Insel-Fieber: Martinique und Guadeloupe in Aufruhr

Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Die Protestwelle, die als Reaktion auf die hohen Lebenskosten und eine entfremdende “kulturelle Integration” auf Guadeloupe entstanden war, ist nun auch auf Martinique übergeschwappt. Könnte Französisch Guinea in Südamerika und La Réunion im Indischen Ozean als nächstes mitgerissen werden, bevor die Wogen das französische Kernland erreichen? Eine Einschätzung eines jungen Bewohners von Martinique.

Die Proteste, die am 5. Februar 2009 auf Martinique begannen, wurden aus Solidarität mit Guadeloupe initiiert. Sie verlangen jedoch auch von den Bewohnern Martiniques, ihre eigenen Forderungen zu stellen. Momentan sieht die Zukunft düster aus. Der 5. Februar war der Tag, an dem sich die gesamte Situation ganz deutlich offenbarte. Tausende von Menschen gingen auf die Straße, um gegen eine Situation zu protestieren „die lange genug Bestand hatte.“ Inmitten des Aufruhrs und der Einleitung von Verhandlungen mit dem Präfekten der Region Martinique wurde das „Kollektiv des 5. Februar“ geboren.

Ein historischer Protest der französischen Überseegebiete

Seitdem die französische Union für Volksbewegung ['Union pour un mouvement populaire', UMP] die Kontrolle über die französischen Gebiete erlangt hat, hat eine Reform nach der anderen den Wiederstand der ursprünglichen Bevölkerung Guadeloupes und Martiniques erregt. Schließlich war es der inselweite Streik auf Guadeloupe, angeführt durch die Union gegen Ausbeutung ['Lyannaj Kont Pwofita-syon', LKP], der es den Bevölkerungen beider Inseln ermöglichte, das ‚Inakzeptable‘ zu entmystifizieren und über ihre Lage nachzudenken. Bald deklarierte man diese Proteste als historisches Ereignis in den französischen Überseegebieten.

133 Forderungen

Dass dieser Protest die Folge einer sozialen Krise ist, wird aus der Liste von 146 Forderungen auf Guadeloupe und den 133 Forderungen auf Martinique deutlich, die sich auf von der französischen Staatsreformen betroffenen Verwaltungsbereiche beziehen und in zehn Kapitel eingeteilt sind. Diese soziale Krise bezeugt, dass dem System die Energie ausgeht und die Bevölkerung der Karibik droht, daran zugrunde zu gehen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nahm sich am 19. Februar endlich des Problems an. Er legte den Rahmen fest, in dem die Forderungen der beiden „Länder“ Guadeloupe und Martinique verhandelt werden können.

Neben den strukturellen Reformmaßnahmen und trotz der einigen Bereichen zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel und den staatlichen Investitionen, die die Krise lösen sollen, ist es jedoch die Idee, die allgemeine Lage in diesen beiden „Ländern“ in Übersee zu organisieren, die heraussticht. Es ist ein recht ungewöhnlicher Vorschlag und großes Vorhaben. Es bleibt abzuwarten, wie wir so schnell wie möglich aus dieser Krise herauskommen. Das Vertrauen der Menschen auf Guadeloupe und Martinique ist erschüttert. Sie fordern weiterhin, dass der Staat seiner Verantwortung gerecht wird. Sein Desinteresse und eine Untätigkeit sind jedoch offenbar geworden, und die verschiedenen Gruppen unserer Gesellschaft wenden sich voneinander ab.

Europa hält sich raus

Der momentane Machtkampf zwischen dem Staat, Vorgesetzten, Kollektiven, Gewerkschaftsvertretern, Politikern und der Zivilgesellschaft spiegeln eine grundlegende Ohnmacht wider. Der Hintergrund für diese Ohnmacht ist die fehlende Würde und der Respekt für die Identität, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft einer Region. Das Verhaltensmuster, auf dem die Beziehungen zwischen Frankreich, Guadeloupe und Martinique basieren, ist frustrierend, und dies könnte auch in das französische Bewusstsein vordringen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Proteste zu aufrichtig gemeinten sozialen Reformen führen werden.

Wo bleibt die Europäische Union in dieser Geschichte, und was kann sie tun? Nicht einmal wichtige Politiker und institutionelle Vertreter könnten versuchen, eine gemeinsame Position zu diesen „ultraperipheren“ Gebieten der EU zu formulieren, nicht einmal eine negative.

Der Autor, 30, ist Doktorand in Politikwissenschaften an der Universität der Antillen und Guyana in Pointe-à-Pitre.