In Nantes ernähren sich Studenten für einen Euro

Artikel veröffentlicht am 1. März 2011
Artikel veröffentlicht am 1. März 2011
Milchprodukte, Obst und Gemüse, Fleisch, Trockenobst: Die ausgewogenen Nahrungsmittel, die ein Student im Supermarkt, wo er für gewöhnlich seine Billignudeln kauft, wegen Ebbe im Portemonnaie gar nicht erst anschaut, werden auf dem solidarischen Markt der Association de Solidarité Etudiante en France (ASEF), einem solidarischen Verein für Studenten, seit 10 Jahren zum symbolischen Wert von einem
Euro verkauft. Der Markt ist jeden Donnerstag brechend voll. Reportage.

Donnerstag ist Markttag für die freiwilligen Helfer des ASEF. Jede Woche organisiert der Verein eine Essensausgabe für Studenten. Das Prinzip ist einfach: Mit einem symbolischen Beitrag von einem Euro und einer leeren Einkauftasche ist jeder Student auf dem Markt des ASEF willkommen. Etwa 200 gehen jede Woche mit einer Tüte voller Lebensmittel nach Hause, für die sie im Supermarkt mindestens einen Zwanziger hinlegen müssten.

80 Euro im Monat gespart

Am Morgen gehen einige der ASEF-Helfer zur so genannten 'Banque Alimentaire' in Nantes, einer Art Lebensmitteldepot, und füllen einen Lieferwagen mit Essen. Die 'Bank' sammelt Lebensmittel, die für den Verkauf ungeeignet aber noch nicht verdorben sind und täglich von den umliegenden Supermärkten zur Verfügung gestellt werden. Die Produkte werden von dort anschließend in die Räumlichkeiten des Vereins befördert, wo auch der Markt stattfindet. Es handelt sich um die Garage eines Studentenwohnheims, die vom CROUS, dem französischen Studentenwerk, gestellt wird. Etwa eine halbe Stunde vor der Eröffnung des Marktes um 17 Uhr begeben sich etwa 10 Helfer in die Räumlichkeiten, um Joghurts aufzureihen, Milchpaletten zu stapeln oder Obstkisten auf die Tische zu stellen. Draußen wartet schon geduldig eine Horde Studenten.

Warum die Studenten ausgerechnet hierher kommen? Bei einigen ist das Stipendium zu knapp, andere haben gar keins. Einige von ihnen kommen jeden Donnerstag, andere nur ab und zu. Ganz vorne in der Reihe steht Amandine, 22 Jahre, die in einem Master of Science studiert, und unterhält sich mit Nawel, einer algerischen Studentin. Für die beiden sind die Märkte der ASEF eine wirkliche Hilfe. Amandine muss im Monat mit 460 Euro Stipendium auskommen. Auf den Rat der Sozialarbeiterin an ihrer Uni hin ist sie zu Beginn des Jahres zum solidarischen Markt gekommen. Seitdem kommt sie regelmäßig vorbei. Jeden Monat spart sie so 80 Euro an Essensausgaben. Zusätzlich profitiert Amandine von einer Partnerschaft zwischen dem Verein und den Sozialarbeiterinnen. Der Wochenmarkt des ASEF ist für alle Studenten zugänglich, Einkommensnachweise werden nicht verlangt. Wer mit einem von der Sozialarbeiterin ausgestellten Dokument besondere finanzielle Schwierigkeiten vorweisen kann, dem stehen auf dem Markt allerdings zusätzliche Lebensmittel zu.

Keine Frage der Ehre

Besonders ausländische Studierende sind auf dem Markt des ASEF zahlreich vertreten. Sie kommen aus Peru, so wie Yaen und Elisabeth, aus China, wie Yuchen, oder sogar von der Elfenbeinküste, wie Richard oder Varlene. Wenn der finanzielle Rückhalt durch die Familie oder das Heimatland schwach oder schlicht und einfach nicht vorhanden ist, ist es manchmal schwer den Kühlschrank zu füllen. Und neben der Lebensmittelausgabe sind die wöchentlichen Treffen auch eine Gelegenheit, andere Studenten zu treffen und Tipps über das Leben in Frankreich auszutauschen.

Richard kam mit 34 Jahren nach Nantes, um hier sein Studium in Zahnmedizin zu beenden. Später möchte er Zahnmedizin in Abidjan (Elfenbeinküste)unterrichten. Als Nicht-Stipendiat muss er mit 400 Euro im Monat klarkommen, die er als Nachtwächter in einem Studentenwohnheim verdient. Von der französischen CAF [die so genannte Caisse d'allocations familiales greift Studenten und Familien mit Wohngeld unter die Arme; A.d.R.] bekommt er 130 Euro Wohnungsgeld. Aber selbst damit kann er sich nicht vernünftig ernähren. Dank des ASEF kann Richard, dessen Freunde ihn gern als 'Vielfraß' betiteln, sich zwei oder drei Tage über Wasser halten.

Varlene, 24 Jahre, kam vor vier Monaten von der Elfenbeinküste, um ein Verwaltungsstudium in der „Stadt der bretonischen Herzöge“ zu machen. Der junge Mann befindet sich gerade auf einer finanziellen Durststrecke. Denn das Stipendiengeld, das er vom Staat der Elfenbeinküste bekommen sollte, wurde immer noch nicht überwiesen. Und die Ersparnisse, mit denen er nach Frankreich kam, schrumpfen täglich. Aus Stolz wollte er die Hilfe des Vereins erst nicht annehmen. Inzwischen sagt er aber selbst, er habe nicht einmal den Anspruch, sich ausgewogen zu ernähren, sondern überhaupt etwas zwischen die Zähne zu kriegen. An diesem Abend ist er schon zum dritten Mal auf dem Markt des ASEF. Die Nahrungsmittel, die der Verein ihm hier bietet, haben für ihn großen Wert.

Mehr Nachfrage... und mehr Helfer!

Immer mehr Studenten kommen zum Treffpunkt. Laut Cécile, der Buchhalterin des Vereins, besuchen jedes Mal um die 200 Studenten den Markt. In der Ferien- und Prüfungszeit seien es etwas weniger. Cécile studiert Soziologie und arbeitet seit etwa 5 Jahren als Freiwillige für den Verein. Die Zahl der Studenten, die den Markt besuchen, habe die letzten Jahre stetig zugenommen, erklärt sie. Für Cécile bestätigt diese hohe Nachfrage sowohl die zunehmende Bekanntheit des Vereins unter den Studenten von Nantes als auch die Verschlechterung der Studienbedingungen. Junge Absolventen haben Schwierigkeiten, ihre erste Arbeitsstelle zu finden - und sei es nur ein Nebenjob. Die Eltern, die von den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen sind, haben nicht mehr die Mittel, ihre Kinder zu unterstützen. Gleichzeitig bleibt die Höhe der Stipendien unverändert und die Mensapreise sowie die Mieten der Studentenwohnheime und die Mietpreise allgemein steigen an.

Die Besucher des Marktes sind dem Verein dankbar. Es haben sich sogar Nachahmer des ASEF gefunden und nun werden auch in anderen französischen Städten Studentenmärkte ins Leben gerufen - ein Erfolg für die freiwilligen Helfer des ASEF, der seine Arbeit im nächsten Jahr vielleicht nicht fortführen kann: Die Garage muss renoviert werden und die Universität hat noch keine Alternative für den Markt angeboten. Im Moment können die Märkte aber noch stattfinden. Wie Cécile betont ist der Schlüssel zum Erfolg des Vereins das freiwillige Engagement, das eine lehrreiche und bereichernde Erfahrung sein kann, wenn man bereit ist, ein bisschen seiner Freizeit zu investieren.

Fotos: ©ASEF