Intellektuellen-Import nach Europa

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Europa profitiert auch von „off-shore“–Denkern

Sei es durch den Effekt der grenzüberschreitenden Globalisierung oder auch durch die von vielen Denkern und Kritikern erreichte und ersehnte Europäisierung: Sicher ist, dass viele auf der anderen Seite des Atlantiks geborene Intellektuelle einen Platz als Meinungsführer auf dem alten Kontinent erlangt haben.

Zum einen gründet dies auf „lokalen Angelegenheiten“, wie dem Embargo gegen Kuba, der Zapatistenbewegung in Mexiko, angeführt von dem Kommandanten Marcos in Chiapas, oder der Ausweisung von Diktatoren und lateinamerikanische Genozide. Zum anderen bringen aber auch Fragen internationaler Reichweite wie der Krieg in Afghanistan oder der Irak-Konflikt viele „ausländische“ Denker dazu, ihre Meinung in den bedeutendsten Foren Europas kund zu tun.

Mario Vargas Llosa (Perú), Carlos Fuentes (México), Eduardo Galeano (Uruguay), Lula Da Silva (Brasilien), Héctor Bianciotti (Argentinien), Gabriel García Márquez (Kolumbien) oder Rigoberta Menchú (Guatemala) sind nur einige der südamerikanischen Intellektuellen, die die Kommentarseiten der angesehensten europäischen Zeitungen füllen, sobald internationale Fragestellungen auf der Tagesordnung erscheinen. Dort treten sie als Sprecher und in vielen Fällen auch als Protagonisten historischer Prozesse auf.

Utopien in Verruf

Sowohl das Embargo, dass Kuba schon seit langem erleidet, als auch die spätere – viel spätere – Erschießung dreier kubanischer Dissidenten, stieß erneut die Debatte über die karibische Insel und die Castro-Revolution an. Mario Benedetti (Uruguayaner), sein Landsmann Eduardo Galeano und Adolfo Pérez Esquivel (Argentinier) waren einige der Anführer der Diskussion in Europa, und sie waren auch diejenigen, die sich schließlich mit anderen “außer-europäischen” Intellektuellen konfrontiert sahen, die aber eine Position vertraten, die um einiges konservativer war als diejenige der Union.

Ohne dass es je zu einem persönlichen Austausch gekommen wäre, ergaben sich einige der hitzigsten kontroversen Auseinandersetzungen zwischen Mario Vargas Llosa und dem Schriftsteller und Dichter Mario Benedetti. Beide haben auf Grund von Exil und Unglück ihr Heimatland gegen das spanische Territorium eingetauscht. Während Vargas Llosa fast durchgehend in Madrid lebt, wechselt Benedetti zwischen seiner Heimat und der spanischen Hauptstadt. Der Peruaner hatte für seinen Eifer in der Verachtung von Utopien Kritik von allen Seiten geerntet. „Diejenigen, die versucht haben, sie zu institutionalisieren, haben ein katastrophales Ergebnis erhalten“. Aber für Benedetti, so wie für viele andere, ist es wichtiger, Realist zu sein und gleichzeitig das Unmögliche zu erhoffen. Schließlich ist die Diskreditierung der Utopien schon immer die beste Waffe der rechten Intelligenz gewesen.

Dieser Debatte schloss sich auch Carlos Fuentes (mexikanischer Schriftsteller) an, der über Beiträge in bestimmten europäischen Zeitungen auf seiner Position gegen die imperiale Politik der Vereinigten Staaten gegenüber Kuba beharrte. Trotzdem muss deutlich gesagt werden, dass sich aus den Reihen der linken Intellektuellen fast alle bemühten klarzustellen, dass sie genauso wenig mit der totalitären Politik der kubanischen Regierung gegen ihre eigenen Bürger übereinstimmten.

Weniger bekannt ist Héctor Bianciotti, aber deswegen hat er sich nicht weniger Meriten verdient. Auch er lässt sich der Liste der „importierten“ Intellektuellen hinzufügen. Er wurde in Argentinien geboren und emigrierte wegen der politischen Prozesse, die den Peronisten in den 50er Jahren untersagten, sich an den Wahlen zu beteiligen.

Er ist ebenfalls Schriftsteller und war der erste Lateinamerikaner, der sich im letzten Jahrhundert der Französischen Akademie angeschlossen hat, der jahrhundertealten Institution, die Kardinal Richelieu im 17. Jahrhundert gründete. Nach so vielen Jahren im Exil schreibt Bianciotti wie ein Franzose, mit einer französischen Syntax bis hin zu einer französischen Sichtweise. Aber trotz alledem ist in jedem seiner Sätze ein Hauch argentinischer Luft spürbar.

Das Paradoxe an diesem „Austausch“ der Intellektuellen zwischen Ländern und Kontinenten ist, das Europa auch exportiert. Der in Bezug auf die Massenmedien skandalöseste Fall ist der von Jesús Martín Barbero, ein Guru der Kommunikationstheorie in Lateinamerika. Er hat schon immer betont, auf welche Weise die Massenmedien sich die ursprünglichen Kulturen zu eigen machen und sie verändern – es bleibt das ewige Thema seiner Studien.

Dass er in Kolumbien lebt und die Staatsbürgerschaft mittels Adoption erworben hat, hat schon immer Skepsis bei denen hervorgerufen, die sich mit seiner Herkunft auseinandergesetzt haben. Sein Name könnte ein weiterer in der Liste der „importierten“ Intellektuellen sein ... aber nein: er ist Spanier. In den 60er-Jahren emigrierte er als Philosophieprofessor nach Cali. Er sagte immer, dass denen, die sich mit politischen und sozialen Konflikten beschäftigen, „Europa ziemlich langweilig vorkommt“.

Für den Frieden

Die Unterwerfung vieler lateinamerikanischer Völker und die Diktaturen, die die kommenden politischen Generationen zu Grunde gerichtet haben, bestellten den Boden, aus dem die neuen Intellektuellen geboren wurden. Die Stimmen in Europa waren und werden weiterhin Stimmen der Anklage und der Verurteilung dessen sein, was in fernen Orten der Südhalbkugel passiert. Rigoberta Menchú Tum, eine indigene Nachkommin der Maya-Kultur, hat es über ihren Sitz in der Unesco und Uno geschafft, das Elend der indigenen Völker in ihrem Land und auf dem gesamten Kontinent publik zu machen. Nach einer ganzen Odyssee von Aufenthalten im Exil wurde sie 1992 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und ist derzeit in diesem Bereich die gefragteste Meinungsführerin.

Folter, Schikanen und Misshandlungen verwandelten einen anderen Friedennobelpreisträger, Adolfo Pérez Esquivel, in einen der hartnäckigsten Menschenrechtsverteidiger auf der ganzen Welt. Durch seine Arbeit in pazifistischen Organisationen in Lateinamerika hat er sich den Militärs, die Argentinien in den 70er Jahren regierten, direkt ausgeliefert. Nach 14 leidvollen Monaten im Gefängnis setzte er den Kampf für die Einhaltung der Menschenrechte fort und brachte an die europäische Öffentlichkeit, welche Gräueltaten das argentinische Volk erleiden musste. Als Initiator einer internationalen Kampagne mit dem Ziel, alle Demokratien dieser Welt auf diese Missstände aufmerksam zu machen, wurde er zu einem weiteren Intellektuellen, der auf die Importliste gesetzt wurde.

Die Intellektuellen und Marcos

Neben vielen anderen Themen war der Aufstand des Subkommandanten Marcos in Chiapas, Mexiko, ein weiterer Brennpunkt, der eine Positionierung der „off-shore“-Intellektuellen zu Folge hatte.

Die Möglichkeit, dass eben dieser sich in einen weltweiten Führer gegen die Globalisierung und den Neoliberalismus wandelte, ließ auf dem alten Kontinent die Stimmen der mexikanischen Intellektuellen laut werden, die die von Marcos geplante Befreiung der 57 verschiedenen Ethnien unterstützen.

Roger Bartra, ein Essayist der Linken in diesem Land, stand den weit verbreiteten Vorstellungen bezüglich der Ereignisse in Chiapas sehr kritisch gegenüber und ging so weit, viele des „Revolutionstourismus“ zu beschuldigen. Von Europa aus versuchte er Licht hinter die Motive des zapatistischen Kampfes zu bringen. Damit sicherte er sich sogar die Bürgschaft Noam Chomskys, des linken Intellektuellen schlechthin, der nicht ausschloss, dass Marcos, in Verbindung mit anderen sozialen Bewegungen der Welt, die Zeitgeschichte verändern könnte.

Jeder Einzelne dieser Intellektuellen – von einer Liste die unendlich lang sein könnte – leistet einen Beitrag zur tieferen Kenntnis dieser Konflikte, die die Demokratien und die Menschenrechte der ganzen Welt gefährden. Einige von ihnen leben auf dem europäischen Kontinent – das macht ihre kritischen Stellungnahmen um einige Erfahrungen und zusätzliche Blickwinkel reicher. Die Tatsache, dass Europa ihre Meinungen „importiert“, bedeutet eine große Bereicherung für jede einzelne Debatte. Auch wenn viele von ihnen aus einer europäischen Sichtweise argumentieren, werden uns dadurch lokale Geschehnisse und Prozesse nahe gebracht, die der Macht der Globalisierung unterlegen sind.