Inszenierung und Gegenwart

Artikel veröffentlicht am 2. April 2016
Artikel veröffentlicht am 2. April 2016

Der Mensch als Wesen ist in seinen Empfindungen und oftmals auch ins seinen Perspektiven stark an die Gegenwart gebunden. Dennoch versucht der moderne Mensch sich davon zu lösen und eine Distanz zum Jetzt aufzubauen. Ein freiwilliger Akt oder ist die Gegenwart das nächste Opfer der Digitalisierung geworden? Eine Beobachtung.

Sanfte Wellen glitzern in der Nachmittagssonne vor dem Panorama Triests, dem ehemaligen Mittelmeerhafen der Habsburger. Der Blick von der Hafenmole, die die schillernden Namen ‚Audace’ trägt, ist atemberaubend. Sie reicht weit hinein in das tiefblaue Wasser der Adria. Eigentlich ist es unmöglich, die Schönheit dieses Ortes nicht zu genießen. Oder vielleicht doch? Zwei junge Frauen stehen in der Mitte der Mole und schießen seit über einer viertel Stunde Selfies. Alle möglichen Posen werden ausprobiert, die Blicke stets auf den kleinen Bildschirm gerichtet, das Lachen wirkt versteinert. Nur wenige Meter von dieser Szene sitzt ein älterer Mann auf einer Bank. Etwas anderes tut er nicht. Kein Smartphone, keine Fotos - die Fähigkeit des Nichtstuns und damit auch des Genuss. Ob auch die beiden jungen Frauen das noch könnten?

Man kann es bezweifeln, scheint es doch, dass auch sie unter der Unfähigkeit leiden, im Jetzt leben zu können. Wenige können Gegenwart noch bewusst wahrnehmen und einfach nur geschehen lassen. Die junge Generation lebt nicht den Moment sondern inszeniert ihn. Selfie für Selfie und Post für Post. Man spricht von den POPC - permanently online, permanently connected. Die Digitalisierung hat aus unserem Alltag eine Art Dauerdokumentation gemacht, die darauf fokussiert ist, eine Gegenwart festzuhalten, die eine reine Inszenierung ist. Und damit auch nicht mehr als eine Illusion. Auch das Reisen leidet darunter, meint beispielsweise der Tourismusforscher Ulrich Reinhardt. Ganz nach den Begriffen Facebooks schafft sich jeder von uns seine eigene Chronik. Inhaltlich unterscheidet sich diese kaum von den historischen Chroniken vergangener Jahrhunderte. Auch damals wurde beschrieben, was ruhmreich war, und ausgelassen, was ein negatives Bild hinterlassen hätte. Die Beschönigung des Lebens, damals wie heute. Unsere wahren Begleiter sind nicht mehr unsere Freunde sondern Smartphones. Es gibt zwar Menschen, die dagegen rebellieren. Doch Ihre Zahl scheint verschwindend gering.

Zurück auf der Mole. Zwei Pärchen sitzen festumschlungen auf dem Rand und unterhalten sich. Das Bemerkenswerte hierbei sind nicht deren Gespräche selbst, sondern der Umstand, dass sie als etwas Besonderes auffallen. Man hätte zumindest ein paar Selfies erwartet. Immerhin, ein Pärchen enttäuscht nicht. Nach wenigen Minuten platziert der Junge eine große Kamera hinter sich und dem Mädchen. Bevor er den Selbstauslöser drückt fragt er: Bereit? Bereit für was, könnte man sich fragen. Für die Gegenwart? Das Mädchen schaut etwas verunsichert. Dann drehen beide der Kamera den Rücken zu und blicken in die Ferne. Die perfekte Inszenierung von „verträumter Pärchenblick aufs Meer“. Die Gegenwart existiert nicht mehr. Sie musste einem Schauspiel weichen. Erlebt werden kann sie nur noch als Vergangenheit auf einem Bildschirm.