Indisches Feuer in Berlin

Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2011
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Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2011

Nach 45 Jah­ren in In­di­en kehrt eine Kreuz­ber­ge­rin zu­rück und bringt eine ur­al­te Ze­re­mo­nie des Feu­ers mit.

Mit­ten im Zelt steht einen Kreis aus an­ein­an­der an­ge­lehn­ten Stei­nen. Die Luft riecht stark nach Weih­rauch, des­sen Qualm den gan­zen Raum er­füllt. Nörd­lich vom Feuer steht die alte Yogini.

Ihr Gesicht ist gespannt, ihre ganze Aufmerksamkeit richtet sie auf die Mantras, die sie laut und klar singt. Vor ihr steht der Kreis von Steinen, in dessen Mitte viel Holz liegt, bereit, angemacht zu werden.

narmada-devi.jpgDie Vor­be­rei­tung hat lange ge­dau­ert. Die alte Yogini hat auf der Wiese au­ßer­halb des Zelts die Ana­lo­gi­en, die hin­ter der Ze­re­mo­nie ste­cken, genau er­klärt. Sie muss nörd­lich des Feu­ers sit­zen, da sie nach Süden schau­en muss. Denn da liegt das Ele­ment Feuer gemäß der in­di­schen Vor­stel­lung von der Welt. Das Holz muss ge­rei­nigt sein und darf nur aus ei­ni­gen be­stimm­ten Bäu­men stam­men, da die sub­ti­len Kräf­te stär­ker seien. Indem sie das Ver­ständ­nis der Be­tei­lig­ten über jede Hand­lung der Ze­re­mo­nie wacht, ver­sucht sie kom­plet­te Auf­merk­sam­keit wäh­rend des Ritus zu er­rei­chen. Eine der Zu­schau­er, des­sen Augen immer ganz ge­öff­net sind, sagt, dass er hier sitzt, um die Strah­lung der Yogini ab­be­kom­men zu kön­nen: Die Auf­merk­sam­keit auf sie ist groß.

yoga-festival_presse_2767_w.jpgNarmanda Devi Puri, die alte Yogini, ist ganz in Orange gekleidet und trägt die Haare in langen Dreadlocks, die mithilfe eines orangefarbenen Bandes über ihren Kopf gebunden sind. Ihr unbeschwertes Gesicht ist faltig und mitten der Stirn steht der typische indische rote Zirkel, der einen wichtigen energetischen Punkt des Körpers kennzeichnen soll. Sie ist 79 Jahre alt und in Kreuzberg geboren. Als 24-jährige Schauspielerin trampte sie nach Indien und kam nie wieder zurück. 45 Jahre hat es ge­dau­ert, bis ein Yoga Leh­rer aus Ber­lin sie wäh­rend einer Reise ge­trof­fen und über­re­det hat, für drei Tage an­läss­lich des Yoga Fes­ti­vals in ihre Hei­mat­stadt wie­der­zu­keh­ren. Da­zwi­schen hat sie das ganze Leben am Ufer des Gan­ges ver­brach­tet, indem sie Yoga mit ihrem Mann, einen be­rühm­ten Guru im Nord­in­di­en, prak­ti­ziert hat und ihr Leben an die Göt­ter ge­ge­ben hat.

Diese Ze­re­mo­nie des Feu­ers lei­tet sie jeden Abend in Indien zum Son­nen­un­ter­gang und heute auf der grü­nen Wiese von Alt-Kla­dow vor dem Wann­see an­lass des 7. Yoga Fes­ti­vals Ber­lin. In dem blau­en Zelt vor den Stei­nen und dem Holz ist sie von un­ge­fähr 60 Men­schen um­ringt. Alle sit­zen auf dem Boden. Ganz nah hin­ter ihr sitzt eine Grup­pe von Frau­en im Alten der Yogini. Ei­ni­ge Mi­nu­ten vor der Ze­re­mo­nie waren sie be­geis­tert, da sie mein­ten, dass Frau­en in In­di­en die­sen Ritus nur sel­ten prak­ti­zie­ren.

Es fängt mit einer großen Muschel an, in die die Yogini bläst, um einen leichten Pfiff hervorzubringen. Dann beginn eine Trommel langsam und rhythmisch zu schallen. Der Geruch von Weihrauch füllt jetzt die Nase. Das friedvolle und herzlich lächelnde Gesicht der Yogin ist verändert. Die gespannten Lippen und konzentrierten Augen stellen ihre totale Aufmerksamkeit dar. Um die Kreise von Steinen herum stehen viele Blumen. Blüten haben auch die Beteiligten in der ersten Reihe, um sie als Opfergabe im Feuer zu verbrennen. Die Aufmerksamkeit des Publikums erkennt man in den auf die Yogini fixierten Augen. Niemand unterbricht den Moment um die Szene zu fotografieren, nur zwei professionelle Fotografen von außerhalb des Zeltes versuchen, die Zeremonie aufzunehmen.

Jede Geste, die die Yogini macht, ist präzise und wachsam, genau so wie ihre Stimme, klar und hoch, wenn sie die Mantras rezitiert. Sie nimmt eine Flasche von Wasser aus dem Ganges, um das Holz zu reinigen. Dann mithilfe einer Zündung, die aus einem mit einer weißen Sahne bedeckten Holzstück besteht, macht sie das Feuer los. Der kleine Funke unter dem Holz wird mit geschmolzener Butter genährt. Als die Flammen schon hoch geworden sind, hört man trotzdem nicht das Knistern des Feuers, denn alle Beteiligten singen im Einklang Mantras aus alter Tradition.

Ste­fa­no lip­piel­lo