Indien: Ein Paradies für Vegetarier?

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2012
„Du bist Vegetarierin? Haha! Wirklich?“ Mukesh lacht ungläubig. Auch ein Restaurantbesuch, bei dem ich mich für veg biryani (gebratener Reis mit Gewürzen und Gemüse) entscheide, kann ihn nicht überzeugen. Dass man als Europäer wirklich allem Fleisch abhold sein kann, wollen viele Inder einfach nicht glauben.

Meist freuen sie sich aber trotzdem unbändig, wenn man verlauten lässt, dass man kein Fleisch, Geflügel oder Fisch isst. Und das sogar aus freien Stücken und nicht, weil es die Religion verbietet! Doch bei einigen Hindus macht sich dann auch sogleich ein schlechtes Gewissen bemerkbar.

Obwohl Indien laut internationaler Studien über eine beeindruckende Vegetarierquote von 42% verfügt, steht das doch nur auf dem Papier. Viele der jungen Hindus, die noch nicht einmal an Fleisch denken dürften, geben meist kleinlaut zu, dass sie sich im Geheimen Hühnchen oder Lammfleisch gönnen. Vegetarier nennen sie sich aber trotzdem und würden nie auf die Idee kommen, ihr Essverhalten in Frage zu stellen. Schließlich kommt es nicht eben häufig vor, dass sie sich chicken korma leisten, denn das ist zu teuer und würde ihre Großmutter ins Grab treiben. Die Faustregel dabei lautet: Je älter und ärmer, desto standhafter vegetarisch. Und auch die Geographie spielt eine Rolle, denn je tiefer man sich in den Süden des Subkontinents wagt, desto vegetarischer ist die Kost.

snack_knife.jpgDass im Norden mehr Fleisch gegessen wird, liegt auch daran, dass dort prozentual mehr Muslime und Sikhs leben, denen die Religion keinen Vegetarismus vorschreibt. Geflügel und Lammfleisch ist den Anhängern dieser Religionen zum Verzehr freigegeben, aber um Schweine- und Rindfleisch machen beide Glaubensgruppen meist einen großen Bogen. Wer als Vegetarier im muslimischen Viertel einer indischen Stadt landet, muss also aufpassen, wenn er sein biryani bestellt, denn das kann dort ungefragt mit zähen Ziegenfleischstücken durchsetzt sein. Auch das passiert manchmal in einem Land, in dem sonst 99% der Gerichte auf der Speisekarte vegetarisch sind. 

Am anderen Ende des Spektrums stehen die besonders strengen pure vegetarians, die nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Eier, Zwiebeln und Knoblauch verzichten. Die Logik dieser Mischung muss einem Europäer komisch vorkommen, da es sich bei letzteren ja nicht einmal um tierische Produkte handelt. Da sowohl Zwiebeln als auch Knoblauch aber zu Verdauungsbeschwerden und Körpergeruch führen können, werden sie von Hindus höherer Kasten und Jainisten als „verunreinigend“ angesehen und daher gemieden. Während man als westlicher Vegetarier in Indien meist auf Beifall stößt und sich angesichts der größtenteils fleischlosen Küche wie im Paradies fühlt, erntet man als Veganer nur Kopfschütteln. Die Vorstellung, vollkommen auf Milch und ghee (geklärte Butter) und damit auf die Grundprodukte der heiligen Kuh zu verzichten, kann Indern nur absurd erscheinen. Überhaupt ist es in Indien schwierig, über individuelle, nicht religionsgebundene Essgewohnheiten zu sprechen, da es den meisten Menschen vom Himalaya bis nach Südindien schleierhaft ist, wie Europäer überhaupt so wählerisch sein können.

curry_red.jpg Wenn man es recht betrachtet, können kulinarische Vorlieben kaum erklärt werden. Fest entschlossen, doch etwas Logik in die Debatte zu bringen, sporne ich den Hindu Mukesh und den Moslem Sahil an, ihre jeweilige Positionen in Bezug auf Fleisch zu diskutieren: „Du hast schon Mal Rindfleisch gegessen? Jetzt kann ich nicht mehr dein Freund sein!“ Mukesh scheint ehrlich geschockt. Als er selbst aber offenbart, dass Schweinefleisch eigentlich ganz gut schmeckt, wendet sich Sahil angewidert ab: „Du bist ja verrückt! Schweine kann man doch nicht essen, die sind dreckig!“ Während die beiden sich gegenseitig die Freundschaft aufkündigen, sitze ich als Vegetarierin dazwischen und versuche schlechten Gewissens, die Wogen zu glätten. Es ist ja auch eigentlich egal, was wir alle essen, solange nur jeder das bekommt, was ihm am wenigsten Bauchschmerzen bereitet. Am Ende entscheiden wir uns gemeinsam für veg biryani – denn das kann quer durch die Religionen wirklich jeder essen.