Internet - ein großes anarchistisches Event außer Kontrolle

Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2009
Als die irische Fernmeldegesellschaft Eircom am 1. September 2009 den Zugriff ihrer Kunden auf die schwedische Pirate Bay blockierte, meinte man, ein schwaches hämisches Glucksen von Internetnutzern auf der ganzen Welt zu vernehmen. Frankreich und Großbritannien setzen bereits fleißig Gesetze gegen Filesharing-Sünder um, das EU-Parlament diskutiert seine offizielle Position am 4. November.

Lust, die chinesische Internet-Firewall zu umgehen? Eine schnelle Google-Suche dürfte alles liefern, was man dafür an Werkzeug so braucht. Inzwischen wirft Eircoms schwache Behauptung, man wolle die Kommunikation kontrollieren, nur ein Schlaglicht auf die Tatsache, dass Serviceprovider heute nichts mehr zu sagen haben, wenn es um das Web geht. Falls sie überhaupt jemals Wesentliches zu melden hatten.

„Reine Zeitverschwendung“, erklärt ein Kommentator im irischen Studi-Verzeichnis Studentsmart.ie. „Gehen Sie zu x.com und klicken Sie auf den Button „Eircom-Blockade umgehen“. Hopp - und schon sind Sie drin. Damit verschieben sie das Problem nur in den Untergrund, es gibt jede Menge Möglichkeiten für das Filesharing. Man müsste schon das Internet komplett sperren, um so etwas zu unterbinden.“

„Warum bezahlen, wenn ich es umsonst bekommen kann?“

Und doch liegt der tiefere Sinn des anarchistischen Filesharing im Internet nicht einfach darin, verstockte, geldgeile Firmen zu ärgern. Kostenloser und ungehinderter Austausch von Dateien stellt nicht nur den Vorrang des Privateigentums in Frage. Damit hat sich ein internationales Verständnis von persönlichen Ressourcen durchgesetzt, in dem der Begriff „Geld“ nicht mehr vorkommt. Für viele stellt sich jetzt die Frage, warum man es überhaupt zugelassen hat, Medien den Launen multinationaler Firmengebilde auszuliefern. Während gedemütigte Schallplatten- und Filmgesellschaften regelmäßig bei dem Versuch scheitern, ein überzeugendes Argument dafür zu liefern, warum Filesharing schlecht sein soll (phantasiereiche Varianten von „Wir können euch dann ja nicht mehr das Fell über die Ohren ziehen“ bringen uns nicht wirklich weiter), betrachtet eine ganze Generation das digitale Material jetzt weniger als etwas, das „jemand besitzt“ als etwas „an dem man Anteil hat“.

Leo Tolstoi hat schon vor über hundert Jahren gegen das Urheberrechtsgesetz gewettert, und heute vermehren sich Interessengruppen gegen das Copyright in einem beispiellosen Ausmaß. Die französische Association des Audionautes wurde 2004 gegründet, um denen Rechtshilfe zur Verfügung zu stellen, die eines Urheberrechtsverstoßes beschuldigt wurden. Immer mehr digitale Veröffentlichungen nutzen den Copyleft Lizenz-Code, der die Freiheit schützt, Arbeiten zu reproduzieren und zu kopieren, anstatt dies einzuschränken.

Sich von der Idee „befreien“, dass es sich um das Eigentum von irgendjemandem handele.

Besetzerbewegungen in Berlin, Helsinki und Kopenhagen beteiligen sich an Aktionen wie Pirate Cinema, während Online-Organisationen wie The Free Software Foundation (FSF) das Ziel verfolgen, Software gleich ganz von der Idee zu „befreien“, dass es sich dabei um das Eigentum von irgendjemandem handele. „Die Firmen, die hinter der geschützten Software stehen, spionieren häufig aus, was Sie tun und hindern Sie daran, sich mit anderen auszutauschen,“ ist auf der FSF Website zu lesen. „Und weil unsere Computer viele unserer persönlichen Informationen und täglichen Aktivitäten kontrollieren, stellt geschützte Software eine unannehmbare Gefahr für eine freie Gesellschaft dar.“

Die Büchse der Pandora

Man könnte behaupten, dass mit dem Vertrieb digitaler Medien im Internet so etwas wie die Büchse der Pandora geöffnet worden wäre. Die Bemühungen europäischer Regierungen, mit einer gewissen Schärfe gegen das Filesharing vorzugehen, haben nur bewirkt, dass sich das Problem exponentiell vergrößert hat. Der schwedischen Tageszeitung Sydsvenskan zufolge war die Mehrheit der schwedischen Kandidaten für das EU-Parlament der Ansicht, Europa sei bei dem Problem schon zu weit gegangen. „Die EU-Gesetze basieren auf einer Lobbyismus-Kampagne von Hollywood und auf dem naiven Glauben, man könne das Internet vollständig kontrollieren, was weder möglich noch erstrebenswert ist“, so die Aussage des Mitgliedes der Grünen Partei Carl Schlyter gegenüber der anglophonen Zeitung The Local.

"Die Leute kann man nur durch eine technische Lösung abhalten - es gibt aber keine."

Anderswo bedient man sich der mühevollen Taktik „Soziale Kontrolle“, um die Idee, Eigentum und Internet müssten für beide Seiten Nutzen bringen, lebendig zu halten. „Ich lehne das Argument ab, es müsse Anarchie im Internet herrschen“, äußerte Ben Bradshaw, Kulturminister des Vereinigten Königreiches, am 20. Oktober, „eine Anarchie, die dazu führt, dass jeder sich ohne Bezahlung nehmen kann, was ihm gefällt.“ Alex Brown, Spezalist für Internetrecht erklärt dazu: „Mit solch hochgestochener Rhetorik wird man das Problem auch nicht schneller in den Griff bekommen.“ - „Die Leute kann man nur durch eine technische Lösung abhalten“, sagte er dem Guardian. „Es gibt aber keine.“

Die neue und umstrittene EU-Richtlinie IPRED (International Property Rights Enforcement Directive) scheint auf den durchschnittlichen Filesharer keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Ein Kommentar auf der Website des Local steht für die Einstellung der jungen Filesharer-Gemeinde, wobei hier herkömmliche Legitimation und unbändiger Innovationswille Hand in Hand daherkommen. „Das Gesetz mag so falsch sein, wie es will, aber Technologie hat keine Grenzen,“ heißt es da, „und das Gesetz lässt sich auf vielfältige Weise umgehen.“

William Gibson, der amerikanisch-kanadische Sciencefiction-Autor und der erste, der den Begriff „Cyberspace“ verwendete, sagte dieses aktuelle Dilemma schon 1984 kurz und bündig voraus: „Das Internet ist sonderbar,“ sagte er. „Es verdient kein Geld, und es ist übernational und kann von niemandem kontrolliert werden. Es ist das große anarchistische Event.“ Eric Schmidt, CEO von Google, hörte sich nicht viel anders an: „Das Internet ist das erste, was die Menschheit gebaut hat, ohne es selbst zu verstehen und damit das bedeutendste anarchistische Experiment, das wir jemals hatten“.