Iñaki Gabilondo: Die Verantwortung des Journalisten

Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2005
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Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2005

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„Es gibt kein spanisches Thema, das nicht europäisch ist“ so der bekannteste Journalist in Spanien. Iñaki Gabilondo verkörpert Neugier, Klugheit und journalistische Verantwortung, was ihm seit 25 Jahren wachsende Hörergunst sichert.

Der wichtigste Vertreter des spanischen Radiojournalismus empfängt uns in einem Raum, der sich hoch über die madrilenische Gran Vía erhebt, ohne sich auch nur kurz eine Verschnaufpause zu gönnen. Eben erst hat er „Hoy por Hoy“ („Heutzutage“) beendet, seine tägliche Sendung von 6 bis 12 Uhr auf Cadena SER. Es ist Mittag in Spanien und weit und breit sind nicht mehr Kaffee, sondern erfrischendes Bier und andere Getränke im Umlauf. Ein alkoholfreies für ihn. Für mich ein kaltes Wasser.

Der Journalist in unserer Gesellschaft

Auf die Frage, ob sich der interviewte Interviewer in der Rolle des Befragten unwohl fühlt, betont Gabilondo, dass es sich lediglich um eine andere Position in einer gewöhnlichen Angelegenheit handeln würde: Um den Dialog, um die Leidenschaft zu verstehen, wenn man gefragt wird, und verstanden zu werden, wenn man antwortet.

Der Journalismus sei ein Beruf wie jeder andere - abwechslungsreich, besonders in der letzten Zeit. Man könnte meinen, dass Journalisten etwas zu analysieren und zu sagen hätten. Gabilando besteht jedoch darauf, dass man ihn letztendlich fast immer nach politischen Themen

und nach dem Zustand der öffentlichen Meinung fragt. Bedingt durch ihren Status als professionelle Beobachter seien Journalisten Experten für allgemeine Ideen. Sie würden ihre Zeit damit verbringen, den Tag zu beobachten und wichtigen Persönlichkeiten auf Schritt und Tritt zu folgen,. Das gäbe ihnen einen gewissen Überblick, worüber man spricht und was man denkt; ohne dass diese Idee von irgendeiner wissenschaftlicher Bedeutung wäre, wie er betont.

Ein journalismuskritischer Journalist

Auf die Frage nach der Debatte zwischen und in den Medien, antwortet Gabilando entschieden: "Die Diskussion existiert nicht, zumindest nicht in Spanien". "Ich denke, dass in anderen Ländern mehr Auseinandersetzungen stattfinden als hier; unter anderem, weil es wenige europäische Staaten gibt, die sich mit derartigem Eifer im Grunde wenig entscheidenden Themen widmen. Die Welt erlebt heute einen bedeutenden Wandel und jedermann fragt sich, wie Bildung, Frieden etc. aussehen sollten. Und in Spanien fragen wir uns immer noch, wie Spanien aussehen soll." Auf die Frage nach dem öffentlichen Auftrag des Journalisten betont er, dass dieser zwar grundlegend für den Beruf sein sollte, er aber durch Propaganda gefährdet sei.

"Der Journalist sollte im Wesentlichen der Öffentlichkeit verpflichtet sein. Darüberhinaus kann er natürlich in einem privaten oder öffentlichen Unternehmen, bei Opus Die oder der kommunistischen Partei mitarbeiten. Doch heute ist es umgekehrt. Ich für meinen Teil bin meinen Mitbürgern, den Hörern meiner Sendung verpflichtet - viel mehr als meiner Firma. Und mehr noch, ich begreife die Solidarität mit meinem Unternehmen als Solidarität mit meinen Hörern."

"Glauben Sie nicht, dass es zu viele Meinungen in Spanien und Europa gibt?", bohre ich weiter. "Das macht nichts, denn gibt kein Problem mit vielen Meinungen.“ Aber die Programme seien doch sehr editorialisiert, insistiere ich weiter. "Aber dies ist nichts Schlechtes", entgegnet er gelassen. Schädlich sei lediglich, dass Meinungen entstehen, die nicht auf Fakten basieren. "Ich brauche täglich mehr Informationen, um mir eine Meinung zu bilden", erklärt Gabilondo, "und trotzdem merke ich, dass Meinungen mit sehr wenig, ohne oder sogar entgegen den Fakten entstehen."

Und genau dieser Zweifel taucht auf: Ob in der heutigen Presse alles erfunden ist. In diesem Punkt erweist er sich als kritisch. Der Journalist schlägt scherzend vor, die Presse solle alle zehn Jahre ruhen, damit sich die Gesellschaft von den harten Schlägen erholen könne, die ihr das journalistische Gewerbe im Namen ihrer Logik und nicht im Namen der Gesellschaft versetzt hat.

Europa im Blick

Man spricht viel über Informationsüberfluss, aber dies könnte ein Ammenmärchen sein: Gibt es keine Informationslücken, frage ich, um zu erfahren, ob er nicht eine europäische Berichterstattung vermisst. "Sicher", antwortet er. "Jeder war davon überzeugt, dass seine Zeit die höchste Vollkommenheit der Menschheit erreicht hat und später merkte man, dass dies nicht der Fall ist. Ich kann nicht alles wissen", fährt er fort. "Ich bin ein Kind meiner Zeit und kann mich ihrer Begrenztheit nicht entziehen. Heute aber habe ich im Gespräch mit Ihnen Wege entdeckt, die ich bis dahin noch nicht kannte" – den Weg von café babel. Doch wird Europa nicht für immer ein Thema der Eliten bleiben? "Wir sprechen über einen langen Prozess", so Gabilondo beruhigend. Heute seien Europathemen noch ein Luxus, den man sich leistet, wenn es keine anderen Probleme gibt.

"Ich kann nicht in die Zukunft sehen", sagt der Radiomacher auf die Frage nach partizipativen Medien "und außerdem versagen alle Zukunftsprognosen. Das, was ich sicher sagen kann, ist, dass viele neue Wege der Strukturierung von Informationen entstehen werden." Er habe den Eindruck in einem Riesenrad zu leben, während es zu einem Erdbeben kommt. "Wenn es zur Vergemeinschaftung in den unterschiedlichsten Bereichen kommt, warum sollte dies auch nicht in der Kommunikation passieren?"

Was will Iñaki Gabilondo nach 25 Jahren Karriere im Journalismus noch erreichen? "Ich hatte nie die Absicht, irgendwelche Sprossen zu erklimmen, sondern einen Tag zu erleben, dann den nächsten und dann den nächsten. Ich bin ein glücklicher Mensch. Die Menschen leben in einer sich verändernden Realität, aber sie merken dies nicht. Meine Arbeit besteht darin, dieser Realität in Stunden, Minuten und Sekunden ins Gesicht zu sehen. Es ist ein Privileg, das es möglich macht, aus jedem Tag einen unterschiedlichen Tag zu machen. Ich werde die morgige Sendung vorbereiten, eine, die ich noch nie in meinem Leben gemacht habe. Es ist für mich genauso neu wie für einen Jungen, der morgen im Radio anfangen wird. So ist es mein ganzes Leben lang gewesen. Vor der Sendung steige ich mit meinen Kollegen auf die Dachterrasse und erzähle ihnen: "Ich sage euch, das hier ist der letzte Tagesanbruch, den ihr heute sehen werdet. Das Einzige, was ich für gewiss halte", schließt er, “ist der europäische Prozess. Nenn mir ein spanisches Thema, das nicht europäisch ist."