, dass sie sich „wenn überhaupt möglich, verbessert haben“. Die Bewohner von Jun treffen sich nun nicht mehr in der Warteschlange am Rathaus und seltener im Wartezimmer des Arztes. Die jetzigen Treffen sind anderer Art: Freizeit, Arbeit, aber kein „Zeitverlust bei Bürokratieangelegenheiten“. „Die Moncloa (Name für den Ortseingang, wo jeden Tag die Älteren sitzen) gibt immer noch ihr Urteil am Ortseingang ab, oder eben auch nicht“, sagt José Antonio Rodríguez, um klar zu machen, dass sich die Gemeinde von Jun nicht im Geringsten verändert hat.

Hinsichtlich der Kosten konnte Jun bei der Verbesserung der Ressourcen wahrscheinlich sogar Geld einsparen. Der Technikeinsatz, das nächste Projekt ‚M Administración‘ (Verwaltung per Handy) und die Netzwerkeinrichtung, wird von Firmen wie Telefónica (Telekommunikation) oder Iberdrola (Stromversorger) in Form einer Auszeichnung für die Pionierarbeit in diesem Sektor subventioniert.