Immigration: Bayrisch-britischer Shitstorm

Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2014
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2014

Wie­der ist eine Im­mi­gra­ti­ons-Wel­le über Eu­ro­pa ge­schwappt. Nicht an den Gren­zen, wie es vor­her­ge­sagt wurde, son­dern in den Köp­fen ei­ni­ger Po­li­ti­ker aus Lon­don und Mün­chen. Seit Jah­res­be­ginn ge­nie­ßen Bul­ga­ren und Ru­mä­nen Rei­se­frei­heit in der Eu­ro­päi­schen Union. Viele sag­ten einen An­sturm auf so­zia­le Sys­te­me vor­aus. Und was ge­schah? Nichts. 

Wer sich bis­her nach Jah­res­be­ginn in einen Bus oder den Flie­ger aus Sofia oder Bu­ka­rest setz­te, woll­te Ur­laub ma­chen oder stu­dier­te be­reits ir­gend­wo im eu­ro­päi­schen Aus­land. Zum Jah­res­wech­sel be­klag­ten sich die dor­ti­gen Bus­un­ter­neh­mer über halb­lee­re Busse. Die Flie­ger aus Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en nach Lon­don und in an­de­re eu­ro­päi­sche Haupt­städ­te, waren, an­ders als vor­her­ge­sagt, nicht vol­ler nach So­zi­al­hil­fe gie­ren­der Ein­wan­de­rer. Es gab schlicht kaum einen Ru­mä­nen oder Bul­ga­ren, der sich ent­schie­den hatte, nach Ab­lauf der Sperr­frist der Rei­se­frei­heit in­ner­halb der EU in ein an­de­res eu­ro­päi­sches Land aus­zu­wan­dern. Der­weil hat die Zu­wan­de­rungs-De­bat­te in Mün­chen und Lon­don ihre Tief­pun­ke er­reicht. 

Ge­ne­rell gilt: Wer Im­mi­gra­ti­on aus Ost­eu­ro­pa dis­kre­di­tie­ren möch­te, darf es nicht zu genau neh­men, denn er wird mit einer an­de­ren Rea­li­tät kon­fron­tiert. Die bay­ri­sche Christ­lich-So­zi­ale Union (CSU) mach­te das vor: „Wer be­trügt, der fliegt“. Ge­meint war, dass Im­mi­gran­ten, die So­zi­al­sys­te­me in Deutsch­land un­recht­mä­ßig in An­spruch neh­men, ab­ge­scho­ben wer­den sol­len. Wei­ter­hin gilt: Wer sich über So­zi­al­be­trug em­pört, soll das eben ma­chen. Dann darf sich dabei aber nicht auf Im­mi­gran­ten be­schränkt wer­den. Jene Po­li­ti­kern, die sich jetzt über So­zi­al­be­trug von Im­mi­gran­ten em­pö­ren, schau­en auf der an­de­ren Seite bei Steu­er­sün­dern der ge­ho­be­nen Ge­halts­ka­te­go­rie gerne weg­. Der Ein­druck ent­steht, dass die­je­ni­gen Im­mi­gran­ten, die so­wie­so schon von einer ge­rin­gen So­zi­al­hil­fe leben müs­sen, ge­ne­rell unter Ver­dacht ste­hen. „Im Zwei­fel gegen Im­mi­gran­ten", so hört sich das an. In­zwi­schen ist der Wind des bay­ri­schen Shits­torms aber be­reits in eine an­de­re Rich­tung um­ge­schla­gen. Viele Men­schen fra­gen sich ge­ra­de im In­ter­net, wohin der Prä­si­dent des FC Bay­ern Uli Ho­en­eß ab­ge­scho­ben wird, wenn er dem­nächst wegen Steu­er­be­trugs ver­haf­tet würde.

Fin­ger­ab­drü­cke von Im­mi­gran­ten

„Wer be­trügt, der fliegt“ un­ter­stellt, dass Im­mi­gran­ten in be­son­ders hin­ter­lis­ti­ger Weise die So­zi­al­sys­te­me in Deutsch­land aus­nut­zen woll­ten. Elmar Brok von der Christ­lich-De­mo­kra­ti­schen Union (CDU) hatte in die­sem Zug an­ge­regt, Fin­ger­ab­drü­cke von Mi­gran­ten zu neh­men, die ver­su­chen sich un­er­laubt Leis­tun­gen zu er­schlei­chen. So eine Me­tho­de wäre an Ab­sur­di­tät kaum zu über­tref­fen und stellt Im­mi­gan­ten unter Ge­ne­ral­ver­dacht. Von in­ter­es­san­ten Fak­ten über Mi­gra­ti­on wird hier­bei ab­ge­lenkt. In Deutsch­land sind pro­zen­tu­al gar nicht mehr Men­schen aus Bul­ga­ri­en und Ru­mä­ni­en auf So­zi­al­hil­fe an­ge­wie­sen, als Deut­sche. Von der viel be­schrie­be­nen „Ar­muts­mi­gra­ti­on“ kann also nicht die Rede sein. Viel­fach schlie­ßen Im­mi­gran­ten die Lü­cken, die sich auf dem deut­schen Ar­beits­markt auf­tun. Viele Jobs wer­den auch erst durch die Ideen von Zu­züg­lern kre­iert.

Auch in Groß­bri­tan­ni­en wird auf Kos­ten der Im­mi­gran­ten Po­li­tik ge­macht. Der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter David Ca­me­ron möch­te Polen ver­bie­ten, So­zi­al­hil­fe in ihr Hei­mat­land zu ihren Kin­dern zu schi­cken. Auch mach­te er den Vor­schlag, dass So­zi­al­leis­tun­gen für Im­mi­gran­ten nied­ri­ger aus­fal­len soll­ten, als für Bri­ten. Auch hier soll­te alles von der läs­ti­gen Tat­sa­che ab­len­ken, dass tat­säch­lich die eu­ro­päi­sche Mi­gra­ti­on den Bri­ten wirt­schaft­lich zu Gute kommt. In Groß­bri­tan­ni­en sind Polen sogar im Durch­schnitt bes­ser aus­ge­bil­det, als Bri­ten und tra­gen nicht un­we­sent­lich zur Wirt­schafts­leis­tung des Lan­des bei. Ganz ab­ge­se­hen davon, dass sich die zahl­rei­chen 2,2 Mil­lio­nen Bri­ten im EU-Aus­land be­stimmt nicht gerne als Bür­ger zwei­ter Klas­se be­han­deln las­sen wol­len (siehe Gra­fik). 

Zu oft wer­den beim Thema Im­mi­gra­ti­on Dinge ver­mischt, die au­gen­schein­lich nichts mit­ein­an­der zu tun haben. Das Wort „So­zi­al­tou­ris­mus“ hat es des­halb zum Un­wort des Jah­res im deutsch­spra­chi­gen Raum ge­schafft. Zu­recht, denn mit sub­ven­tio­nier­tem Tou­ris­mus hat Im­mi­gra­ti­on wenig zu tun. Wer in ein an­de­res Land in Eu­ro­pa zieht, hat meis­tens erst nach drei Mo­na­ten An­spruch auf So­zi­al­leis­tun­gen. Tat­säch­lich macht es die Stim­mungs­ma­che aus Mün­chen und Lon­don wenig Lust dar­auf, in ein Land zu zie­hen, indem Im­mi­gran­ten stig­ma­ti­siert wer­den. Das wäre schei­ße für alle.