In Krisenzeiten ist selbst Paris solidarisch

Artikel veröffentlicht am 15. März 2010
Artikel veröffentlicht am 15. März 2010
Die Krise als Chance für eine demokratischere Wirtschaft, die dem Einzelnen, aber vor allem der Gemeinschaft Nutzen bringt: Junge Leute in Paris finden Lösungen auf der Grundlage von Gegenseitigkeit und Kooperation, ein Teil der Gesellschaft folgt ähnlichen Tendenzen und die Experten erklären, warum das so ist.

Paris ist eine der teuersten Städte Europas und in Krisenzeiten wird diese Eigenschaft noch stärker spürbar. Allerdings bietet die Stadt aber auch diverse solidarische Lösungen, um dem derzeitigem Sumpf zu entkommen. Trotz der allgemein individualistisch geprägten Kultur, die noch immer überwiegt und einer verbreiteten Trittbrettfahrer-Mentalität, entscheiden sich viele junge Menschen heute für kooperative Optionen. Notwendigkeit oder freie Wahl? Von dem Nutzen profitiert in jedem Fall die Gemeinschaft. So leben junge Leute zum Beispiel oft in Wohngemeinschaften, um die Kosten zu teilen und finden allerlei Kniffe, um aktiv am sozialen und kulturellen Leben in Paris teilzunehmen. Dementsprechend entwickelt sich auch das Angebot an günstigen Lösungen, die auf vielfache, begeisterte Resonanz treffen.

WG in Paris - ein Muss in Krisenzeiten

Horrende Mieten und hohe Lebenserhaltungskosten machen junge Pariser kreativRoberta Cecchetto und Lucie Prost, beide unter 30, erklären uns, was man in Paris tun muss, um gut zu leben, wenig auszugeben und Entscheidungen zu treffen, die für einen selbst aber auch die anderen von Nutzen sind. „Ich habe in Paris meinen Erasmus-Aufenthalt absolviert und hatte eigentlich nicht die Absicht, dorthin zurückzukehren“, erzählt Roberta. „Dann bot mir eine Freundin, die in Paris lebt, einen interessanten Job für drei Monate an. Ich packte einen kleinen Koffer für einen Aufenthalt von wenigen Wochen und nun ist ein Jahr um und ich bin immer noch hier.“ Sie gesteht ein, dass es nicht einfach sei. Es mangele an Arbeit, die Mieten seien hoch und staatliche Beihilfen zu bekommen, sei äußerst schwierig. „Aber ich liebe diese Stadt“, fährt sie fort: „Sie bietet tausend Alternativen. Man muss sich eben arrangieren und dies ist genau der richtige Ort dafür. Denn hier ist es einfach, sich einen Bekanntenkreis aufzubauen und sich gegenseitig zu helfen.“

Lucie wohnt gemeinsam mit zwei anderen Personen in einer Mietwohnung. Ihr Verdienst liegt unter dem Mindestgehalt, erreicht also nicht einmal 1000 Euro. Und das, obwohl sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche hat. Lucie ist sehr aktiv, achtet andererseits aber auch darauf, was sie tut und vor allem wie sie es tut: „Ich arbeite im Kultursektor und diese Tätigkeit ermöglicht mir den Zugang zu vielen Events wie Ausstellungen und Vernissagen. Ich mag Bio-Lebensmittel, kann sie mir aber nicht leisten. Ich reise gern, aber dafür muss man sich gut organisieren: günstige Tickets finden und Unterkunft bei Freunden bekommen, zum Beispiel. Die Schwierigkeit liegt darin, an die Zukunft zu denken“, schließt sie.

Die Pariser Kultur „demokratisieren“

In Paris gibt es verschiedene Einrichtungen, die im Rahmen der solidarischen Wirtschaft nicht nur Vergünstigungen auf dem Kulturmarkt, sondern auch kooperative und demokratische Lösungen anbieten. Der Kiosque jeunes und die so genannten Maisons des associations (Vereinshäuser) sind zwei Angebote der Stadt Paris, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Kultur zu "demokratisieren". „An unserem Info-Point erhalten Jugendliche Organisationstipps und preisreduzierte oder kostenlose Tickets für Kulturaktivitäten wie Theater-, Konzert- und Ausstellungsbesuche“, erklärt uns Kultur-Animateurin Anne Fermin.

„Unser Maison des Associations befindet sich im 20. Arrondissement von Paris“, erklärt uns Mitarbeiterin Sylviane Paysant-Raynaud. „Wir gewähren keine finanziellen Beihilfen, sondern Unterstützung bei der Gründung von Verbänden, deren Entwicklung, der Organisation von Versammlungsräumen und Aktivitäten. Solche Projekte nützen nicht nur einzelnen Personen, sondern der ganzen Gemeinschaft. Und es gibt sie in den verschiedensten Ausprägungen: in der Landwirtschaft ebenso wie im Bildungssektor oder in der Kunst.“

Auch Bernard Thomas hat aus der Pariser Not eine Tugend gemacht: „Alles begann im Jahr 2004. Meine Tochter hatte preisgünstige Bahntickets gekauft, die aber weder rückerstattet noch umgetauscht werden konnten. Ich versuchte, sie über das Internet weiterzuverkaufen, allerdings ohne Erfolg. Und so dachte ich mir, man müsse eine Suchmaschine für Tickets erfinden, die nach dem gleichen System funktioniert wie die der SNCF (französische Bahn). Daraufhin habe ich einen Prototypen entworfen und die Online-Tauschbörse Troc des Trains ins Leben gerufen.“ Stolz auf seinen Einfall, fährt Bernard fort: „Die Seite hat einen ausgeprägt gemeinschaftlichen Charakter, der von allen Nutzern unterstützt wird. Die Art zu reisen hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt: Vor allem junge Leute suchen nach kostengünstigen Lösungen und das Internet ist hierfür hervorragend geeignet.“

Preisgünstige Pariser Alternativen

Antikrisen-Demo in Paris ©h_de_c/flickrIrgendwann haben die Leute selbst gemerkt, dass sie sich auf die neue Situation einstellen mussten: „Betrachten wir die Krise als eine Gelegenheit, die die Dekadenz des Kapitalismus sowie die Notwendigkeit herausstellt, andere Modelle einzusetzen“, erklärt Laurent Jeanneau (29), Journalist bei der französischen Monatszeitschrift Alternatives Economiques. Die Zeitschrift, für die Laurent arbeitet, bietet ein konkretes Beispiel: „Wir haben eine kooperative Satzung, eine jährliche Hauptversammlung und agieren als Kapitalgesellschaft. Die soziale und solidarische Wirtschaft macht nicht nur von sich reden, sondern wirkt sich direkt auf uns aus. In der Region Ile de France sind über 600.000 Personen in Unternehmen dieses Wirtschaftsmodells tätig und erarbeiten 10 Prozent des BIP. In Frankreich gibt es viele individuelle, lokale und gemeinschaftliche Initiativen. Was jedoch fehlt, sind Kohärenz auf politischer und öffentlicher Ebene, demokratischere Information und menschlichere Menschen.“

Paris bietet scheinbar alle Voraussetzungen für eine optimale Entwicklung solidarischer Wirtschaft: Der sozio-kulturelle Bereich springt bereits stark auf das Thema an. Besonders junge Leute sind konstruktiv und kooperativ. Auch die Prognosen der Experten sind zuversichtlich: Dank verstärktem politischen Bewusstsein und gemeinsamer Aktionen wird sich die solidarische und soziale Wirtschaft weiter ausbreiten und in Zukunft nicht nur eine, sondern zwei, drei oder sogar fünf Personen von zehn beschäftigen. Chiara Chelini, Expertin im Bereich kognitive Ökonomie an der l'École normale supérieure de Paris, findet daran nichts Ungewöhnliches: „Studien belegen, dass der Mensch biologisch dazu veranlagt ist, evolutionär und solidarisch zu denken. Und wenn sich alle dementsprechend verhalten würden, wäre der letztendliche Nutzen größer, als die Summe der Vorteile für jeden Einzelnen.“ Nun bleibt nichts weiter tun, als konkret zu handeln. In Paris scheint dies möglich zu sein. Man muss es nur wollen.

Fotos : ASDesignPictures/flickr, Varkevisser/flickr, h de c/flickr. Video: 3emegauche/Youtube